26.05.2026, 06:59 Uhr
Die Biotechnologie bietet 2026 Chancen über das gesamte Spektrum – von mittelständischen Unternehmen mit wachsendem Geschäft bis hin zu Firmen in früheren Entwicklungsstadien. Doch in einem Sektor mit...
Können Investitionen in Waffen nachhaltig sein? Bis vor kurzem wäre eine solche Diskussion kaum möglich gewesen. Mit dem geopolitischen Druck wächst in Europa die Forderung nach höheren Verteidigungsausgaben – und damit die Frage, welche Rolle privates Kapital dabei spielen soll. Heute sind schon die Hälfte der Fonds mit ökologischen oder sozialen Merkmalen im Verteidigungssektor engagiert.
Eurosif, der pan-europäische Verband für Sustainable Finance, hat dazu am 26. Mai ein Diskussionspapier veröffentlicht, das die regulatorische und marktseitige Gemengelage ordnet und die Bandbreite der Investorenperspektiven abbildet. «Das Thema nachhaltige Finanzierung und Verteidigung wirft grundlegende und sensible Fragen auf», schreibt darin Nathalie Dogniez, Vorsitzende von Eurosif. Dazu gehöre die jeweilige Rolle öffentlicher und privater Finanzierung beim Stärken der europäischen Verteidigungsfähigkeit – und die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Verteidigung überhaupt Teil nachhaltiger Anlagestrategien sein könne. Angesichts der Komplexität sei es entscheidend, mehr Klarheit und Differenzierung in die Diskussion zu bringen.
Aleksandra Palinska, Executive Director von Eurosif, ergänzte, dass Debatten zu diesem Thema oft einfache Antworten auf hochkomplexe Fragen suchten. Tatsächlich blieben die Investorenansätze in Europa vielfältig – geprägt von unterschiedlichen kulturellen, geografischen und historischen Kontexten sowie abweichenden Auslegungen von Nachhaltigkeit.
Wer jetzt schnelle Antworten erwartet, wird wohl enttäuscht. Doch die Lektüre lohnt sich schon allein, um die Argumente durchzudenken, die man vor wenigen Jahren kaum mehr für angemessen gehalten hätte: Ein Kernpunkt des Papiers ist die Trennung der Rollen. Der Aufbau europäischer Verteidigungsfähigkeit sei primär eine staatliche Aufgabe, finanziert über Verteidigungsbudgets und Beschaffung. Die Verteidigungsausgaben der EU-Mitgliedstaaten beliefen sich 2024 auf 326 Milliarden Euro, im Schnitt 1,9 Prozent des BIP – mit erheblichem Druck, diese Quote in Richtung 5 Prozent zu erhöhen. Die öffentliche Beschaffung machte mit 88 Milliarden Euro rund 80 Prozent der staatlichen Verteidigungsinvestitionen aus.
Private Finanzinstitute hätten eine grundlegend andere Funktion. Sie kauften meist Aktien und andere Wertpapiere von Rüstungsunternehmen am Sekundärmarkt, was Wachstum nur indirekt – über Liquidität und Kapitalkosten – stütze. Die Portfoliokonstruktion folge letztlich der treuhänderischen Pflicht und dem Mandat der Endkunden. Eine unter Investoren weit verbreitete Sichtweise laute denn auch, dass Finanzinstitute nicht damit betraut werden sollten, den Aufbau von Verteidigungskapazitäten direkt zu finanzieren – das sei Aufgabe der Regierungen.
Die starke Kursentwicklung des Sektors – europäische Rüstungsaktien haben sich seit 2022 nahezu verdreifacht – hat die Exposures verschoben. In der EU waren im zweiten Quartal 2025 über die Hälfte der Fonds mit ökologischen oder sozialen Merkmalen (SFDR-Artikel-8) im Verteidigungssektor engagiert, gegenüber nur einem Drittel Ende 2021. Bei Fonds mit nachhaltigem Anlageziel (Artikel 9) ging die Exposure-Quote im selben Zeitraum dagegen von 30 auf rund 21 Prozent zurück.
