14.09.2026, 07:44 Uhr
Ein Essay des Anthropic-Chefs hat am Wochenende gereicht, um die Nervosität an den Finanzmärkten rund um Künstliche Intelligenz sichtbar zu machen. Dario Amodei fordert ein langsameres Tempo bei der...
Die Energiewende bekommt eine überraschende Wendung. Nicht Wind- und Solarparks allein bestimmen, wer zu den Gewinnern gehört. Der eigentliche Engpass liegt zunehmend dahinter: bei Gas, Netzen, Kabeln, Transformatoren und Speichern. Energie wird damit wieder stärker zu einer Frage von Verfügbarkeit und genau das verändert die Investmentstory.
Europa erlebt gerade, wie teuer fehlende Versorgungssicherheit werden kann. Anfang September lag der europäische Gaspreis bei knapp 74 Euro je Megawattstunde, dem höchsten Stand seit 2023. Gleichzeitig waren die europäischen Speicher nur zu rund 65 Prozent gefüllt, deutlich weniger als im langjährigen Durchschnitt von etwa 88 Prozent. Deutschland lag sogar nur knapp über 50 Prozent.
Alexis Bienvenu, Portfoliomanager bei LFDE, sieht darin nicht nur ein Inflationsrisiko. «Abgesehen vom Inflationsrisiko geht es auch um die Wettbewerbsfähigkeit Europas.» Besonders Chemie, Stahl und Düngemittel könnten unter dauerhaft hohen Gaspreisen leiden. Profitieren könnten dagegen unter anderem LNG-Produzenten, Kernenergie und Unternehmen rund um die Elektrifizierung.
Wie stark Energie wieder zum Makrofaktor wird, zeigt Bendura: In der Eurozone stiegen die Energiepreise im August um 14,3 Prozent, die Inflation erreichte mit 3,3 Prozent den höchsten Stand seit drei Jahren. Die Bank sieht zudem die hohe energiepolitische Unabhängigkeit der USA als Wachstumsstütze – ein Vorteil gegenüber Europa, wo hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit belasten.
Gleichzeitig entsteht auf der Stromseite ein völlig neues Nachfrageproblem. KI-Rechenzentren, Reindustrialisierung und Elektrifizierung treiben den Verbrauch nach Jahren der Stagnation wieder nach oben. «Der Stromverbrauch steigt erstmals seit Jahren wieder deutlich», sagt Christian Rom, Portfoliomanager bei DNB Asset Management.
Besonders interessant ist dabei, dass sich der Engpass verschiebt. Bei neuen Rechenzentren geht es nicht mehr nur um Chips oder Grundstücke, sondern zunehmend um die Frage, wann überhaupt ausreichend Strom verfügbar ist. DNB verweist darauf, dass mobile Gasmotoren in Kombination mit Speichern derzeit als Übergangslösung gefragt sind. Gleichzeitig sind die Auftragsbücher für Gasturbinen bis zum Ende des Jahrzehnts gefüllt. Auch bestehende Kernkraftwerke werden neu kontrahiert oder hochgerüstet.
Damit verschwimmen auch die alten Grenzen zwischen fossiler und erneuerbarer Energie. Der steigende Strombedarf lässt sich kurzfristig nicht mit einer einzigen Technologie decken. Gas, Kernkraft, erneuerbare Energien und Speicher werden parallel gebraucht – nicht unbedingt als Konkurrenz, sondern als Teile desselben Systems.
Noch interessanter könnte jedoch das Netz selbst sein. VanEck sieht den entscheidenden Engpass zunehmend nicht in der Stromerzeugung, sondern in der Fähigkeit, Strom zuverlässig zu transportieren und zu verteilen. Viele Netze in Europa und den USA wurden für ein Energiesystem gebaut, das weder Millionen Elektrofahrzeuge noch KI-Rechenzentren und stark schwankende erneuerbare Erzeugung kannte.
Damit entsteht ein Investitionsbedarf, der deutlich über neue Kraftwerke hinausgeht. Übertragungsleitungen, Transformatoren, Umspannwerke, Batteriespeicher, Kühlinfrastruktur und Leistungselektronik werden zu zentralen Bausteinen des neuen Energiesystems. Gerade weil diese Bereiche weniger im Fokus stehen als Solar- oder Windkraft, könnten dort die interessanteren Engpässe liegen.
Für Anleger rücken damit Unternehmen in den Vordergrund, die bislang weniger im Rampenlicht standen. DNB nennt unter anderem Prysmian und Nexans bei Kabeln, Schneider Electric bei elektrischer Ausrüstung sowie Monolithic Power und Onsemi bei Leistungshalbleitern. Hinzu kommen Transformatoren, Hochspannungstechnik, Netzsoftware und Speicher. Genau hier liegen viele der Flaschenhälse des neuen Stromsystems.
Auch Batteriespeicher wachsen rasant: 2025 stieg die weltweit installierte Leistung laut den von DNB zitierten Daten um 79 Prozent. Doch hohes Wachstum allein reicht nicht. In Teilen des Speichermarktes sorgen niedrige Eintrittsbarrieren bereits für Margendruck. Für Anleger könnte deshalb Knappheit attraktiver sein als reines Volumenwachstum.
VanEck geht noch einen Schritt weiter: Elektrifizierung verbindet Stromversorgung mit Halbleitern, Bergbau und digitaler Infrastruktur. KI-Systeme und Cloud-Rechenzentren konkurrieren um dieselben Ressourcen – Strom, Chips, Kühlsysteme sowie Kupfer, Uran, Lithium und Seltene Erden.
Damit verschiebt sich die Investmentstory. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Wer produziert künftig mehr grünen Strom? Sondern: Wer besitzt die Technologie und Infrastruktur, ohne die dieser zusätzliche Strom gar nicht genutzt werden kann? Aus der Energiewende wird damit zunehmend eine Infrastrukturwette und aus Energieversorgung wieder ein strategischer Wettbewerbsvorteil.