Gesichtserkennung – Technologie mit Risiken und Nebenwirkungen

Gesichtserkennung für die Massenüberwachung wirft immer mehr Fragen zu den Auswirkungen auf Privatsphäre, Datenschutz und Freiheitsrechte auf. (Bild: Shutterstock.com/Andrey Popov)
Gesichtserkennung für die Massenüberwachung wirft immer mehr Fragen zu den Auswirkungen auf Privatsphäre, Datenschutz und Freiheitsrechte auf. (Bild: Shutterstock.com/Andrey Popov)

Candriam startet eine neue kollaborative Initiative, um im Rahmen der Engagement- und Stewardship-Verpflichtungen des Unternehmens die Risiken von Produkten und Dienstleistungen aufzuzeigen, die auf Gesichtserkennungstechnologie beruhen. Das Interesse von Investoren an diesem Thema habe infolge der Verbreitung der Technologie deutlich zugenommen.

30.03.2021, 17:51 Uhr

Redaktion: rem

Die auf zwei Jahre ausgelegte Initiative lädt Investoren ein, im Rahmen eines fundierten, konstruktiven Engagement-Programms mit Unternehmen einen Dialog aufzubauen. Die Investoren unterzeichnen dazu das Investor Statement on Facial Recognition (Erklärung der Anleger zur Gesichtserkennung), das von der PRI-Initiative (Prinzipien für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen) begrüsst wird. Zum Auftakt des Konsultationsverfahrens des Papiers hat Candriam am Dienstag Richtlinien zur Bewertung von Anlagerisiken und -chancen bei der Gesichtserkennung veröffentlicht. Ab dem 1. Mai wird es dann möglich sein, das endgültige Statement zu unterzeichnen.

Gesichtserkennung

Der Report "Gesichtserkennung und Menschenrechte: Leitfaden für Investoren" von Candriam ist hier verfügbar.

"Die schnelle Akzeptanz der Gesichtserkennungstechnologie und die wachsende Anzahl von Überwachungskameras im Alltag verleiht den Behörden und Unternehmen unkontrollierbare Möglichkeiten, die Gesellschaft zu überwachen. Da die Gesetzgebung der Einführung und dem Einsatz von Gesichtserkennung hinterherhinkt, bestehen reale Risiken für die Menschenrechte“, erläutert Benjamin Chekroun, Proxy Voting und Engagement Analyst bei Candriam, die Gründe für die Initiative. "Das Investor Statement on Facial Recognition soll Investoren ermöglichen, in einen konstruktiven Austausch mit Unternehmen zu treten. Im Zentrum stehen dabei die Einhaltung der Menschenrechte sowie Aufsichts- und Korrekturmechanismen hinsichtlich der Wahrung der Privatsphäre und der Freiheitsrechte.“

Ein Milliardenmarkt

Gesichtserkennung beschreibt die Identifizierung oder Verifizierung der Identität einer Person anhand von Bildaufnahmen ihres Gesichts. Der Markt für Gesichtserkennung wächst stetig und dürfte laut einem Report des Marktforschungsunternehmens Allied Market Research 2022 bereits 9,6 Mrd. USD erreichen, da immer mehr Behörden und Unternehmen die Technologie einsetzen, um Sicherheit und Effizienz zu erhöhen. Schätzungen des Daten- und Informationsdienstleisters Markit zufolge dürften Ende 2021 eine Milliarde Überwachungskameras in Betrieb sein.

Gesichtserkennung umfasst drei Stufen: Lokalisierung, Erfassung und Zuordnung. Sie kombiniert dafür künstliche Intelligenz und Deep Learning und kann so grosse Mengen von Daten und Bildern verarbeiten. Das macht die Technologie zu einem nützlichen Instrument in Bereichen wie Sicherheit, Polizeiüberwachung, Medizin und Marketing. Abgesehen von Luxemburg, Belgien und Marokko, wo der staatliche Einsatz gegen das jeweilige Landesgesetz verstösst, kommt die Technologie weltweit zum Einsatz. In den USA haben einige Städte wie San Francisco, die Heimat der Technologie, die Nutzung durch Polizei und staatliche Behörden ebenfalls verboten.

Gesichtserkennung angemessen einsetzen

Für Katherine Ng, Head of Academic Research, Principles of Responsible Investment bei Candriam, gilt es, sich den Problemen der Technologie anzunehmen: "Während die Technologie sicher vielversprechend ist und auch positiv eingesetzt werden kann, führt die Art, wie Gesichtserkennungstechnologie heute ausgelegt und eingesetzt wird, zu Risiken und sozialen Auswirkungen, die Massnahmen seitens der Investoren rechtfertigen. Aus diesem Grund begrüssen wir die Bemühungen und das Thought Leadership der Anleger, die der Regulierung vorgreifen, die traditionelle Liste der ESG-Themen ausweiten und verstehen wollen, wo, wann und von wem Gesichtserkennung angemessen eingesetzt werden kann."

Auswirkungen auf Privatsphäre, Datenschutz und Freiheitsrechte

Seit einem Jahrzehnt wirft der Einsatz der Gesichtserkennung für die Massenüberwachung immer mehr Fragen zu den Auswirkungen auf Privatsphäre, Datenschutz und Freiheitsrechte auf. Manche Unternehmen wurden sogar beschuldigt, die Menschenrechte zu verletzen. Zudem ist die Gesichtserkennung noch zu häufig ungenau und führt zur Identifizierung falscher Personen. Vor allem Frauen und nichtweisse Menschen werden aufgrund von algorithmischen Verzerrungen häufig falsch identifiziert.

Das Interesse von Investoren an den möglichen Risiken der Gesichtserkennung hat infolge der technologischen Fortschritte und der weltweiten Einführung der Technologie deutlich zugenommen. Anfang dieses Jahres befragte Candriam 300 Anleger zu diesem Thema: Zwar hielten 30% Gesichtserkennung für ein praktisches und nützliches Instrument, die übrigen 70% hatten jedoch Vorbehalte in Bezug auf die Technologie.

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