10.06.2026, 05:15 Uhr
Die durch den Iran-Konflikt ausgelöste Neubewertung am kurzen Ende der Zinskurve hat die All-in-Renditen kurzlaufender Unternehmensanleihen deutlich angehoben. Für TwentyFour Asset Management, die auf...
Die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Für Schweizer institutionelle Anleger ändert sich damit das Spielfeld: Die Zinsdifferenz zwischen Euroraum und Schweiz weitet sich aus, der Franken gerät unter Aufwertungsdruck, und die SNB steht vor einem neuen Dilemma.
Der EZB-Rat hat an seiner Sitzung vom 11. Juni 2026 den Einlagesatz von 2,00 auf 2,25 Prozent angehoben. Es ist die erste Zinsänderung seit einem Jahr und die erste Zinserhöhung seit September 2023. Ausschlaggebend war der starke Anstieg der Energiepreise: Die EZB hatte ihre Zinsen nach der Corona-Pandemie von minus 0,50 auf plus 4,00 Prozent erhöht und sie seit Juni 2024 wieder acht Mal gesenkt. Dass die geldpolitischen Zügel nun angezogen werden, liegt am starken Anstieg der Energiepreise im Gefolge des Iran-Kriegs und der damit einhergehenden Sperrung der Strasse von Hormus, wodurch die Öllieferungen weitgehend zum Erliegen kamen.
Die EZB hat am Donnerstag auch die neuen Projektionen vorgestellt: Die Inflation wird im laufenden Jahr 3,0 Prozent betragen, 2027 dann 2,3 Prozent und 2028 sinkt sie auf 2,0 Prozent. Das BIP-Wachstum wird 2026 nur 0,8 Prozent betragen. Die Notenbank schreibt, dass die weitere Entwicklung von Dauer und Ausmass des Energiepreisschocks abhänge und sie weiterhin datenabhängig entscheiden werde.
Diese Projektionen der EZB zeigen jedoch schon jetzt, wie schwierig die Lage ist. Für 2026 erwartet die Notenbank im Durchschnitt eine Inflation von 2,6 Prozent – damit liegt die Prognose weiter über dem Zielwert. Zugleich wird für die Wirtschaft im Euroraum nur ein schwaches Wachstum von 0,9 Prozent erwartet. «Der Krieg im Nahen Osten belastet die Konjunktur, und die Umfragen deuten auf eine Verlangsamung hin, insbesondere im Dienstleistungssektor», sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde an der Pressekonferenz. «Der Anstieg der Energiepreise wird die Inflation im Sommer weiter in die Höhe treiben und sie bis weit ins erste Halbjahr 2027 deutlich über dem Zielwert halten.»
Die Märkte gehen davon aus, dass die EZB den Einlagesatz in zwei weiteren Schritten auf 2,75 Prozent anheben wird. Laut Bloomberg sind EZB-Ratsmitglieder nicht bereit, eine zweite Zinserhöhung bereits an der Juli-Sitzung auszuschliessen. Sollte sich die Lage bis dahin verbessern, könne die EZB die Zinsen im Juli stabil halten, betonten die mit den internen Gesprächen vertrauten Personen. Als wahrscheinlicherer Zeitpunkt für einen zweiten Schritt gilt derzeit die September-Sitzung, wenn neue Quartalsprognosen vorliegen.
Die Märkte preisen bereits zwei weitere Erhöhungen des Einlagesatzes ein, was diesen auf 2,75 Prozent brächte. «Eine zweite Zinserhöhung nach dem heutigen Entscheid, entweder im Juli oder im September, ist wahrscheinlicher geworden», schreibt denn auch Carsten Brzeski, globaler Chefvolkswirt von ING, in einer Kundenmitteilung.
Der unmittelbare Fokus verlagert sich nun nach Zürich: Die SNB hält ihre Lagebeurteilung bereits am 18. Juni – eine Woche nach dem EZB-Entscheid. Das Timing könnte kaum brisanter sein. Während die EZB die Zinsen erhöht, deuten die Schweizer Fundamentaldaten in die entgegengesetzte Richtung: Die Inflation lag im Mai bei lediglich 1,2 Prozent, das BIP-Wachstum im ersten Quartal bei nur 0,5 Prozent. Einzelne Marktteilnehmer schliessen eine SNB-Senkung nicht aus.
Das würde die Zinsdifferenz CHF/EUR auf über 225 Basispunkte ausweiten – und den Franken unter erheblichen Aufwertungsdruck setzen. Für Schweizer institutionelle Anleger ist die SNB-Sitzung vom 18. Juni damit der nächste entscheidende Fixpunkt: Zürich und Frankfurt driften geldpolitisch weiter auseinander.