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Wall Street geht in die Krypto-Offensive – und die Schweiz hält mit

Morgan Stanley markiert mit dem aggressiven Preiskampf im Bereich Krypto-Handel den jüngsten Wallstreet-Vorstoss in diesem Bereich (Bild: Adobe Stock)
Morgan Stanley markiert mit dem aggressiven Preiskampf im Bereich Krypto-Handel den jüngsten Wallstreet-Vorstoss in diesem Bereich (Bild: Adobe Stock)

Innerhalb weniger Monate haben die grossen US-Banken ihre Haltung zu digitalen Vermögenswerten grundlegend neu sortiert. Morgan Stanley unterbietet die Krypto-Börsen bei den Gebühren, JPMorgan akzeptiert Bitcoin als Kreditsicherheit, und die DTCC bringt tokenisierte Wertpapiere ab Juli in die produktive Marktinfrastruktur. Auch in der Schweiz verschärft sich der Wettbewerb.

08.05.2026, 07:54 Uhr
Asset Management | Fintech

Redaktion: asc

Den aggressivsten Vorstoss liefert derzeit Morgan Stanley. Die Bank lancierte diese Woche über ihre Tochter ETrade ein Spot-Krypto-Trading-Pilotprogramm zu 50 Basispunkten – damit unterbietet sie Charles Schwab (75 Bp) ebenso wie das in Stufen abgerechnete Coinbase-Retailgeschäft. Die rund 8,6 Millionen ETrade-Kunden erhalten Zugang zum direkten Kauf und Verkauf digitaler Vermögenswerte, zunächst in Bitcoin, Ether und Solana.

Die Ansage blieb nicht ohne Wirkung. Denn das Spot-Geschäft ergänzt den im April 2026 lancierten Bitcoin-ETF MSBT, der mit einer Total Expense Ratio von lediglich 14 Basispunkten der günstigste seiner Kategorie am US-Markt ist. Bis Anfang Mai sammelte das Produkt rund 211 Millionen Dollar an Zuflüssen ein. Ether- und Solana-ETFs sind beantragt, eine eigene Custody-Lizenz als National Trust Bank wurde im Februar 2026 in Washington eingereicht.

Die strategische Logik ist klar: Mit rund 16'000 Beratern und 9,3 Billionen Dollar an Kundenvermögen verfügt Morgan Stanley über eine Vertriebsmaschine, mit der die krypto-nativen Plattformen nicht mithalten können. ETF-Analyst Eric Balchunas formulierte es in einem Artikel zugespitzt: Wenn Schwab kontert und andere nachziehen, dürften die Krypto-Handelsgebühren bald ähnlich tief liegen wie heute schon die ETF-Gebühren – mit den entsprechenden Konsequenzen für die Margen der Krypto-Börsen.

JPMorgan – vom Skeptiker zum Strategen

Interessant ist die starke Wendung, die JPMoragn vollzogen hat: Noch 2023 bezeichnete JPMorgan-Chef Jamie Dimon Bitcoin öffentlich als wertlos. Inzwischen ist die Bank operativ einer der aktivsten Player. Über die hauseigene Plattform Kinexys (vormals Onyx) akzeptiert JPMorgan seit März 2026 Bitcoin und Ether direkt als Kreditsicherheiten für institutionelle Kunden – Hedgefonds und Corporate Treasuries können sich Liquidität in US-Dollar beschaffen, ohne ihre Krypto-Positionen verkaufen zu müssen. Die Verwahrung läuft über einen Drittverwahrer. Parallel hat JPMorgan laut Bloomberg einen tokenisierten Fonds auf Ethereum-Basis aufgesetzt und baut sein Krypto-Trading für institutionelle Kunden aus.

Es ist nicht nur ein unternehmerischer Entscheid, der dahinter steckt: Ein wichtiger Hebel ist die regulatorische Dynamik in den USA: Mit dem CLARITY Act zeichnet sich ein erstes umfassendes Marktstrukturgesetz ab. Mit dem im Juli 2025 in Kraft gesetzten GENIUS Act ist zudem erstmals ein klarer regulatorischer Rahmen für US-Bank-Stablecoins gesetzt. JPMorgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo prüfen ein gemeinsames Stablecoin-Projekt; Wells Fargo hat das Trademark «WFUSD» bereits eingetragen. Die Reservepflicht – 1:1 in Cash oder kurzlaufenden US-Treasuries, monatliche Offenlegung – schafft die Voraussetzung dafür, dass Stablecoins von der Krypto-Nische zu einer regulären Zahlungsinfrastruktur werden, die Regulatoren und Zentralbanken aktiv einplanen.

