30.06.2026, 10:15 Uhr
Eine globale Umfrage von Fidelity International unter 13'000 Privatanlegern in Europa und der Asien-Pazifik-Region zeigt: Schweizer Investoren halten überdurchschnittlich stark an heimischen Anlagen fest – deutlich...
Ob Staatsfonds, Zentralbanken, Pensionskassen oder Versicherer: Quer durch alle Investorenklassen vollzieht sich derzeit eine strukturelle Neuausrichtung der Kapitalanlage. Geopolitische Fragmentierung, die Erosion des Vertrauens in traditionelle Reserveinstrumente und ein verändertes Risikoverständnis treiben Institutionen weltweit dazu, ihre Portfolios nicht mehr allein auf Rendite, sondern zunehmend auf Resilienz auszurichten. Was heisst das genau?
Den deutlichsten Einzelbefund liefert die 14. jährliche Global Sovereign Asset Management Studie von Invesco, für die 144 Institutionen – 90 Staatsfonds und 54 Zentralbanken – mit einem verwalteten Gesamtvermögen von rund 29 Billionen US-Dollar befragt wurden. Für 71 Prozent der Zentralbanken und 54 Prozent der Staatsfonds ist Resilienz beim Portfolioaufbau inzwischen genauso wichtig wie die Rendite. Konzentrationsanalysen und Szenariotests gehören entsprechend zum Standardinstrumentarium: 82 Prozent der Zentralbanken überwachen Risikokonzentrationen, 76 Prozent nutzen Szenarioanalysen.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei Infrastrukturanlagen. Deren Anteil am Gesamtvermögen der Staatsfonds ist zwischen 2022 und 2026 von 4,9 Prozent auf 9,0 Prozent gestiegen – kein anderes alternatives Asset wuchs vergleichbar stark. «Die große Veränderung, die wir bei staatlichen Investoren beobachten, betrifft die Bedeutung der Resilienz, die von einem ‹Nice-to-Have› zum ‹Must-Have› wird», kommentiert Benjamin Jones, Global Head of Research bei Invesco.
Dass dieses Umdenken längst über Befragungsergebnisse hinausgeht und sich in handfesten Kapitalflüssen niederschlägt, zeigt ein Befund der Europäischen Zentralbank: Ende 2025 hielten die Notenbanken der Welt erstmals seit den 1990er-Jahren mehr Gold als US-Staatsanleihen. Auslöser war die Einfrierung russischer Zentralbankguthaben im Umfang von rund 300 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 – ein Schritt, der bei vielen Notenbanken eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung in Gang setzte. Gold trägt kein staatliches Gegenparteirisiko und kann nicht gesperrt oder sanktioniert werden. Laut EZB diversifizieren die Zentralbanken ihre Reserven damit, ohne sich vollständig vom Dollar zu lösen, der im globalen Zahlungsverkehr weiterhin dominiert.
Die jährliche Central Bank Gold Reserves Survey 2026 des World Gold Council, an der ein Rekord von 76 Zentralbanken teilnahm, untermauert den Trend: 89 Prozent der befragten Institutionen erwarten, dass die weltweiten Goldreserven der Zentralbanken in den kommenden zwölf Monaten weiter steigen. 84 Prozent nannten die Funktion als Wertspeicher als entscheidend, 83 Prozent betrachten Gold als Diversifikationsinstrument. Zentralbanken kaufen seit 2022 im Durchschnitt rund 1’000 Tonnen Gold pro Jahr – doppelt so viel wie im Jahrzehnt zuvor. Diese Linie deckt sich exakt mit dem Befund der Invesco-Studie, wonach 61 Prozent der Zentralbanken die US-Verschuldung mittlerweile als Belastung für den langfristigen Dollar-Status sehen, gegenüber nur 20 Prozent im Jahr 2024.
