05.06.2026, 08:34 Uhr
Bitcoin steuert auf seinen grössten Wochenverlust seit November 2022 zu. Die Leitwährung fiel am Donnerstag zeitweise bis auf rund 61'300 US-Dollar und notiert damit etwa 50 Prozent unter dem Allzeithoch von gut...
Der Bitcoin-Kurs hat seit seinem Allzeithoch von über 120'000 Dollar knapp die Hälfte eingebüsst. Hinter dem Einbruch stecken mehrere sich gegenseitig verstärkende Kräfte — von institutionellen ETF-Abflüssen über die KI-Rotation bis hin zu einem ungünstigen Makroumfeld. Eine Bestandsaufnahme.
Was ist los mit den Crypto-Währungen? Im April 2025 hatte Bitcoin ein Allzeithoch von rund 125'000 Dollar erreicht. Seither hat sich das Bild fundamental gewandelt. Seit Jahresbeginn hat Bitcoin rund 26,8 Prozent an Wert verloren. Das ist der steilste Jahresstart-Rückgang seit mindestens 2015.
Am 25. Juni 2026 fiel Bitcoin erstmals unter die sogenannte Power-Law-Support-Linie, ein historisch bedeutsames Ereignis, das Fragen zur Stabilität des Modells aufwirft. Der RSI liegt aktuell bei 33,7 – technisch überverkauftes Terrain. Auf Wochenbasis haben RSI und MACD bereits Verkaufssignale geliefert; die Elliott-Wellen-Struktur bleibt übergeordnet bärisch.
Die wichtigste Verschiebung der letzten Wochen hat sich im institutionellen Lager vollzogen. Seit Jahresbeginn hat Bitcoin rund 31 Prozent verloren. Am 24. Juni markierte der Kurs mit 59'018 Dollar ein Jahrestief. Allein in der Woche zum 5. Juni flossen 2,7 Milliarden Dollar ab, ein Rekord seit Auflage der US-Spot-ETFs.
In der Handelswoche vom 1. bis 5. Juni 2026 flossen rund 1,72 Milliarden Dollar netto aus den Produkten ab. Besonders stark betroffen war BlackRocks iShares Bitcoin Trust (IBIT), der in dieser Woche Abflüsse von rund 1,34 Milliarden Dollar verzeichnete. Das gesamte Nettovermögen aller Bitcoin-Spot-ETFs ist inzwischen auf 77,33 Milliarden Dollar gesunken, gegenüber einem Höchststand von rund 120 Milliarden Dollar.
Für zusätzliche Unruhe sorgte das Unternehmen Strategy, das als einer der grössten Bitcoin-Investoren gilt. Ende Mai verkaufte es erstmals seit langer Zeit einen kleinen Teil seiner Bestände — lediglich 32 Bitcoin. Die Signalwirkung war jedoch erheblich.
Auch die Harvard Management Company hat im ersten Quartal ihre Ethereum-ETF-Positionen im Wert von 87 Millionen Dollar komplett liquidiert und laut Crypto Ticker ihre Bitcoin-ETF-Bestände um 43 Prozent reduziert.
Der Bitcoin-Kurs hat ein schwieriges Jahr hinter sich, da er weiterhin hinter dem breiteren Finanzmarkt zurückbleibt. Im Mai fiel BTC laut Crypto News um über 5 Prozent, während Nasdaq 100 und S&P 500 um 12 beziehungsweise 6,4 Prozent zulegten.
