31.08.2026, 12:43 Uhr
Die 1924 in Zürich gegründete Bank Vontobel wird 2030 ihren Hauptsitz von Zürich nach Baar ZG verlegen. In einem neuen Campus sollen künftig mehr als 1500 Mitarbeitende zusammenarbeiten, die heute auf sieben...
Steigende Ölpreise, hartnäckige Inflationssorgen und eine geldpolitisch aggressivere Fed-Rhetorik haben die Rendite eines globalen Staatsanleihen-Index auf den höchsten Stand seit Mitte 2008 getrieben. In Japan kletterte die Rendite zehnjähriger Titel erstmals seit 1996 über 3 Prozent – mit direkten Folgen für die Bank of Japan und den Yen. Hintergrund sind die hohe Verschuldungsgrade und die geopolitischen Unsicherheiten.
Die globalen Anleihenmärkte sind zum Wochenstart unter verstärkten Verkaufsdruck geraten. Ein von Bloomberg berechneter Index für Staatsanleihen aus aller Welt verzeichnete am Montag den vierten Tag in Folge steigende Renditen und erreichte mit 3,72 Prozent den höchsten Stand seit Mitte 2008. In den USA stieg die Rendite zehnjähriger Treasuries auf den höchsten Wert seit Januar 2025, während in Japan die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen am Dienstag erstmals seit 1996 die Marke von 3 Prozent berührte.
Als unmittelbaren Auslöser der jüngsten Verkaufswellegilt die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh vom vergangenen Freitag, in der dieser sein Versprechen bekräftigte, die Inflation endgültig unter Kontrolle zu bringen. Die Markterwartungen an eine straffere US-Geldpolitik haben sich seither verschärft: Ökonomen von Barclays und Société Générale passten ihre Prognosen nach der Rede an und rechnen nun mit weiteren Zinserhöhungen noch in diesem Jahr – ein Szenario, das sie zuvor nicht auf dem Radar hatten. Idanna Appio, Portfoliomanagerin bei First Eagle Investments, bringt die Marktstimmung auf den Punkt: «Investoren beginnen neu einzuschätzen, wie neutrale Leitzinsen aussehen.» Die höheren Finanzierungskosten stellen auch US-Finanzminister Scott Bessent vor Probleme, der erst im August zusätzliche Massnahmen ergriffen hatte, um die Renditen einzudämmen – mit Blick auf die Zwischenwahlen im November ein politisch heikler Zeitpunkt für steigende Kreditkosten.
Neben der Fed-Politik nennt Bloomberg auch die neu aufgeflammten Spannungen zwischen den USA und Iran als Belastungsfaktor: Die Sorge vor länger andauernden Störungen der Energieflüsse durch die Strasse von Hormus hat die Ölpreise nach oben getrieben, was wiederum die Inflationssorgen verstärkt. Mehrere aktuelle und ehemalige Regierungsvertreter rechnen damit, dass sich der Nahost-Konflikt noch über Monate hinziehen könnte. Hinzu kommen strukturelle Sorgen über die Höhe der Staatsausgaben in Japan, Grossbritannien und den USA, die Anleger dazu veranlassen, für länger laufende Titel eine höhere Entschädigung zu verlangen. Mark Cranfield, Stratege bei Bloomberg Markets Live, fasst das Umfeld pointiert zusammen: «Das kurzfristige Umfeld ist toxisch.»
Besonders exponiert zeigt sich Japan. Die Financial Times berichtet, dass US-Finanzminister Scott Bessent am Rande eines G20-Treffens in North Carolina sowohl mit der japanischen Finanzministerin Satsuki Katayama als auch mit Notenbankgouverneur Kazuo Ueda zusammentraf und dabei signalisierte, dass die Bank of Japan aus seiner Sicht bald die Zinsen anheben sollte. Gegenüber CNBC erklärte Bessent gemäss FT, er verfüge über Informationen, die dem Markt nicht vorlägen, und sei überzeugt, dass Japans Regierung und die BoJ Massnahmen für einen stärkeren Yen ergreifen würden. Bereits vor dieser Aussage hatten Overnight-Index-Swaps laut Bloomberg eine Wahrscheinlichkeit von rund 92 Prozent für eine BoJ-Zinserhöhung bis September eingepreist, eine weitere Erhöhung im Oktober gilt demnach bereits als vollständig eingepreist.
Zusätzlichen Druck erzeugen die Fiskalpläne von Premierministerin Sanae Takaichi: Das japanische Verteidigungsministerium hat für das kommende Fiskaljahr ein Rekordbudget eingereicht, während Takaichis Konjunkturpaket – inklusive einer umstrittenen Senkung der Konsumsteuer – laut FT umfangreiche zusätzliche Staatsausgaben vorsieht. Takahide Kiuchi, ehemaliges Mitglied des BoJ-Direktoriums und heute Analyst am Nomura Research Institute, ordnet den Renditeanstieg als Marktsignal ein: «Der Anstieg auf 3 Prozent könnte Takaichi zu einer Korrektur ihrer expansiven Fiskalpolitik zwingen.» Japan legt seine Budgetannahmen für das kommende Fiskaljahr bereits auf einen Zinssatz von 3,8 Prozent aus. Eine Rendite von über 3 Prozent bei zehnjährigen Titeln könnte laut FT zudem japanische Lebensversicherer dazu bewegen, US-Anleihen abzustossen und Kapital in den heimischen Markt zurückzuführen – nach der Anleihenauktion vom Dienstag rutschte die Rendite allerdings wieder leicht unter die 3-Prozent-Marke.
