19.05.2026, 08:38 Uhr
Nach dem Gerichtsurteil von dieser Woche wird immer deutlicher: Mit SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen drei Tech-Schwergewichte mit einem geschätzten Gesamtwert von rund 3 Billionen USD vor dem Sprung an die Börse....
Die Debatte um nachhaltiges Investieren verlagert sich. Nicht mehr die Frage, ob nachhaltig investiert werden soll, treibt die Investoren um, sondern die glaubwürdige Messbarkeit der Wirkung. Dazu hat der Springer-Verlag zwei neue Bücher veröffentlicht, die diese Woche vorgestellt wurden. Sie liefern einen Werkzeugkasten für professionelle Anlegerinnen und Anleger.
Die Stimmungslage im Bereich nachhaltigen Investierens hat vielerorts gekehrt. Nach Jahren des Booms fliessen Mittel aus dezidierten Nachhaltigkeitsfonds ab (das hat auch regulatorische Gründe), die SEC hat in den USA ihre Klima-Offenlegungsregel unter dem politischen Gegenwind faktisch sistiert, und auch in Europa schwächelt das Vertrauen. Auch wenn hierzulande noch jeder zweite Franken in nachhaltige Fonds investiert wird und auch die eigentliche Energiewende faktisch im vollen Gang ist, herrscht ein Unbehagen.
Was sich daraus ableitet, ist nicht das Ende des nachhaltigen Anlegens als Konzept, sondern eine Neuformulierung ihrer Aufgabe: Zum einen werden klassische ESG-Strategien heute unter dem Aspekt der Risikominimierung vielerorts schon als «Commodity» abgebucht. Zum anderen will man auch innerhalb der Branche weg von übertriebenen Behauptungen und unhaltbaren Verheissungen hin zu einer glaubwürdigen und vor allem messbaren Disziplin, die ihre auf den ersten Blick widersprüchlichen Ziele, Rendite und Wirkung, in Einklang bringt und messbar macht.
Genau hier setzen die beiden Herausgeberinnen Marta Ra und Karen Wendt an, die diese Woche ihre beiden Fachbücher vorgestellt haben. Beide Bücher sind in der Reihe «Sustainable Finance» im renommierten Springer-Verlag erschienen*. Beide Bücher – alle Artikel wurden von Expertinnen geschrieben – kreisen um die eine Kernfrage: Wie kann nachhaltiges Investieren in Zukunft – im Bereich Wealth Management und im Bereich Asset Management – Bestand haben?
Natalie Baki, Portfoliomanagerin bei der in Zürich domizilierten Globalance Bank, formuliert in ihren Artikeln die Herausforderung an die Praxis so: Die klassischen Erfolgskennzahlen der Branche – Return on Investment, Sharpe Ratio, Alpha, Tracking Error, Drawdown – sind notwendig, aber für die Welt, in der nachhaltige Portfolios heute bestehen müssen, nicht mehr hinreichend. Wer Klimarisiken, Stranded Assets und regulatorische Verschiebungen nicht systematisch misst, sieht sie erst in der Bilanz, wenn sie nicht mehr zu hedgen sind.
Baki schlägt deshalb ein erweitertes Set von Key Performance Indikatoren (KPI) vor, nach denen Unternehmen beurteilt werden: Auf der Umweltseite stehen Carbon Footprint, Climate Value at Risk und Green Revenue als Mass für jenen Umsatzanteil, der aus nachweislich umweltpositiven Aktivitäten stammt. Auf der sozialen Seite sind es Diversity- und Inclusion-Metriken, Employee-Safety-Indikatoren und Human-Rights-Compliance. Auf der Governance-Ebene Board Diversity, an Nachhaltigkeitszielen ausgerichtete Vergütungsstrukturen und Anti-Korruptions-Indikatoren. Dies sind vergleichbare Ziele, wie sie etwa die Nachhaltigkeitskriterien der UNO (die sogenannten SDGs) formulieren.
Darüber legt nun die Autorin eine vierte, vorausschauende Schicht: Sustainability Transition Readiness, Stranded Asset Exposure und Climate Scenario Analysis – Kennzahlen, die nicht beschreiben, was war, sondern modellieren, was in verschiedenen Klima- und Regulierungspfaden wahrscheinlich wird. Es geht hier also darum, die Zukunftsfähigkeit zu messen. Damit geht sie weiter als bestehende Ansätze. Diese erweiterten Kennzahlen sind dabei laut Banki nicht einfach zusätzliche Bestandteile einer klassischen Analyse, sondern Voraussetzung dafür, dass das Versprechen einer doppelten Rendite, also finanziell und gesellschaftlich, überhaupt empirisch überprüfbar wird.
