Lieferkettenprobleme könnten bis weit in den Sommer 2022 anhalten

Selbst wenn Corona die Lieferketten nur vorübergehend stört wie etwa bei Halbleitern, sind langfristige Folgen nicht auszuschliessen. (Bild: Shutterstock.com/sdecoret)
Selbst wenn Corona die Lieferketten nur vorübergehend stört wie etwa bei Halbleitern, sind langfristige Folgen nicht auszuschliessen. (Bild: Shutterstock.com/sdecoret)

Geht die Ära ohne wirkliche Inflation bald zu Ende? Neuberger Berman hält generelle Teuerungen für möglich. Die Inflation könnte gerade auch aufgrund anhaltender Lieferkettenprobleme stärker und nachhaltiger steigen, meint Brad Tank. Der CIO Fixed Income beschreibt, welche Treiber dafür sorgen könnten.

07.10.2021, 15:27 Uhr

Redaktion: rem

Wer unter 50 ist und in einem Industrieland lebt, hat wahrscheinlich noch keine wirkliche Inflation erlebt. Wer zwischen 50 und 60 Jahre alt ist, kennt zumindest keine Teuerung, die echten Schaden angerichtet hat. "Der Ausverkauf von Industrieländeranleihen in den letzten zwei Wochen – zusammen mit dem enormen Energiepreisanstieg, Schlangen an den Tankstellen und Lieferengpässen – könnte aber Grund genug sein, sich mit dem Thema wieder zu befassen", sagt Brad Tank, CIO Fixed Income bei Neuberger Berman.

In den letzten 20 bis 30 Jahren hatte ein vorübergehender Preisanstieg unter anderem bei Lebensmitteln und Energie nie zu einer generell höheren Teuerung geführt. Aber dieses Mal könnte es anders sein. Tank zählt vier Gründe auf:

Energiepreise: Ist der 120-jährige Abwärtstrend vorbei?

In den letzten zwölf Monaten haben sich die Erdgaspreise verdoppelt. Plötzlich scheine allen bewusst zu werden, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft die Energieausgaben von Unternehmen und Verbrauchern erstmals steigen lässt. Abgesehen von einer kurzen Phase in den späten 1970er-Jahren seien die amerikanischen Benzinpreise seit Beginn des 20. Jahrhunderts real immer weiter gefallen. Der Fracking-Boom hielt die Situation durch die 2010er Jahre noch in Grenzen. Doch jetzt, wo der Klimaschutz immer drängender werde, dürfte der 120-jährige Abwärtstrend endgültig vorbei sein.

Die Trendwende müsse keineswegs dramatisch sein, so Tank: "Bei einer generellen CO2-Steuer, Anreizen für erneuerbare Energien und marktwirtschaftlichen Lösungen halten wir auch eine schrittweise Energiepreisanpassung für denkbar. Eine bestimmende Politik mit genauen Vorgaben für Unternehmen und Verbraucher könnte den Marktmechanismus aber ausser Kraft setzen, sodass wir uns an volatilere Preise gewöhnen müssen. Man darf nicht vergessen, dass der Sieg über die Inflation in den 1980er-Jahren nicht nur durch höhere Zinsen zustande kam, sondern auch durch Deregulierung und weniger Interventionen am Weltenergiemarkt."

China dämpft die weltweite Teuerung nicht mehr

Der zweite Punkt sei, dass China die weltweite Teuerung nicht mehr dämpfe. Laut dem CIO Fixed Income zeigte im Mai der jüngste Zensus, dass Chinas Bevölkerung altert und kaum wächst – und dass mehr Chinesen in Städten wohnen als je zuvor. Die Erwerbstätigenzahl wächst nicht mehr. Deshalb lege die Regierung bei ihrer neuen Sozial- und Regulierungspolitik so viel Wert auf Gleichheit, Gesundheit, Umweltschutz, Autarkie und Automatisierung – anstelle eines Wirtschaftswachstums, das Arbeitsplätze schafft. China werde demnächst keine Billigprodukte für den Export mehr produzieren, sondern Hochtechnologie für den Inlandsmarkt. Davon sei man bei Neuberger Berman überzeugt.

