17.06.2026, 08:37 Uhr
Die Welt spricht über künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Elektromobilität und Reindustrialisierung. Doch hinter all diesen Trends steht dieselbe Engstelle: Strom. Nicht Daten, Chips oder Kapital könnten zum...
Asset Manager verwalten 147 Billionen Dollar global, 3,73 Billionen Franken in der Schweiz – die AUM-Zahlen sind auf Rekordniveau. Doch die Realität zeichnet ein Gegenbild: Margen stagnieren seit 15 Jahren, das Wachstum ist marktabhängig und damit strukturell fragil, die Geschäftsmodelle der Mitte werden zerrieben, und das Mandatsverständnis der Branche passt nicht mehr zur Erwartungshaltung der mächtigsten Kapitalgeber. Was ist los in der Branche und was sind die Erfolgsrezepte der Zukunft?
Es gibt einen Satz aus dem McKinsey-Report «Asset Management 2025: The Great Convergence», der das Dilemma der Branche präzise benennt: «Most managers rode the rising tide, but fewer did so with a similar surge in profitability. Margins stayed tight as costs kept climbing. The bull market lifted asset values, but it did not lift operating leverage.»
Das ist das zentrale Paradox, das die Branche sehr gut kennt und alle grossen Branchenstudien dieses Jahres umkreisen: Die Industrie ist volumenmässig so gross wie nie. Doch hinter der Rekordkulisse läuft eine stille Erosion – von Margen, Mandatssicherheit, Wachstumsqualität und strategischer Relevanz. Wer nur auf die Headline-Zahlen schaut, übersieht den Moment, in dem die Branche gerade ihren eigentlichen Regimewechsel vollzieht. In diesem Hintergrund zur Branche geht es um die Frage, wie die aktuelle Situation aussieht und was die Auswege sind.
Die Arithmetik ist ernüchternd. BCG hat in seinem «Global Asset Management Report 2026: An Imperative for Growth» 15 Jahre Branchenökonomie aufgerechnet: Das globale AUM wurde nahezu verdreifacht, die Umsätze mehr als verdoppelt – und die operativen Margen konstant bei rund 30 Prozent. Zwischen 2010 und 2025 wuchsen die Erträge jährlich um 5,1 Prozent, die Kosten mit 5,4 Prozent schneller. Eine erste Schlussfolgerung: Skalierung bringt keine Profitabilitätshebelung. Die traditionelle Asset-Management-Gleichung – mehr AUM, mehr Marge – stimmt also nicht mehr.
Der Mechanismus dahinter ist schnell erklärt: Jeder neu zugeflossene Dollar trägt eine tiefere Durchschnittsgebühr. Denn der Grund ist, dass passive Strategien und ETFs die Flows dominieren; passives AUM liegt global bei rund 40 Prozent des Gesamtvolumens. In US-Passivfonds haben die zehn grössten Anbieter über das letzte Jahrzehnt mehr als 90 Prozent aller Nettozuflüsse auf sich vereint. Aktive ETFs wachsen, aber zu Gebührenniveaus unter denen der Vehikel, die sie ersetzen. Mehr als 80 Prozent des globalen Ertragswachstums 2025 stammte aus Marktperformance, nicht aus Managementleistung.
Für die Schweiz trifft das mit besonderer Schärfe zu. Das Netto-Neugeld brachte 2025 gerade 1,7 Prozent des AUM-Wachstums – global waren es fast 14 Prozent. Der Anteil passiver Anlagen stieg auf 36,8 Prozent, die Cost-Income-Ratio der Branche auf 71,5 Prozent. Die Profitmarge sank auf 13 Basispunkte. Der ausländische Kundenanteil – rund 30 Prozent des Gesamtvolumens, davon fast 80 Prozent aus EU und UK – stagniert seit 2021. Als grösste Standortnachteile nennen die befragten Schweizer Asset Manager hohe operative Kosten (44 Prozent) sowie regulatorische Komplexität (33 Prozent). Dies wird aus der jüngsten AMAS-Studie klar.