Es gibt aber auch eine ganz andere Erklärung, die ist für die weitere Prognose sehr spannend. Die lautet wie folgt: Spot-Bitcoin-ETFs verloren im Mai erhebliche Vermögenswerte, da Investoren angesichts des anhaltenden Booms im Bereich der künstlichen Intelligenz aus dem Kryptomarkt in Aktien umschichteten. Das abfliessende Kapital verschwindet jedoch nicht einfach. Mit anderen Worten: Der jüngste Ausverkauf ist darauf zurückzuführen, dass Kapital von Krypto-Positionen in traditionelle Aktien umgeschichtet wird, KI-bezogene Börsengänge den Markt beflügeln und selbst Bitcoin-Miner auf KI-Infrastrukturprojekte umgestiegen sind. Diese These wird in Crypto News diskutiert. Interessant ist hier jedoch, dass die jüngsten Einbrüche an den Aktienmärkten kaum eine Bewegung bei den Cryptos auslösten.
Wie geht es weiter? Sicher ist: Makroökonomisch kommt erschwerend hinzu, dass die US-Notenbank eher über Zinserhöhungen als über Senkungen nachdenkt. Für einen Vermögenswert ohne laufende Erträge wie Bitcoin ist das ein strukturelles Problem.
Der Hintergrund der Entwicklung ist bekannt: Die Eskalation zwischen Iran und Israel belastete zudem die Risikobereitschaft an den Märkten. Gleichzeitig sorgten höhere Anleiherenditen und restriktivere Erwartungen an die US-Notenbank für Druck auf zinssensitive und spekulative Anlagen. Der am 19. Juni in der Schweiz unterzeichnete US-Iran-Deal reduzierte die geopolitische Risikoprämie und stabilisierte Risikoassets nach dem 59'000-Dollar-Tief zumindest vorübergehend.
Während Bitcoin bereits schwächelt, trifft es viele Altcoins noch härter. Ethereum verliert deutlich stärker, während kleinere Projekte wie Hyperliquid zweistellige Verluste innerhalb weniger Tage verzeichnen.
Allerdings verlässt das Kapital den Kryptomarkt nicht vollständig: Es rotiert gezielt in ausgewählte Altcoin-Produkte. Die HYPE-ETFs von Hyperliquid verzeichneten Zuflüsse von fast 72 bis 75 Millionen Dollar, während XRP-Fonds rund 22 Millionen Dollar und Solana-Produkte über 15 Millionen Dollar anzogen.
Der Crypto Fear and Greed Index lag zum 8. Juni 2026 bei nur 8 Punkten. Das ist tief in der Zone «Extreme Angst». Historisch sind so niedrige Werte bemerkenswert, da extreme Angst oft mit lokalen Tiefs zusammenfiel statt mit dem Beginn tieferer Abstürze.
Fazit: Bitcoin befindet sich aktuell in einer kritischen Marktphase. ETF-Abflüsse, schwache Altcoins, steigende Unsicherheit und grosse Optionsverfälle erhöhen den Druck deutlich. Besonders die Marke von 60'000 Dollar könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Die Bandbreite der institutionellen Prognosen für den weiteren Jahresverlauf ist bemerkenswert gross: Goldman Sachs und Standard Chartered sehen bis zu 150'000 Dollar, letztere hatten früher sogar 300'000 Dollar prognostiziert und die Zielmarke halbiert. JPMorgan nennt 170'000 Dollar für 2026. Galaxy Digital hingegen spricht von einem «sehr schwierigen Jahr» mit einer Jahresendspanne von 50'000 bis 250'000 Dollar.
BlackRock Managing Director Michael Gates empfiehlt trotz der Abflüsse aus dem eigenen Produkt eine Bitcoin-Allokation von ein bis zwei Prozent im Gesamtportfolio — als «ergänzenden Diversifikator», nicht als Kernposition.
An den Finanzmärkten richten sich derzeit viele Blicke auf die Marke von 60'000 Dollar. Sie besitzt weniger fundamentale als psychologische Bedeutung: Solange Bitcoin oberhalb dieser Schwelle bleibt, werten viele Marktteilnehmer die Entwicklung als normale Korrektur innerhalb eines langfristigen Aufwärtstrends. Wie nachhaltig dieser Boden ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen — und hängt massgeblich davon ab, ob institutionelle Kapitalflüsse in die ETFs zurückkehren.