Sind Notenbanken noch unabhängig von der Politik?

Drittens sei die Geldpolitik heute so politisch wie seit 30 oder 40 Jahren nicht mehr. Schon zu Jahresbeginn hatte man sich bei Neuberger Berman gefragt, ob die Notenbanken noch unabhängig sind. Dabei dachte man nicht nur an die grossen Interventionen während der internationalen Finanzkrise und der Covid-19-Pandemie. Geändert hätten sich auch die Mandate, implizit und explizit. Hinzugekommen seien soziale Ziele wie die Finanzierung einer nachhaltigen Infrastruktur, Vollbeschäftigung, soziale Gerechtigkeit und die Unterstützung der expansiven Fiskalpolitik. All das scheine heute wichtiger als Preisstabilität.

Schmerzhafte Lieferkettenprobleme

"Letztlich, selbst wenn Corona die Lieferketten nur vorübergehend stört, wie uns die Notenbanken immer wieder versichern, sind langfristige Folgen nicht auszuschliessen. Wenn wir mit Unternehmen über Logistik, Halbleiter und Rohstoffpreise sprechen, hören wir oft, dass die Lieferkettenprobleme wohl bis weit in den Sommer 2022 anhalten – und bei jedem neuen Treffen nennen sie einen späteren Termin", sagt Tank.

Und diese Probleme sind teuer: Der Transport eines 40-Fuss-Containers von Asien in die USA kostet etwa 20'000 USD, gegenüber gerade einmal 2'000 USD vor der Pandemie. Die Rohstoffe für die Produktion eines Autos sind letztes Jahr um etwa 2'000 USD teurer geworden, und die Rohstoffkosten eines Reifen haben sich sogar verdoppelt. Aufgrund der Halbleiterknappheit hat IHS Markit seine Prognose für die weltweite PKW-Produktion in diesem Jahr im September erneut gesenkt, von 14% Wachstum im Dezember 2020 und 12% im Mai auf zuletzt weniger als 2%.

Natürlich könne sich all das auch wieder ändern, meint Tank. Die Folgen für die Unternehmen seien aber so gravierend, dass die Geschäftsleitungen eine Wiederholung der Probleme unbedingt vermeiden wollen. Dazu restrukturierten und diversifizierten sie ihre Lieferketten und bezögen mehr Vorprodukte vor Ort. Umfrage nach Umfrage bestätige, dass Stabilität und Berechenbarkeit jetzt wichtiger seien als Effizienzgewinne. Aus einem vorübergehenden Preisanstieg könnten dann strukturell leicht höhere Kosten werden.

Sinnvoll, notwendig – aber anders

Diese neuen Prioritäten – stabilere Lieferketten, eine nachhaltigere Wirtschaft in China, Dekarbonisierung, soziale Gerechtigkeit – erscheinen Neuberger Berman für sinnvoll und notwendig. Das seien allerdings nicht die Ziele der letzten 40 Jahre. Investoren müssten sich daher genau überlegen, was zu tun ist.

Zurzeit haben viele Unternehmen das vertragliche Recht, Kostensteigerungen weiterzugeben. Der Nachfragestau, die enormen Ersparnisse der Haushalte und die Barmittelbestände der Unternehmen tragen ebenfalls zur Inflation bei. Ein Grossteil der höheren Kosten kann an die Endverbraucher weitergereicht werden. "Wenn die Inflation dann aber stärker und nachhaltiger steigt als in den letzten Jahrzehnten und die Notenbanken nur langsam darauf reagieren, könnten sich die Nachfragemuster ändern. Viele Verträge würden dann neu verhandelt werden", sagt der CIO Fixed Income.

All dies habe Folgen für die Gewinne und die Kreditwürdigkeit vieler Unternehmen. Bei Neuberger Berman vermutet man schon länger, dass die Anleiherenditen wohl steigen werden. Schon seit Jahresbeginn werde immer wieder betont, dass die Inflation im neuen Konjunkturzyklus und auch danach selbst dann ein wichtiges Thema bleibe, wenn die Preise in nächster Zeit recht stabil bleiben. "Vielleicht bezeichnet man die Berufseinsteiger von heute ja einmal als die Generation Inflation", fügt Tank an.

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