AMAS-CEO Adrian Schatzmann formuliert im Bericht die Konsequenz direkt: «Zukünftiges Wachstum darf nicht primär von der Marktentwicklung abhängig sein. Internationale Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Nettoneugeldzuflüsse werden immer entscheidender.» Der fehlende EU-Marktzugang bleibt dabei die offene Flanke des Standorts: Rund 30 Prozent der in der Schweiz verwalteten Vermögen stammen von ausländischen institutionellen Kunden – Asset Management ist eine Exportindustrie. Regulatorische Barrieren, die anderen Jurisdiktionen nicht auferlegt werden, wirken wie ein struktureller Wettbewerbsnachteil.--
Kommen wir zum nächsten Thema. McKinsey hat dem entscheidenden Strukturtrend einen Namen gegeben: «The Great Convergence». Gemeint ist die fortschreitende Verschmelzung von traditionellem und alternativem Asset Management – zwei Welten, die sich jahrelang klar trennten und nun unaufhaltsam ineinandergleiten.
Die Konvergenz zeigt sich in Deals und Partnerschaften quer über die Public-Private-Grenze sowie in Innovationen wie semi-liquiden Produkten, Evergreen-Fonds und Public-Private-Modellportfolios. Drei Trends zusammen – Konvergenz, Home-Country-Bias und aktive ETFs – könnten laut McKinsey ein «Money in Motion»-Potential von 6 bis 10,5 Billionen Dollar über die nächsten fünf Jahre freisetzen.
Das ist das Fenster, um das alle kämpfen. Und es erklärt die Konsolidierungswelle: BlackRock kaufte Global Infrastructure Partners und HPS Investment Partners, Franklin Templeton baute durch Zukäufe eine Alternatives-Plattform jenseits der 1,5-Billionen-Marke. Die Logik ist eindeutig: Private-Markets-Fähigkeiten sind die Eintrittskarte zum Wealth-Channel, dem nächsten grossen Wachstumsbecken.
Die Wachstumskonzentration verschärft sich dabei: In US-Passivfonds haben die Top-10-Anbieter mehr als 90 Prozent der Nettozuflüsse des letzten Jahrzehnts auf sich vereint. In Private Markets floss das Kapital ebenfalls zu weniger, grösseren Häusern: Die Top-50-Private-Equity-Firmen haben 2024 laut Preqin 37 Prozent aller globalen Fundraising-Mittel auf sich vereint – verglichen mit einem Zehnjahresschnitt von 22 Prozent.
Auch in der Schweiz ist diese Dynamik messbar. Die Top 10 halten inzwischen rund 44 Prozent Marktanteil, nach 37 Prozent im Jahr 2021. UBS baut nach der Credit-Suisse-Integration ihre Führungsposition deutlich aus, ZKB und Pictet behaupten sich als führende inländische Herausforderer. Organisches Wachstum allein reicht immer weniger, um Marktanteile zu gewinnen – M&A und strategische Partnerschaften gewinnen an Bedeutung.
UBS Asset Management seziert in einem vielbeachteten LinkedIn-Artikel dieselbe Dynamik für das Hedge-Fund-Segment besonders präzise. Ihre Analyse «Hedge Funds at a Crossroads» (Claire Tucker / Michael Dwier) beschreibt eine klare Polarisierung: Grosse Multi-Strategy-Plattformen funktionieren zunehmend wie universale Asset Manager – mit breiter Infrastruktur, integrierten Datensystemen und diversen Pod-Teams. Hochspezialisierte Boutiquen generieren ihren Wert über fokussierte Nischenexpertise. In der Mitte wird es eng: Häuser ohne echte Skalenvorteile und ohne klare Differenzierung werden zwischen beiden Polen zerrieben. Fund of Funds haben überlebt, indem sie ihre Rolle neu definierten: weg vom Diversifikationsvehikel, hin zum strategischen Kurator, Zugangsvermittler und Anbieter massgeschneiderter Portfolio-Overlays.
BCG bringt die Konsequenz auf den Punkt: «Distribution now defines who wins. Firms that secure access to capital through platforms and partnerships will have a structural advantage over those that do not.» Distribution schlägt Performance als primäre Quelle von Wettbewerbsvorteilen – eine These, die den Kern der strategischen Debatte trifft.
