09.06.2026, 11:28 Uhr
Der Schweizer Markt für nachhaltigkeitsbezogene Investitionen ist 2025 erneut gewachsen – während weltweit Milliarden aus nachhaltigen Fonds abflossen. Das Gesamtvolumen erreichte per Ende 2025 CHF 1'940...
Mit dem vertraulichen Börsenantrag von OpenAI ist das Trio der erwarteten KI-Mega-IPOs komplett. Für institutionelle Anleger aus der Schweiz ist die entscheidende Frage aber nicht, ob sie bei der Erstplatzierung mitbieten – sondern wie stark ihre Portfolios bereits heute von genau dieser Wette abhängen.
OpenAI hat am Montag bestätigt, der US-Börsenaufsicht SEC einen vertraulichen Entwurf für einen Börsengang eingereicht zu haben. Das Unternehmen kündigte den Schritt von sich aus an, weil es ein Durchsickern erwartete – ein Zeitplan steht jedoch nicht fest. Der ChatGPT-Entwickler hält sich ausdrücklich die Option offen, länger privat zu bleiben, da sich gewisse geschäftliche Schritte ausserhalb der Börse leichter umsetzen liessen.
Damit reiht sich OpenAI hinter zwei weitere Schwergewichte ein. Anthropic reichte bereits am 1. Juni einen vertraulichen Antrag ein – zu einer Bewertung von rund 965 Milliarden Dollar, womit der Claude-Entwickler OpenAI (852 Milliarden Dollar aus der letzten Finanzierungsrunde im März) erstmals überholt. Elon Musk's SpaceX dürfte den Reigen anführen: Das Raumfahrt- und KI-Konglomerat strebt für kommenden Freitag ein Nasdaq-Debüt an, bei einer Bewertung von knapp 1,8 Billionen Dollar und einem Emissionsvolumen von rund 75 Milliarden Dollar – der grösste Börsengang der Geschichte.
Für Schweizer Pensionskassen, Asset-Manager und Family-Offices ist die naheliegende Reaktion – «Sollen wir zeichnen?» – die falsche erste Frage. Denn die meisten institutionellen Portfolios tragen das KI-Thema bereits, ob gewollt oder nicht. Wer einen MSCI World oder einen vergleichbaren globalen Aktienindex passiv abbildet, hält Anfang 2026 über 70 Prozent US-Titel; die «Magnificent Seven» allein – Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla – machen mehr als ein Fünftel des Index aus.
Mehrere dieser Namen sind nichts anderes als KI-Stellvertreter: Microsoft über seine OpenAI-Beteiligung, Alphabet über DeepMind und seine Anthropic-Position, Nvidia über die Chip-Nachfrage. Die «Pure-Play»-Kotierungen von OpenAI und Anthropic fügen einem typischen Schweizer Portfolio also weniger neue Risiken hinzu, als dass sie einer bereits laufenden Wette erstmals einen öffentlichen Preis geben.
Damit verbunden ist ein zweiter, subtilerer Effekt. Fliessen dreistellige Milliardenbeträge in neue Kotierungen, muss das Kapital aus bestehenden Positionen kommen – mit einiger Wahrscheinlichkeit aus genau den Magnificent Seven. Selbst Institutionelle, die keine einzige IPO-Aktie zeichnen, könnten den Mittelabfluss als Gegenwind in Titeln spüren, die sie ohnehin halten. SoftBank und Microsoft, die teils als indirekte KI-Vehikel gehandelt werden, dürften beim Listing zudem neu bewertet werden.
Wer dennoch direkt einsteigen will, stösst auf praktische Hürden. Ein Vorab-Zugang über Sekundärmärkte oder Pre-IPO-Plattformen bleibt limitiert und ist faktisch akkreditierten Investoren vorbehalten; die meisten Anleger warten auf die öffentliche Kotierung. Hinzu kommen die bekannten Eigenheiten solcher Deals: Zuteilungsrisiko, mögliche Sperrfristen, das USD-Exposure – und die Tatsache, dass sowohl OpenAI als auch Anthropic weiterhin tiefrote Zahlen schreiben. OpenAI erwartet erst 2030 Gewinne und plant bis dahin Infrastrukturausgaben von rund 600 Milliarden Dollar; Anthropic dürfte rund zwei Jahre früher, also etwa 2028, die Gewinnschwelle erreichen.
Bevor OpenAI überhaupt handelbar ist, liefern zwei Ereignisse den Schweizer Anlagekomitees handfeste Anhaltspunkte. Erstens das SpaceX-Debüt am Freitag: Notiert die Aktie in den ersten Wochen deutlich unter dem Ausgabepreis, stellt das die Bewertungslogik für die gesamte vorprofitable KI-Sphäre infrage. Zweitens der öffentliche S-1-Prospekt von OpenAI, der – je nach SEC-Prüfung – frühestens im Spätsommer erscheint und erstmals geprüfte Zahlen zu Umsatz und Margen offenlegt. Erst dann lässt sich die ambitionierte Bewertung an realen Fundamentaldaten messen.
Die historische Bilanz mahnt zur Vorsicht: Von den fünf grössten Börsengängen der Geschichte hat einzig Visa den Markt klar geschlagen; Saudi Aramco etwa notiert bis heute unter seinem Ausgabepreis von 2019.
Für Schweizer Anleger verschiebt die IPO-Welle die eigentliche Governance-Frage von der Titelauswahl zur Klumpenkontrolle: Wie stark soll ein Portfolio von einer Handvoll US-Technologiewerte und einem einzigen Investitionszyklus abhängen? Wer gegensteuern will, findet Ansätze in stärker diversifizierten Indizes, in einer höheren Heimat- oder Europa-Quote – oder im Ausbau nicht kotierter Realwertanlagen wie Immobilien, Infrastruktur und Private Equity, die viele Kassen ohnehin bereits nutzen.
Die KI-Börsengänge sind damit für die meisten Schweizer Institutionellen weniger eine Zeichnungsentscheidung als ein Stresstest für Risikobudgets, die längst stehen. Die spannendste Position im Portfolio ist nicht jene, die man bei der Erstplatzierung zeichnen könnte – sondern jene, die man bereits hält.