06.11.2025, 10:08 Uhr
Bei den hauseigenen Fonds der Retailbanken machen nachhaltige Produkte bereits die Mehrheit aus. Der Grossteil des Neugelds von Schweizer Privatanlegerinnen und -anlegern fliesst in nachhaltige Fonds. Neue...
Schweizer Aktien machen bei den unabhängigen Vermögensverwaltern 30 Prozent der Aktienallokation aus, US-Titel sind klar untergewichtet, und das Interesse an Nachhaltigkeit nimmt weiter ab: Der jüngste «VSV-ASG Investment Pulse», der von der Hochschule Luzern in Zusammenarbeit mit Vanguard und dem Verband Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) präsentiert wird, zeichnet das Bild einer Branche, die ihre Stärken kennt und sie konsequent ausspielt.
Erstmals befragte die Studie, die vom Team von Manfred Stüttgen an der HSLU durchgeführt wurde, die unabhängigen Vermögensverwalter zu ihrer strategischen Aktienallokation in einem balancierten Mandat. Das Ergebnis ist eindeutig: 30 Prozent fliessen in Schweizer Aktien, weitere 23 Prozent in europäische Titel. Zum Vergleich: Im FTSE All-World Index machen Schweizer Aktien per Ende des ersten Quartals lediglich rund 2 Prozent aus.
Gleichzeitig werden US-Aktien mit durchschnittlich 29 Prozent gegenüber einer globalen Benchmarkgewichtung von über 60 Prozent klar untergewichtet. Schwellenländer kommen auf 9 Prozent, der asiatisch-pazifische Raum inklusive Japan auf 6 Prozent.
Innerhalb der Stichprobe zeigen sich aufschlussreiche Differenzierungen. Grössere Vermögensverwalter sind mit 32 Prozent stärker in US-Aktien investiert als kleinere mit 25 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied zwischen jüngeren und älteren Firmen aus: Während jüngere Häuser (unter dem medianen Firmenalter von 23 Jahren) 32 Prozent in US-Aktien halten, allozieren ältere Firmen 35 Prozent in den Heimmarkt. Wer länger im Geschäft ist, bleibt offenbar lieber zu Hause.
Die Krise rund um den Iran-Krieg hinterlässt Spuren in den Portfolios: So haben die Vermögensverwalter ihre US-Allokation taktisch weiter reduziert, während Schweizer und europäische Aktien leicht übergewichtet bleiben. Den stärksten positiven Schwung erlebten Schwellenländeraktien, die sich von einer Untergewichtung in den Bereich der Übergewichtung bewegten.
Bei den festverzinslichen Anlagen dominiert die Suche nach Rendite. Schweizer, europäische und US-Unternehmensanleihen machen zusammen 50 Prozent der Bondportfolios aus. Staatsanleihen kommen auf lediglich 25 Prozent, wobei Schweizer Eidgenossen mit 6 Prozent das Schlusslicht bilden – ein nachvollziehbares Ergebnis angesichts der mageren Renditen am kurzen Ende.
Auch hier divergieren die Profile: Kleinere Vermögensverwalter konzentrieren sich stärker auf europäische Unternehmensanleihen (23 Prozent), während grössere breiter über Schwellenländeranleihen (11 Prozent), Hochzinspapiere (8 Prozent) und weitere Segmente diversifizieren. Schwellenländeranleihen erlebten in der taktischen Allokation den deutlichsten positiven Shift – ein Echo zur Bewegung auf der Aktienseite.
Auf die Frage, welche Strategien sie zur Alpha-Generierung einsetzen, nannten 77 Prozent der Befragten die strategische Asset Allocation. Die Einzeltitelselektion bei Aktien und Obligationen folgt mit 51 Prozent auf Rang zwei – ein Wert, der zur hohen Selbsteinschätzung der Vermögensverwalter in diesen Asset-Klassen passt. 41 Prozent nutzen regionale oder sektorale Tilts, 38 Prozent setzen auf thematische Investments.
Bemerkenswert: Market Timing (13 Prozent) und Absicherungsstrategien (14 Prozent) spielen für die wenigsten eine zentrale Rolle. Die Branche generiert ihren Mehrwert offenbar dort, wo sie ihn am stärksten kontrollieren kann – in der Allokationslogik und der Titelauswahl.
Beim Rebalancing zeigt sich ein ähnlich pragmatisches Bild. 68 Prozent der Vermögensverwalter wählen einen opportunistisch-taktischen Ansatz, weit vor schwellenwertbasierten (35 Prozent) und periodischen (32 Prozent) Strategien. Zwei Drittel verlassen sich dabei auf eine einzige Methode, und über alle Ansätze hinweg dominiert die manuelle Umsetzung. Automatisiertes Rebalancing über Portfoliomanagement-Systeme bleibt die Ausnahme.