Aus der Synthese der Studien lässt sich eine Archetypen-Karte zeichnen. Die Branche entwickelt sich zur Barbell: zwei starke Pole, eine schrumpfende Mitte. Hier eine erste Übersicht:
Das Thinking Ahead Institute und die CAIA Association legen in «An Expanding Mandate» den Finger in eine tiefere Wunde als Margen und Flows: Die Investmentmodelle selbst, die Denkweisen, die Mandatslogiken wurden für eine Welt konstruiert, die es so nicht mehr gibt.
Die Autoren nennen das aktuelle Umfeld «Polycrisis»: Geopolitische Fragmentierung, Klimawandel, Demografie und künstliche Intelligenz laufen nicht nacheinander ab – sie überlagern sich, verstärken sich gegenseitig und produzieren eine Komplexität, die lineare Modelle systematisch überfordert. Der US-Zoll-Schock Anfang 2025 kollabierte innerhalb von Wochen globale Lieferketten, repriced Emerging-Markets-Obligationen und veränderte Infrastrukturbewertungen gleichzeitig. Der Halbleiter-Konflikt zwischen den USA und China betrifft Technology, Defense, Clean Energy und Infrastructure-Underwriting auf einmal. Diese Gleichzeitigkeit ist strukturell, nicht episodisch.
Was die Branche dagegen gewachsen hat, ist ein reduktionistisches Reflexsystem: enge Spezialisierung, kurzfristige Performance-Zyklen, Benchmark-relative Mandate, Karrierepfade, die Lorbeeren innerhalb von Lanes ausschütten und Querdenkerei bestrafen. Das ist keine individuelle Schwäche – es ist eine rationale Antwort auf falsche Anreize. Die institutionelle Maschinerie belohnt, wer die enge Slice präzise ausführt; ob die Slices zusammen etwas Sinnvolles ergeben, interessiert niemanden.
Das Thinking Ahead Institute belegt das mit dem Global Asset Manager Peer Study 2026 (176 Manager, rund 25'000 Datenpunkte, etwa 39 Billionen Dollar AUM). Die Branche identifiziert Megatrends gut: Geopolitik, KI, Demografie und Private Markets werden in ihrer langfristigen Relevanz klar erkannt. Das eigentliche Problem liegt nicht bei der Trendidentifikation, sondern bei der simultanen Integration: Wie interagieren diese Kräfte? Welche Kaskaden produzieren sie gemeinsam? Welche Portfolio-Implikationen entstehen durch das Zusammenwirken?
Thinking Ahead nennt die fehlende Fähigkeit «Sense-Making under Simultaneity» – und sieht sie als die kognitive Kernlücke der Branche. Der CIO am CAIA Singapore Roundtable bringt es auf den Punkt: «You could call this the end of history as the orthodoxy and equilibrium of the past seems irrelevant because the cycles are faster, shorter, deeper.»
Für die Produktebene folgt daraus eine konkrete Mandatsfrage. Führende Asset Owner migrieren von klassischer Strategic Asset Allocation zum Total Portfolio Approach: das Portfolio als integriertes System, nicht als Summe von Buckets. Parallel setzt sich eine 3-dimensionale Mandatslogik durch – Risiko, Rendite und reale/systemische Wirkung. Mandate, die nur auf Benchmark-Tracking und Alpha gegen einen Index zielen, verlieren an Relevanz gegenüber Lösungen, die Liability-Alignment, Systemrisiken, Impact-Dimension und Public-Private-Integration abbilden.
Der semi-liquide Boom verdient besondere Aufmerksamkeit – weil er sowohl das grösste Wachstumsversprechen als auch das latenteste Risiko der Branche trägt.
Das AUM in semi-liquiden Strukturen – Evergreen-Fonds, BDCs, ELTIF 2.0 – hat sich zwischen 2022 und 2025 auf rund 500 Milliarden Dollar verdreifacht. Diese Strukturen öffnen Private Markets für den Wealth-Channel: Investoren, die bisher keine Zugangsmöglichkeit hatten, können nun über semi-liquide Vehikel in illiquide Assets investieren. Das ist strukturell sinnvoll – solange die Liquiditätserwartungen der Investoren mit den Liquiditätsprofilen der Basiswerte kompatibel sind.
