Der Dollar unter Druck: Was Schweizer Anleger jetzt wissen müssen

Die Schwäche des US-Dollars beschäftigt Investoren aus der Schweiz (Bild: Schutterstock)
Die Schwäche des US-Dollars beschäftigt Investoren aus der Schweiz (Bild: Schutterstock)

Der US-Dollar befindet sich in einer der schwierigsten Phasen seit dem Ende der ersten Trump-Amtszeit. Moody's hat die letzte verbliebene Top-Bonität der USA gekippt. Der Greenback hat seither rund 13 Prozent an Wert gegenüber dem Franken verloren. Für Schweizer Investoren stellt sich die Frage nicht mehr, ob, sondern wie sie ihre Dollar-Exposition managen.

20.05.2026, 10:16 Uhr
Anlagestrategie | Devisen

Redaktion: asc

Per 19./20. Mai 2026 notiert der US-Dollar-Index (DXY) bei rund 99.4 Punkten, EUR/USD bewegt sich im Mai zwischen 1.163 und 1.177. Damit hat der Greenback seit Jahresbeginn deutlich an Wert eingebüsst: Anfang 2026 notierte EUR/USD noch teils über 1.20, nachdem politische Aussagen aus dem Weissen Haus den Kurs vorübergehend bewegt hatten. Der DXY ist Anfang Mai zwischenzeitlich auf ein Zehn-Wochen-Tief von rund 97.8 gefallen, bevor neue Eskalationsängste am Persischen Golf und ein überraschender US-Inflationssprung den Index wieder Richtung 99.4 schoben.

Das Bild ist ungewöhnlich, weil klassische Stützen des Dollars derzeit kaum durchgreifen. Die US-Notenbank hat im April mit 8 zu 4 Stimmen den Leitzins bei 3.50 bis 3.75 Prozent belassen – das war die dissensreichste Fed-Sitzung seit Oktober 1992. Ölpreise sind seit Jahresbeginn um rund 60 Prozent gestiegen, die Inflation kletterte auf 3.8 Prozent. Eine solche Mischung würde den Dollar in einem normalen Zyklus klar stärken. Stattdessen pricen die Märkte eine Fed ein, die weder senken kann (Inflation zu hoch) noch erhöhen will (Wachstum zu weich) – während globale Reserven leise aus US-Aktiva abgezogen werden.

Der Moody's-Schock: Das Ende der Aaa-Ära

Das prägende Ereignis der vergangenen Wochen ist die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch Moody's von Aaa auf Aa1. Damit hat als dritte und letzte der grossen Ratingagenturen auch Moody's der amerikanischen Bundesregierung die höchste Bonitätsstufe entzogen – S&P hatte diesen Schritt 2011 vollzogen, Fitch 2023. Begründet wird das Downgrade mit der ausufernden Staatsverschuldung von über 36 Billionen US-Dollar (rund 125 Prozent des Bruttoinlandprodukts) und mit dauerhaft hohen Zinszahlungen, die einen wachsenden Anteil des Bundeshaushalts binden.

Die Marktreaktion war eindeutig: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sprang auf rund 4.5 Prozent, der Dollar geriet trotz höherer Renditen unter Druck. Dieses Muster – steigende Renditen bei gleichzeitig fallender Währung – ist ein Warnsignal. Es spricht dafür, dass internationale Investoren nicht mehr bereit sind, die strukturellen US-Risiken zum bisherigen Preis zu tragen. Die Risikoprämie für Dollar-Aktiva ist gestiegen, ohne dass eine offensichtliche Lösung in Sicht wäre.

Symbolisch wiegt der Schritt mehr als ökonomisch. Die USA können sich nach wie vor in der eigenen Währung finanzieren, die Fed bleibt Lender of Last Resort. Doch der Mythos vom risikolosen US-Treasury hat einen weiteren Riss bekommen – und das ausgerechnet in einer Phase, in der die globalen Reservemanager ohnehin diskutieren, wie viel Dollar-Anteil noch zeitgemäss ist.

Analystenstimmen: Selten so einig in der Richtung

Die grossen Banken sind sich für 2026 ungewöhnlich einig: Der Dollar dürfte mittelfristig weiter nachgeben. Strittig ist nur die Geschwindigkeit.

TD Securities hat im Mai präzisiert, dass selbst ein Verzicht der Fed auf Zinssenkungen den Dollar nicht stützen dürfte. Sobald die Spannungen am Persischen Golf nachliessen und die Strasse von Hormuz wieder uneingeschränkt befahrbar sei, dürfte der DXY nachhaltig unter 98 fallen. Morgan Stanley geht weiter und sieht den Index in Richtung 91 – getragen von nachlassendem US-Wachstum und erwarteten Fed-Lockerungen 2027. Die UBS Switzerland hat ihre USD/CHF-Prognose im Mai auf 0.78 per Dezember bestätigt. Die St. Galler Kantonalbank rechnet auf Zwölfmonatssicht mit USD/CHF zwischen 0.74 und 0.79.