Bei der Umsetzung bleiben Direktanlagen die bevorzugte Form für Schweizer Aktien sowie für die meisten Staats- und Unternehmensanleihen-Segmente in entwickelten Märkten. Anders sieht es bei Schwellenländer- und Asien-Pazifik-Aktien sowie bei Hochzins- und Schwellenländeranleihen aus: Hier dominieren Fonds und ETFs, und diese Präferenz hat sich gegenüber 2025 verstärkt.
Auch bei US-Unternehmensanleihen ist ein Shift in Richtung Fondslösungen zu beobachten. Insgesamt schwächt sich die Präferenz für Direktanlagen seit 2025 leicht ab. Und wer Fonds einsetzt, greift überwiegend zu passiven Lösungen – mit einigen Ausnahmen: Bei Schweizer und europäischen Aktien herrscht weiterhin ein ausgewogenes Bild, bei Schwellenländer- und Asien-Aktien sowie bei Staatsanleihen hat sich die Verschiebung Richtung Passiv dieses Jahr akzentuiert. Auch Schweizer Unternehmensanleihen werden 2026 erstmals überwiegend passiv abgebildet.
Bei den passiven Vehikeln bleibt der ETF auf der Aktienseite mit einem Anteil von 56 Prozent dominant. Auf der Obligationenseite gewinnen kombinierte Ansätze aus ETFs und Indexfonds an Boden: 47 Prozent setzen heute auf beide Vehikel, ein Hinweis auf zunehmende Diversifizierung in der Umsetzung.
Bei der Fondsselektion zählen vor allem zwei Kriterien: der historische Track Record (45 Prozent) und die Kosten beziehungsweise Gebühren und Steuern (43 Prozent). Markenstärke des Anbieters (18 Prozent) und Diversifikationspotenzial (19 Prozent) rangieren am Ende der Prioritätenliste.
Der vielleicht deutlichste Trend der Studie betrifft die Nachhaltigkeit. Nur noch 52 Prozent der Vermögensverwalter integrieren ESG-Kriterien in ihren Investmentprozess – nach 60 Prozent im Vorjahr und 68 Prozent 2024. 48 Prozent verzichten heute gänzlich darauf, gegenüber 32 Prozent vor zwei Jahren.
Besonders auffällig: Nur 7 Prozent berücksichtigen ESG-Kriterien systematisch und standardmässig. Die grosse Mehrheit der ESG-Anwender (45 Prozent) tut dies ausschliesslich auf Kundenwunsch. Nachhaltigkeit ist damit zur Service-Option geworden, nicht zur Überzeugung. Wobei hier die Tatsache mit hineinspielen dürfte, dass gezielte Direktinvestitionen in Schweizer Titel (die bevorzugte Asset-Klasse der UVVs) durchaus Nachhaltigkeitscharakter haben.
Bei den ESG-Strategien gibt es einen Wechsel an der Spitze: Erstmals führen nachhaltige thematische Investments mit 47 Prozent das Ranking an, gefolgt von ESG-Integration (40 Prozent) und dem Best-in-Class-Ansatz (30 Prozent), der 2025 noch führend war. Impact Investing (19 Prozent), Klimastrategien und Engagement & Voting (je 13 Prozent) bleiben Nischenstrategien.
Grössere Häuser integrieren ESG-Kriterien etwas häufiger (56 Prozent) als kleinere (49 Prozent). Entscheidend ist jedoch ein anderer Faktor: die Selbsteinschätzung der eigenen ESG-Expertise. Bei Vermögensverwaltern ohne ESG-Kompetenz verzichten 83 Prozent vollständig auf Nachhaltigkeit. Bei jenen mit sehr hoher Expertise sind es nur 22 Prozent.
Diese Korrelation zwischen Kompetenz und Anwendung legt einen strukturellen Befund offen. Nur 30 Prozent der Vermögensverwalter bezeichnen ihre Expertise in nachhaltigen Anlagen als hoch oder sehr hoch. Bei Private Markets ist es dieselbe Quote.
Demgegenüber stehen die traditionellen Disziplinen: Bei Aktienanlagen schätzen sich 92 Prozent als kompetent ein, bei Obligationen 82 Prozent, bei Multi-Asset-Strategien 81 Prozent. Alternative Anlagen erreichen 54 Prozent. Die Kernkompetenz der Branche bleibt damit klar im traditionellen Spektrum verortet – mit den entsprechenden Implikationen für die Diversifikationsbereitschaft.
Das erste Quartal 2026 war geprägt von steigenden Märkten zu Jahresbeginn, gefolgt von einer abrupten Wende in den Risk-off-Modus, ausgelöst durch geopolitische Spannungen im Nahen Osten. Die Studie, die das Anlageverhalten von 100 unabhängigen Schweizer Vermögensverwaltern abbildet und zwischen dem 25. Februar und dem 30. März 2026 durchgeführt wurde, macht deutlich, dass der vielbeklagte «Home Bias» nicht nur ein analytischer Befund ist, sondern auch Ausdruck einer Kundenstruktur, die zu 85 Prozent in der Schweiz und Europa domiziliert ist. Oder die Kunden haben, die dieses Exposure in der Schweiz explizit verlangen.