Das Thinking Ahead Institute und CAIA beschreiben das Verhaltensrisiko präzise mit dem Schwimmbad-Bild: Institutionelle Investoren haben über Jahrzehnte mit langen Lockup-Perioden, stabilen Mandaten und disziplinierten Investment Committees arbeiten gelernt – sie «schwimmen im flachen Ende». Der Wealth-Channel springt direkt ins tiefe Ende, in einem Pool ohne Tiefenmarkierung. «The pool itself may be fine, but everyone shares the water, and thrashing in the deep end creates waves for everyone else.»
In den USA zeigt sich gerade, was das bedeutet: Die US-Ausfallrate im Private Credit erreichte für die zwölf Monate bis Januar 2026 laut Fitch Ratings 5,8 Prozent – höchster Stand seit Jahren. UBS-Strategen hoben das Worst-Case-Szenario auf bis zu 15 Prozent an, parallel zu einer Refinanzierungsmauer von rund 162 Milliarden Dollar, die zu deutlich höheren Kosten refinanziert werden muss. Als Blue Owl 2025 versuchte, zwei seiner Private-Credit-BDCs zusammenzulegen, fielen die Aktienkurse von Blackstone, BlackRock und Ares – nicht weil sich ihre eigenen Portfolios verschlechtert hätten, sondern weil sich Sentiment instantan überträgt.
Die AMAS-Studie zeigt: Schweizer Asset Manager sind hier konservativer positioniert. Alternative Anlagen halten konstant rund 13 Prozent des Gesamtmarkts, Immobilien dominieren, Private Credit und Venture Capital bleiben unterrepräsentiert. Das kann strategische Klugheit sein. Es kann aber auch strukturelle Trägheit widerspiegeln – zumal die AMAS Private Markets zugleich als wichtigsten Hebel für künftiges Nettoneugeld identifiziert.
Kein Thema bestimmt die Branchengespräche mehr als künstliche Intelligenz. Kein Thema zeigt eine grössere Lücke zwischen Worten und Taten.
BCG quantifiziert das Potential konkret: Agentic AI-Systeme könnten 70 bis 80 Prozent der Standard-Ausführungsflüsse im Trading autonomisieren und Analysten von Datenaggregation zu Management-Engagement und differenzierter Einschätzung verschieben – mit 50 bis 65 Prozent der traditionell junior-lastigen Analysekapazität, die auf höherwertige Tätigkeiten umgelenkt wird. Operationskosten könnten um 40 Prozent sinken, die Kapazität im Vertrieb und im Client-Servicing um 35 bis 50 Prozent freigesetzt werden. Für den Gesamtblock Kosten ergibt sich ein Reduktionspotenzial von 25 bis 35 Prozent über drei bis fünf Jahre.
Gleichzeitig zeigt der Thinking Ahead Peer Study, dass die tatsächlichen Investitionsströme dahinter zurückbleiben. Die Mehrheit der Manager plant für die nächsten fünf Jahre konstantes frontline Human Capital bei nur moderatem Tech-Spend-Anstieg. Tech-Budgets sind seit 2014 branchenweit zwar um rund 55 Prozent gestiegen – aber viele Häuser digitalisieren bestehende Prozesse, statt sie konsequent neu zu designen.
Als Firmen von 50 Milliarden auf über 1 Billion Dollar AUM skalieren, steigt der Technologieanteil an den Gesamtkosten von rund 5 auf 15 Prozent. Doch diese Investition hat in Kombination mit dem Shift hin zu günstigeren Produkten keine Margenspreizung geliefert. Die Kostenspirale dreht sich ohne strukturellen Output.
BCG nennt den eigentlichen Gamechanger nicht KI im Portfolio, sondern «Precision Distribution»: KI-gestützte, datengetriebene Segmentierung, Personalisierung der Client Journey und skalierte Beziehungstiefe. Der Wettbewerbsvorteil verschiebt sich weg von Informations-Edge und analytischer Differenzierung hin zur Entscheidung, was mit Insight gemacht wird, zum Aufbau von Client-Trust und zur Lieferung von Personalisierung, die bisher unökonomisch war.