Wo Baki die Messinstrumente adressiert, ergänzen zwei weitere Beiträge das Bild um zwei aktuell besonders relevante Dimensionen, die die Problematik der (Nicht-)Messbarkeit aus anderer Sicht angehen. Sabrina Herold (The Singularity Group, Zürich) untersucht in ihrem Kapitel «Assetization in Sustainable Asset Management» die Verlagerung ganzer Wertschöpfungsbereiche – Ökosystem-Dienstleistungen, Naturkapital, CO2-Zertifikate, tokenisierte Realwerte – in handelbare Anlagekategorien. Ihre Diskussion von Pflicht- und freiwilligen Kohlenstoffmärkten, von Natural Capital Accounting und Tokenisierung auf Distributed-Ledger-Infrastruktur zeigt: Sobald Wirkung handelbar wird, braucht es nicht weniger, sondern mehr Messdisziplin – sonst entstehen Märkte, in denen Preise ohne Wirkungsdeckung gehandelt werden. Ein ernüchterndes Fazit.
Monika Seppi (die bei Julius Bär als Portfoliomanagerin tätig ist) demonstriert in ihrem Kapitel, wie die Wirkungsmessung in der Praxis konkret aussieht. Ihre Fallstudien zu Net-Zero-Portfolios und Microfinance-Impact-Fonds zeigen, dass ESG-Integration und Impact Investing zwar verwandt, aber nicht identisch sind. Gleichzeitig ist auch hier klar, dass es neben klassischen Portfolio-Kennzahlen weitere messbare Grössen braucht: Erst wer Intentionalität, Additionalität und überprüfbare Metriken kombiniert– etwa die Anzahl vergebener Mikrokredite, die Rückzahlungsquote, den Einkommenseffekt bei den Kreditnehmerinnen oder den Anteil weiblicher Kreditnehmer in unterversorgten Regionen –, hat einen Anlageansatz, der die Nachhaltigkeitsziele nicht nur als Marketing-Folie nutzt, eine Chance.
Die Messbarkeit also auch hier als Schlüssel zur Wiederherstellung von Vertrauen – das gilt sowohl im Kontakt mit Privatkunden als auch im Umgang mit institutionellen Kunden. Die beiden Herausgeberinnen der Bücher, Marta Ra und Karen Wendt, fassen deshalb ihren Befund im Schlusskapitel des zweiten Bandes unter einem Begriff zusammen, der die Stossrichtung trifft: «Datenimperativ». Sie fordern von der Branche standardisierte ESG- und Impact-KPIs über Anlageklassen und Jurisdiktionen hinweg und eine globale Regulierungs-Konvergenz, die Greenwashing-Spielräume systematisch verkleinert. Hinzu kommt, dass die Branche Diversität nicht als Quotenanforderung, sondern als Investitionsprinzip verstehen sollte.
Die Forderungen nach mehr Messbarkeit sind auf den ersten Blick trivial. Doch für den Schweizer Finanzplatz ist das mehr als eine theoretische Übung. Denn in der Schweiz, die mit ihrer prinzipienbasierten Selbstregulierung bisher viel pragmatischer als die EU reguliert hat, werden derzeit die Spielregeln neu verhandelt. Stichwort hier ist die «Finanzplatz-Initiative». Die Branche ist deshalb gefordert, den Beweis für tatsächliche Wirkung zu liefern.
-------
*Hier die Informationen zu den Büchern
(alle Namen in alphabetischer Reihenfolge)
Sustainable Wealth Management Revisited - Female Leaders Transforming the Industry
Herausgegeben von Marta Ra und Karen Wendt
Verlag: Springer Cham
Hardcover ISBN: 978-3-032-02529-6
Sustainable Asset Management - Creating Resilient and Sustainable Portfolios
Herausgegeben von Marta Ra und Karen Wendt
Verlag: Springer Cham
Hardcover ISBN: 978-3-032-05658-0
Die Namen aller Autorinnen:
Natalie Baki, Désirée Dosch, Arlette Espinosa, Sabrina Failo, Emma Farrell, Christina Goltzsche, Sabrina Herold, Céline Kohler, Tina Minci, Marta Ra, Rosa Sangiorgio, Barbara Schreier, Monika Seppi, Karen Wendt.