Auch die gewichtete Exposure stieg: Bei Artikel-8-Fonds von 0,8 Prozent Anfang 2024 auf 1,42 Prozent Ende 2025, bei Artikel-9-Fonds nur moderat von 0,29 auf 0,47 Prozent. Mainstream-Fonds liegen mit 2,52 Prozent deutlich darüber. Der Anstieg sei durch die Kursperformance getrieben, aber auch durch eine Neujustierung mancher Ausschlusspolitiken vor dem aktuellen politischen Hintergrund.
Beim regulatorischen Teil betont das Papier die Sektorneutralität der europäischen Rahmenwerke. Die EU-Kommission habe kürzlich klargestellt, dass Verteidigungsinvestitionen unter dem Sustainable-Finance-Rahmen weder verboten seien noch automatisch als (sozial) nachhaltig gälten – sie müssten dafür bestimmte Kriterien erfüllen. Die britische FCA habe sich ähnlich positioniert.
Die SFDR erlaube grundsätzlich jedes Unternehmen, sofern die Strategie offengelegt und gegenüber Nachhaltigkeitszielen begründbar sei; die Bestimmung wesentlicher Schädigung («Do No Significant Harm») bleibe weitgehend den Instituten überlassen. Im Zuge der laufenden SFDR-Überprüfung schlägt die Kommission Mindestausschlüsse vor, die sich an den EU-Klimabenchmarks orientieren. Eine jüngere Änderung der Benchmark-Verordnung ersetzt den Begriff «kontroverse Waffen» durch «verbotene Waffen» mit abschliessender Liste: Antipersonenminen, Streumunition sowie biologische und chemische Waffen. Solche Ausschlüsse hätten allerdings nur sehr begrenzte Auswirkungen auf den europäischen Sektor, da kaum ein europäisches börsenkotiertes Unternehmen an deren Herstellung beteiligt sei – was sich angesichts angekündigter Vertragsaustritte einzelner Staaten künftig ändern könnte.
Den grössten Raum widmet das Papier den unterschiedlichen Investorenansätzen. Am einen Ende stehen ethisch oder wertebasiert begründete Ausschlüsse – etwa bei glaubensbasierten Anlegern –, die auf breite Nachhaltigkeitsdefinitionen verweisen und Rüstung als unvereinbar mit Zielen wie dem UN-Nachhaltigkeitsziel 16 (friedliche und inklusive Gesellschaften) sehen.
Andere Investoren halten eine Aufnahme für möglich, sofern ESG-Kriterien erfüllt seien. Hier wird der Sektor jedoch als Träger erhöhter ESG-Risiken eingestuft: Er zählt mit geschätzten 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen zu den emissionsintensivsten Branchen, hinzu kommen Risiken durch mögliche Zweckentfremdung von Produkten, Governance-Themen wie Korruption bei Beschaffungsverträgen sowie ausgeprägte Daten- und Transparenzgrenzen im sicherheitspolitischen Kontext.
Ein dritter Strang nutzt Due Diligence und normbasiertes Screening, orientiert an den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, den OECD-Leitsätzen und Exportkontrollregimen. Bei kontroversen Waffen herrscht weitgehender Konsens: 92 Prozent der Fonds mit nachhaltigem Anlageziel oder ESG-Merkmalen wenden entsprechende Ausschlüsse an. Nuklearwaffen werden als eigene Kategorie behandelt, Dual-Use-Güter – verstärkt durch KI – schaffen zusätzliche Graubereiche bei der Zuordnung von Verantwortung.
Als Schlussfolgerung hält Eurosif fest, dass die Frage der Nachhaltigkeit von Verteidigungsinvestitionen die Auslegungsunterschiede innerhalb der Branche offenlegt: Für die einen ein unmissverständliches Nein, für die anderen abhängig von Kontext, Risikomanagement und Kundenerwartungen. Der Verband will das Thema weiterverfolgen, während sich das regulatorische und politische Umfeld entwickelt.