CAIA-CEO John Bowman benennt den strukturellen Umbau, der daraus folgt: «Die Ära des Job-Ready-Trainings im Asset Management hat offiziell dem lateralen, meta-kognitiven Denken Platz gemacht.» Aber die Organisationsarchitekturen, Karrierepfade und Anreizsysteme laufen noch nach dem alten Drehbuch.
Alle sechs Studien identifizieren unabhängig voneinander denselben blinden Fleck: Das Talentprofil, das Asset Management historisch kultiviert und belohnt hat, deckt sich nicht mit dem Profil, das die Zukunft verlangt.
Thinking Ahead macht das mit dem «Next Gen Professional»-Modell transparent. Asset Manager bewerten ihre «Investment Expertise» – tiefe sektorspezifische Kompetenz – stark. Auf allen zukunftsrelevanten Dimensionen fällt die Selbstbewertung deutlich ab: Sense-Making (Fähigkeit, simultane makroökonomische Signale in entscheidungsrelevante Narrative zu übersetzen), Bridge-Building (Aufbau von Koalitionen intern wie extern), Systems-Navigating (situative Orientierung in mehreren Ökosystemen gleichzeitig) und Tech-Connecting (Verbindung von Human-Judgment mit KI-Fähigkeiten) rangieren am unteren Ende der Selbsteinschätzungen.
BCG beschreibt die Konsequenz auf Portfoliomanager-Ebene: Portfolio-Manager können durch KI 5 bis 10 Prozent ihrer Zeit von Analytik auf höherwertige Entscheidungen umlenken. Trader verlagern sich von der Routine-Orderausführung zur der Execution-Strategie und dem Umgang mit illiquiden oder gestressten Situationen. Was in all diesen Verschiebungen gefordert wird: Urteilsvermögen, Kontextsensitivität, laterales Denken – nicht vertikale Tiefe allein.
Das Umschulungsproblem ist real. Karrierepfade, die Spezialisierungstiefe belohnen und Querdenkerei ignorieren, produzieren kein systemisches Denken. Anreizstrukturen, die auf kurzfristige Performance-Zyklen ausgerichtet sind, kultivieren keine Sense-Making-Fähigkeit. Der CIO am CAIA Toronto Roundtable fasst den Imperativ zusammen: «We must evolve beyond developing siloed expertise and vertical career paths to more lateral competency sets as a profession.»
Der eigentliche Reformdruck kommt nicht von innen. Er kommt von den Kapitalgebern.
Grosse institutionelle Asset Owner – kanadische Pensionsfonds (CPPIB, OTPP), Staatsfonds aus dem Golfraum (Mubadala, ADIA, PIF), zunehmend auch grössere Vorsorgeeinrichtungen in Europa – haben eine andere Haltung entwickelt. Sie betrachten sich nicht mehr nur als Kapitalallokator, sondern als systemische Akteure mit langen Zeithorizonten, expliziten Realwirtschaftszielen und einer Governance-Architektur, die kurzfristige Marktpressionen abfedert.
Das CalSTRS Collaborative Model illustriert, wohin das führt: Der californische Lehrerrentenfonds generierte 2024 über 550 Millionen Dollar Einsparungen durch Direktinvestitionen neben GPs statt durch klassische Fund-of-Funds-Strukturen. Seit Modellinception 2017 belaufen sich die kumulierten Einsparungen auf über 2 Milliarden Dollar. Wenn Asset Owner die Kompetenz entwickeln, Mandate direkt zu besetzen und Co-Investments selbst zu strukturieren, verändert sich die Verhandlungsposition fundamental. Der Manager wird vom Vollmachtsempfänger zum Partner – mit geteilter Accountability, nicht nur mit geteiltem Upside.
Thinking Ahead und CAIA nennen diesen Wandel «Asset Owner als Forcing Function» und beschreiben ihn mit einer treffenden Metapher: Wer in einem Schwimmbecken schwimmt, kann das Wasser nicht kontrollieren. Eine Kontamination an einem Ende erreicht mit der Zeit jeden anderen Schwimmer – systemische Risiken sind nicht diversifizierbar. «You cannot construct a portfolio in a vacuum, just as you can't swim outside the water.»