Auffällig ist die Position von Goldman Sachs: Während die Bank den Franken kurzfristig für überbewertet hält und einen technischen Rebound für möglich erachtet, empfiehlt sie Short-Positionen in EUR/CHF als beste Absicherung gegen geopolitische Schocks. Die Botschaft: Der Franken bleibt strukturell die bevorzugte Fluchtwährung, auch wenn er kurzfristig konsolidieren kann.

Die strukturellen Faktoren überwiegen klar die zyklischen. Selbst wenn der Iran-Konflikt deeskaliert und damit ein wesentlicher Inflationstreiber wegfällt, bleibt die fiskalische Lage in Washington das dominierende Thema. Ein US-Haushaltsdefizit von rund 6 Prozent des BIP im Friedensfall ist historisch beispiellos und bindet die Fed mittelfristig: Eine echte geldpolitische Normalisierung würde die Zinslast für den Bundeshaushalt schnell unhaltbar machen.

Was bedeutet das für Schweizer Anleger?

Für Schweizer Investoren ist die Dollar-Schwäche kein neues Phänomen, aber 2026 verdichtet sich der Befund. Der USD/CHF-Kurs ist im Jahresverlauf zeitweise auf 0.7630 abgesackt; aktuell pendelt er um 0.787. Auf Sicht von zwölf Monaten signalisieren die meisten Schweizer Häuser weiteres Abwärtspotenzial. Damit stellt sich für Privatanleger, institutionelle Investoren und Schweizer Unternehmen mit US-Geschäft gleichermassen die Frage nach dem richtigen Umgang mit der strukturellen Frankenstärke.

  • Schweizer Anleger sind über breit gestreute Welt-Aktienportfolios automatisch stark im Dollarraum exponiert: Der US-Anteil im MSCI World liegt bei rund 70 Prozent. Wer einen S&P 500 ETF in CHF hält, hat 2025 eindrücklich gelernt, was eine Dollar-Abwertung von rund 13 Prozent für die ausgewiesene Performance bedeutet – selbst ein zweistelliger US-Index-Anstieg kann von der Währungsseite vollständig aufgezehrt werden. Wer auch 2026 mit weiterer Dollar-Schwäche rechnet, sollte zumindest prüfen, ob währungsabgesicherte (hedged) Tranchen von Welt- und US-Indexfonds für den Kernbestand sinnvoll sind. Hedging kostet – aktuell rund 2 bis 3 Prozent pro Jahr Zinsdifferenz –, kann aber in einem strukturellen Abwertungsumfeld die Performance stabilisieren.
  • US-Treasuries mit 4.5 Prozent Rendite und Investment-Grade-Unternehmensanleihen mit 5 bis 6 Prozent wirken auf Schweizer Investoren mit Eidgenossen unterhalb von 1 Prozent verlockend. Doch die Zinsdifferenz spiegelt sich präzise im Forward-Discount: Wer das Währungsrisiko absichert, kassiert real kaum mehr als auf Schweizer Papieren – im Einzelfall sogar weniger. Wer dagegen ungesichert investiert, übernimmt das Hauptrisiko, das alle Banken zurzeit für 2026 als negativ einstufen. Ein selektiver Ansatz – kurze Duration, gehedgte Tranchen, allenfalls Beimischung von Emerging-Market-Hartwährungsanleihen – ist für Schweizer Mandate plausibler als die pauschale Übergewichtung von Dollar-Bonds.
  • Eine pragmatische Antwort auf das Dilemma sind Frankenanleihen amerikanischer Emittenten. Alphabet und Amazon haben 2026 bereits Frankenobligationen begeben, die institutionellen Anlegern Bonität auf US-Niveau bei Schweizer Währung bieten. Diese Emissionen waren mehrfach überzeichnet – ein deutliches Signal, dass Schweizer institutionelle Anleger das Währungsrisiko des Dollars zunehmend meiden, ohne ganz auf US-Konzernrisiko verzichten zu wollen. Für Privatanleger sind solche Emissionen meist nur indirekt über Fonds zugänglich, aber sie zeigen, wohin sich das institutionelle Geld bewegt.
  • Der Goldpreis notiert per Mitte Mai bei rund 4'470 US-Dollar je Unze – ein Niveau, das vor zwei Jahren noch utopisch erschien. Treiber sind exakt die Faktoren, die auch den Dollar belasten: Zweifel an der fiskalischen Disziplin der USA, Reservediversifikation der Notenbanken (insbesondere aus Asien) und ein struktureller Vertrauensverlust gegenüber Fiat-Reserven. Für Schweizer Anleger ist Gold doppelt interessant: Es bietet einen klassischen Inflations- und Krisenhedge und korreliert in Phasen schwacher US-Politik negativ mit dem Dollar. Eine Portfolioallokation von 5 bis 10 Prozent in Edelmetallen ist in diesem Umfeld vertretbar, vorausgesetzt, der Anleger akzeptiert die hohe Volatilität.
  • Für Schweizer Aktien mit hohem Dollar-Anteil – Nestlé, Roche, Novartis, ABB, Lonza, Sika und die Uhrenindustrie – ist die Frankenstärke ein operativer Gegenwind. Jedes Prozent Dollar-Abwertung schlägt sich mit Verzögerung in den Margen nieder. Die Unternehmen haben das vielfach durch geografisch diversifizierte Produktion und Hedging-Programme abgefedert, doch im Aggregat dürfte die Berichtssaison 2026 negative Währungseffekte ausweisen, die in Analystenkonsens-Modellen oft noch nicht vollständig eingepreist sind. Wer Schweizer Blue Chips hält, sollte die Währungssensitivität pro Titel kennen – ein Roche-Quartalsbericht reagiert anders auf einen 0,78-USD/CHF-Kurs als ein Sika-Bericht.
  • Dollar-Schwäche bedeutet auch, dass US-Direktimmobilien-Investments aus Frankensicht aktuell günstiger erscheinen – das gilt sowohl für Renditeobjekte als auch für Zweitwohnungen. Allerdings sollten Schweizer Investoren bedenken, dass ein 13-prozentiger Buchgewinn durch Frankenstärke beim Einstieg sich beim Wiederverkauf in einer Phase erneuter Dollar-Stärke ins Gegenteil verkehren kann. Wer in US-Immobilien investiert, sollte die Haltedauer und mögliche Hedging-Strukturen über Fremdwährungskredite mitdenken.