Neben Japan gerieten auch australische Anleihen unter Druck: Die Rendite zehnjähriger Titel erreichte laut Bloomberg ein Niveau, das zuletzt 2011 verzeichnet wurde, nachdem überraschend hohe Inflationsdaten die Markterwartungen an eine vierte Zinserhöhung in diesem Jahr verstärkt hatten. Andrew Pease, Leiter Investments Asien-Pazifik bei Russell Investments, sieht darin ein klares Signal: «Der Markt preist eine höhere Wahrscheinlichkeit von Zinserhöhungen ein.» Der Bloomberg-Anleihenindex hat seit Jahresbeginn 0,9 Prozent verloren, nach einem Plus von 6,8 Prozent im Jahr 2025. Die steigenden Renditen drohen laut Bloomberg auch die von der Aktienbewertung her ambitionierte, KI-getriebene globale Kursrally zu belasten: Der MSCI All Country World Index notiert bereits rund 1 Prozent unter seinem Mitte August erreichten Rekordhoch. Saisonale Muster sprechen laut Bloomberg-Daten der vergangenen zehn Jahre zudem nicht für eine baldige Entspannung – September und Oktober zählten historisch zu den schwächsten Monaten für den globalen Anleihenindex.
Eric Robertsen, Head of Global Research bei Standard Chartered, verweist gegenüber der FT auf die strukturelle Dimension des Problems: Solange sich an den grundlegenden fiskalischen Rahmenbedingungen nichts ändere, fehle dem langen Ende der Zinskurve ein Anker. Prashant Newnaha, Zinsstratege bei TD Securities in Singapur, formuliert es gegenüber Bloomberg ähnlich pointiert: Der Anleihenmarkt sende ein klares Signal, dass eine hartnäckigere Inflation eine länger andauernde Phase höherer Leitzinsen bedeute, und er rechne mit einer Fortsetzung des Ausverkaufs, angetrieben von fiskalischer Verschlechterung und einer steigenden Laufzeitprämie.
Der aktuelle Ausverkauf liest sich wie eine Bestätigung dessen, was grosse Vermögensverwalter für 2026 bereits vorausgesagt hatten. Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group, hatte kürzlich argumentiert, dass Märkte plötzliche Krisen zwar rasch einpreisen, die Folgen jedoch oft über Jahre hinweg in Form höherer Kosten und steigender Risikoprämien nachwirken – genau das Muster, das sich nun bei der Verknüpfung von Nahost-Konflikt, Ölpreis und Anleiherenditen zeigt.
Auch PIMCO hatte in seinem langfristigen Ausblick «Bruch und Belastbarkeit» gewarnt, dass sich der potenzielle Kurs der Weltwirtschaft von einem schmalen Spektrum plausibler Entwicklungen auf eine deutlich breitere Verteilung möglicher Szenarien verschoben habe – mit entsprechend höheren Ausschlägen in beide Richtungen bei Wachstum, Inflation und Marktrenditen. Und Amundi-Geopolitikexpertin Anna Rosenberg hatte bereits vor einer anhaltend hohen Volatilität gewarnt, getrieben unter anderem von hohen Staatsausgaben und geopolitisch bedingten Energierisiken.
Was in jenen Einschätzungen noch als mittelfristiges Risikoszenario formuliert war, zeigt sich nun in Echtzeit an den Anleihemärkten: Die gleichzeitige Belastung durch geopolitisch getriebene Energiepreise, ausufernde Staatsdefizite in Japan, Grossbritannien und den USA sowie eine restriktivere Notenbankrhetorik ist genau jene Kombination struktureller, sich gegenseitig verstärkender Unsicherheiten, vor der die Asset Manager gewarnt hatten. Für Anleger bedeutet das laut den befragten Häusern weniger, den nächsten Zinsentscheid korrekt zu prognostizieren, als vielmehr zu verstehen, wie tief Geopolitik, Fiskalpolitik und Notenbankpolitik inzwischen miteinander verflochten sind – und Portfolios entsprechend robuster gegenüber mehreren gleichzeitig wirkenden Risikofaktoren aufzustellen.
Für Schweizer Anleger bleibt der internationale Renditeanstieg vorerst vor allem ein Fremdwährungsthema: Der CHF-Obligationenmarkt bewegt sich aufgrund der Nullzinspolitik der SNB und des schwachen einheimischen Wachstums in einem deutlich anderen Zinsregime als die globalen Referenzmärkte. Steigende Auslandrenditen erhöhen jedoch tendenziell den Absicherungsaufwand für global diversifizierte Schweizer Obligationenportfolios und dürften die Diskussion über die Laufzeitengewichtung in institutionellen Portfolios weiter befeuern.