Was das für Asset Manager bedeutet, formuliert Thinking Ahead Head Marisa Hall direkt: «Relevanz wird bereits neu verteilt – still, aber entschieden – an jene, die ihre Organisationen für die neue Realität umgebaut haben.» Die Mandatsvergabe folgt nicht immer mit lautem Knall. Häufiger geschieht es durch die stille Reallokation zu Häusern, die den systemischen Blickwinkel ihrer Auftraggeber teilen.
Die Swisscanto Pensionskassenstudie 2026 zeigt, wie solide die Schweizer Basis ist: Deckungsgrade nahe Rekordniveau, Realverzinsung von 4,6 Prozent für 2025 – der höchste Wert seit Studienbeginn 2000. Doch die Frankenstärke demonstriert mit ihren teuren Währungsabsicherungskosten, wie rasch sich Rahmenbedingungen verschieben. Und die FINMA-Jahresmedienkonferenz 2026 betonte, dass Regulierung künftig «wirksamer, proportionaler und zukunftsgerichteter» sein müsse – was einerseits Wettbewerbsfähigkeit sichern, andererseits institutionelle Resilienz stärken soll. Für Pensionskassen, die gleichzeitig als Asset Owner und als regulierte Einrichtungen operieren, bedeutet das eine doppelte Komplexitätszunahme.
Für den Schweizer Markt ergibt sich aus der Studien-Synthese ein differenziertes Bild. Die Stärken sind real: Drittgrösster Asset-Management-Standort Europas, konservative Bilanzierung, disziplinierte Pensionskassen-Governance, stabile regulatorische Rahmenbedingungen und eine hohe Spezialisierungsdichte bei Boutiquen.
Die Schwächen sind ebenso real und in den Zahlen ablesbar: Die Profitmarge der Branche liegt bei 13 Basispunkten – ein Wert, der wenig Reinvestitionsspielraum lässt. Das Nettoneugeld war 2025 verschwindend gering. Der EU-Marktzugang fehlt in einer Branche, deren primäre Wachstumsquelle ausländische institutionelle Kunden sind. Die Cost-Income Ratio von 71,5 Prozent lässt kaum Raum für den Investitionsschub, den die KI-Transformation erfordert.
Neue AMAS-Präsident André Müller-Wegner formuliert den gesellschaftlichen Auftrag, der über das Zahlenwerk hinausgeht: «Asset Management hat einen echten Zweck: Wir investieren das Geld von heute für die kommenden Generationen.» Die Industrie trage entscheidend zur Stabilität der zweiten Säule bei. Sein Vorgänger Iwan Deplazes warnte auf dem Asset Management Day 2026 mit derselben Klarheit: «Erfolg heute garantiert nicht automatisch Wettbewerbsfähigkeit morgen.»
Die drei strategischen Hebel, die die AMAS-Studie identifiziert – Private Markets, besserer internationaler Marktzugang, Innovation –, sind nicht neu. Neu ist die Dringlichkeit. Wenn der globale Konzentrationseffekt mit voller Wucht im Schweizer Markt ankommt, werden mittelgrosse Häuser ohne Differenzierung nicht mehr zwischen zwei Polen stehen – sondern schlicht nicht mehr im Rennen sein.
Aus der Synthese der sechs Studien kristallisieren sich vier operative Handlungsfelder heraus:
Die Studien und Umfragen kreisen um eine Grundfrage, die sie unterschiedlich stellen, aber alle beantworten müssen: Was ist ein Asset Manager eigentlich? Kapitalallokator im Dienst von Benchmarks? Rendite-Optimierungsmaschine? Oder Systemakteur, der mitverantwortlich ist für die Bedingungen, unter denen Rendite auf Dauer möglich bleibt? Sicher ist: Die Branche steht am Beginn eines Regimewechsels, der sich nicht mit AUM-Rekorden aufhalten lässt. Wer jetzt handelt, hat die Chance, auf der richtigen Seite dieser Verschiebung zu stehen.