DTCC-Tokenisierung – die Infrastrukturrevolution

Den vielleicht weitreichendsten Schritt kündigte am 4. Mai 2026 die DTCC an, das zentrale Clearing- und Verwahrungsorgan der US-Wertpapiermärkte. Über 50 Institutionen – darunter BlackRock, Goldman Sachs, JPMorgan, Bank of America, Morgan Stanley, Citi, UBS, Wells Fargo, Nasdaq, NYSE Group, Robinhood sowie krypto-native Häuser wie Anchorage Digital, Circle, Fireblocks, Ondo Finance und Ripple Prime – beteiligen sich am Tokenisierungs-Service der DTC.

Die erste Handelsphase startet im Juli 2026, der breite Service folgt im Oktober. Abgedeckt werden Russell-1000-Aktien, ETFs auf grosse Indizes sowie US-Treasury-Bills, -Notes und -Bonds. Die SEC erteilte im Dezember 2025 einen No-Action-Letter, der den regulatorischen Rahmen absteckt. Damit werden tokenisierte Real-World-Assets erstmals direkt in die Kerninfrastruktur der US-Kapitalmärkte integriert – ein Schritt, der Settlement-Workflows, Wallet-Infrastruktur und Post-Trade-Operations branchenweit verändern dürfte.

Auch die Bank of America ist aktiv geworden: Sie hat per 5. Januar 2026 ihren rund 15'000 Vermögensverwaltern bei Merrill, Bank of America Private Bank und Merrill Edge erlaubt, Krypto-Allokationen aktiv zu empfehlen. Die offizielle Hausmeinung sieht eine Bandbreite von 1 bis 4 Prozent des Portfolios in Bitcoin-ETFs vor – initial gedeckt sind die Produkte von BlackRock (IBIT), Fidelity (FBTC), Bitwise (BITB) und Grayscale (BTC). Vorher durften die Berater Krypto nur thematisieren, wenn der Kunde von sich aus danach fragte – ein Paradigmenwechsel mit potenziell hohem Volumeneffekt.

Schweiz: Vorsprung aufgebraucht – aber nicht verloren

Was heisst das für die Schweiz: Während man hierzulande im institutionellen Krypto-Banking lange zu den weltweiten Pionieren zählte, schliesst Wall Street nun konsequent auf. UBS gehört dabei zu den Nachzüglern, auch wenn sie im Hintergrund sehr aktiv war. Erst Anfang 2026 öffnete die Grossbank den Bitcoin-Handel für ausgewählte Schweizer Private-Banking-Kunden – Jahre nachdem PostFinance, Zürcher Kantonalbank und mehrere weitere Kantonalbanken bereits Krypto-Dienste in ihr Standardangebot integriert hatten. Eine im Dezember 2025 publizierte Studie der Universität St. Gallen zeigt, dass 86 Prozent der Schweizer Finanzinstitute mittlerweile eine formale Blockchain-Strategie verfolgen.

Die Schweizer Digital-Asset-Banken setzen unterdessen auf Spezialisierung. Sygnum betreut weltweit über 2'000 vermögende Privat- und institutionelle Kunden, führt mit Sygnum Protect über eine Milliarde Dollar an verwalteten Vermögen und hat mit Sygnum Select im Februar 2026 ein weiteres Anlagevehikel gestartet. Eine im Mai angekündigte Kooperation mit dem US-Prime-Broker FalconX öffnet den Zugang zu tokenisierten Kreditfonds.

Ein Schweizer Antwortvorstoss kommt zudem im Stablecoin-Bereich: UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, Zürcher Kantonalbank, Banque Cantonale Vaudoise und die Swiss Stablecoin AG testen 2026 in einer kontrollierten Sandbox einen Franken-Stablecoin (CHFD). Geprüft werden technische und regulatorische Machbarkeit – ein Konsortialprojekt mit systemrelevanten Akteuren statt eines dezentralen Netzwerks.

Die strategische Botschaft der Wall-Street-Banken hat Morgan Stanleys Wealth-Chef Jed Finn auf den Punkt gebracht: Die etablierten Häuser wollen die Krypto-Disruptoren ihrerseits disrumpieren – und nutzen dafür ihre bestehende Kundenbasis, ihre Vertriebskraft, günstigere Preise und regulatorische Legitimität. Für den Schweizer Finanzplatz heisst das: Der historische Vorsprung im Digital-Asset-Banking wird nicht reichen, wenn Vertriebsbreite und Preissetzungsmacht gegen die US-Schwergewichte gewogen werden müssen. Die Antwort dürfte in der Spezialisierung liegen – in Custody-Qualität, regulierten Anlagevehikeln und tokenisierten Real-World-Assets, in denen Schweizer Institute ihre Reputation gezielt einsetzen können.

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