Konkrete Schlussfolgerungen für die Asset Allocation

Trotz des klaren Konsenses für einen weiteren Dollar-Rückgang gibt es Szenarien, in denen sich der Wind dreht. Cambridge Currencies und andere Strategen nennen drei Bedingungen, von denen mindestens zwei eintreten müssten, damit der DXY nachhaltig über 100 zurückkehrt:

  • Eine massive Eskalation in der Strasse von Hormuz mit dauerhafter Schliessung – der Ölpreis-Schock würde die Inflation weltweit treiben, aber die USA als Energie-Nettoexporteur relativ stärken.
  • Eine deutlich falkenhaftere Linie der neuen Fed-Führung unter Kevin Warsh, die die Markterwartung tauberer Geldpolitik widerlegt.
  • Ein scharfes Reaccelerieren der US-Konjunkturdaten, das die Wachstumserzählung wieder zu Gunsten der USA dreht.

Keines dieser Szenarien wird derzeit von den grossen Häusern als Basisfall eingepreist. Ein technischer Rebound bis in den Bereich 100 bis 101 ist immer möglich, eine nachhaltige Trendwende wäre eine handfeste Überraschung.

Aus der Gesamtschau ergeben sich für Schweizer Anleger fünf praktische Leitplanken:

  • Welt-Aktienexposition prüfen: Wer mehr als 60 Prozent in US-Aktien hält, sollte über teilweises Hedging oder eine Verschiebung in Richtung Europa, Schweiz und Schwellenländer nachdenken. Eine ausgewogene Regionenallokation ist 2026 selten so gut belohnt worden wie heute.
  • Obligationen-Allokation überdenken: Ungesicherte Dollar-Bonds sind aktuell ein Wettkredit gegen den Marktkonsens. Wer Bond-Renditen sucht, findet sie verlässlicher in gehedgten globalen Anleihefonds oder in CHF-Bonds bonitätsstarker Emittenten.
  • Gold strategisch beimischen: Eine Position von 5 bis 10 Prozent fängt strukturelle Dollar-Schwäche und geopolitische Risiken zugleich ab.
  • Schweizer Exporteure differenziert betrachten: Nicht jeder SMI-Titel reagiert gleich auf den Frankenkurs. Roche und Nestlé sind nicht Sika und Lonza – Stock Picking lohnt sich mehr als die pauschale Über- oder Untergewichtung des Heimmarkts.
  • Liquiditätsreserve in CHF halten: Wer in den kommenden zwölf Monaten eine grössere Frankenausgabe plant – Hypothek, Immobilienkauf, Pensionierung –, sollte das nötige Geld nicht in Dollar parken, sondern bewusst die strukturelle Frankenstärke nutzen.

Man kann sich lange darüber unterhalten, ob die Dollarschwäche politisch gewollt ist oder nicht. Tatsache ist, dass die Schwäche eine Tatsache ist, mit der sich die Investoren konfrontiert sehen. Über zwei Jahrzehnte hatte der Greenback eine Risikoprämie nach unten genossen, die sich aus dem Status der Weltreservewährung, der Tiefe der US-Kapitalmärkte und der Bonität der US-Regierung speiste. Alle drei Säulen werden seit 2025 vorsichtiger bewertet – das Moody's-Downgrade ist nur der bislang sichtbarste Ausdruck dieses Prozesses. Für Schweizer Anleger ist die Botschaft nicht apokalyptisch, aber unmissverständlich: Die historische Selbstverständlichkeit, mit der Welt-Portfolios stark dollar-lastig konstruiert wurden, gehört auf den Prüfstand. Eine Diversifikation über Währungen, Regionen und Anlageklassen war in den vergangenen Jahren ein theoretisches Lehrbuchprinzip – 2026 wird sie zu einer praktischen Notwendigkeit.

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