Auch jenseits von Staatsfonds und Notenbanken zeigt sich dieselbe Stossrichtung. Eine Erhebung unter grossen Vermögenseigentümern mit einem verwalteten Vermögen von über zwei Billionen US-Dollar ergab, dass fast die Hälfte (47 Prozent) ihre Portfolioallokation für Private Debt/Credit in den nächsten zwölf Monaten erhöhen will, während 46 Prozent ihre Infrastrukturallokationen ausbauen wollen. Bei den grössten Investoren mit über 20 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen ist die Dynamik noch ausgeprägter: 70 Prozent planen eine höhere Private-Debt-Allokation, 63 Prozent wollen stärker in Infrastruktur investieren.
Auch hierzulande lässt sich der Trend in Zahlen fassen. Gemäss der Schweizer Pensionskassenstudie 2026 von Swisscanto, für die 528 Vorsorgeeinrichtungen mit einem Gesamtvermögen von 939 Milliarden Franken befragt wurden, stabilisieren sich alternative Anlagen auf einem Niveau von rund 5,3 Prozent des Vermögens. Die Erhebung von Complementa kommt für einen ähnlichen Stichtag zu einem höheren Wert: Vier von fünf Pensionskassen investieren demnach in alternative Anlagen, die inklusive Infrastruktur über zehn Prozent des Gesamtvermögens ausmachen – wobei Infrastruktur Private Equity inzwischen als grösste alternative Anlageklasse der Pensionskassen abgelöst hat.
Dass dieser Boom nicht ohne Risiken bleibt, zeigt ein aktueller Financial Stability Report der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA. Europäische Versicherer halten demnach 514 Milliarden Euro in Private Debt, Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung weitere 128 Milliarden Euro – zusammen rund 642 Milliarden Euro, eine Grössenordnung, die EIOPA als potenziell systemrelevant einstuft. Die Aufsichtsbehörde mahnt robuste Liquiditätsmanagement- und Governance-Rahmen an, da semiliquide Private-Credit-Vehikel wie Business Development Companies seit Anfang 2026 mit erheblichen Rücknahmebegehren konfrontiert waren. Für Schweizer Pensionskassen, die zwar nicht dem EIOPA-Regime unterliegen, aber in denselben globalen Märkten aktiv sind, liefert der Bericht wichtige Referenzpunkte zu Liquiditätspuffern und Bewertungsunsicherheiten bei illiquiden Anlagen.
Ein weiteres Muster zieht sich durch nahezu alle aktuellen Studien: die Sorge vor Marktkonzentration. Bei Invesco nennen 52 Prozent der Staatsfonds die Konzentration im KI-Sektor als grösstes Portfoliorisiko im Zusammenhang mit entsprechenden Investitionen. Eine Natixis-Umfrage unter 515 institutionellen Investoren zeigt eine strukturell verwandte Sorge: Rund ein Drittel der Befragten (32 Prozent) fürchtet Konzentrationsrisiken durch die Dominanz der «Magnificent Seven». Geopolitik bleibt branchenübergreifend Risikofaktor Nummer eins – bei Natixis stufen 49 Prozent der institutionellen Anleger sie als grösste wirtschaftliche Bedrohung ein, noch vor einer Technologieblase (43 Prozent) und einer Rezession (33 Prozent).
Was sich in der Zusammenschau zeigt, ist kein isolierter Befund einer einzelnen Studie, sondern ein kohärentes Muster über Investorenklassen, Regionen und Anbieter hinweg: weg von konzentrierten Public-Equity-Positionen und einer reinen Dollar-Dominanz, hin zu Infrastruktur, Private Credit, Gold und diversifizierten Reservestrategien. Invesco, World Gold Council, EZB, Natixis, EIOPA und die Schweizer Pensionskassenstudien kommen über unterschiedliche Stichproben und Methoden zu denselben Schlussfolgerungen – ein starkes Indiz dafür, dass das Umdenken bei institutionellen Investoren keine vorübergehende Reaktion auf einzelne Schlagzeilen ist, sondern eine strukturelle Neuausrichtung der globalen Kapitalanlage.