Gold im Höhenflug: Was hinter dem Preisschub wirklich steckt

Gold-Rally: Welche Rolle spielt die Iran-Krise, welche Rolle spielte die steigende Inflation? (Bild: Adobe Stock)
Gold-Rally: Welche Rolle spielt die Iran-Krise, welche Rolle spielte die steigende Inflation? (Bild: Adobe Stock)

Der Goldpreis hat in dieser Woche einen weiteren Gang zugelegt. Am Donnerstagmorgen notierte die Feinunze bei rund 4'549 US-Dollar – ein Plus von knapp drei Prozent innerhalb einer Woche und von über 13 Prozent auf Monatssicht. Was steckt hinter der Gold-Rally?

20.08.2026, 21:30 Uhr
Edelmetalle

Redaktion: asc

Den Auftakt lieferte ausgerechnet das US-Finanzministerium. Am Mittwoch verdoppelte Washington das Rückkauflimit für langlaufende Staatsanleihen auf mindestens vier Milliarden Dollar je Operation. Deutsche-Bank-Stratege George Saravelos ordnete den Schritt als eine Art «Operation Twist» ein und sprach von einer versteckten Form finanzieller Repression, bei der langfristige Renditen künstlich gedrückt werden sollen. Für den Devisenmarkt war die Botschaft eindeutig: Der Dollar geriet unter Druck – und Gold, das weltweit in Dollar gehandelt wird, wurde für Käufer ausserhalb des Dollarraums entsprechend günstiger.

Die Strasse von Hormus als Risikofaktor

Am 17. August lief das 60-tägige Abkommen zwischen den USA und dem Iran ohne Anschlusslösung aus, nachdem zuvor mehrere Schiffe in der Strasse von Hormus angegriffen worden waren. Für die Ölmärkte – und damit indirekt für die Inflation – ist diese Route von zentraler Bedeutung. Gold reagierte prompt mit Zugewinnen und erfüllte damit einmal mehr seine klassische Funktion als sicherer Hafen in geopolitisch angespannten Phasen.

Die Fed sitzt zwischen Inflation und schwächelndem Arbeitsmarkt fest

Der eigentliche Kern der Gold-Story liegt jedoch bei der US-Notenbank. Die PCE-Inflation liegt aktuell bei 3,7 Prozent und damit deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed. Gleichzeitig zeigt der Arbeitsmarkt Ermüdungserscheinungen: Der jüngste ADP-Bericht wies lediglich 44'000 neue Stellen aus, erwartet worden waren 68'000. Genau dieses Dilemma – zu straff wäre konjunkturschädlich, zu locker würde die Inflation zementieren – lässt Goldman Sachs eine weitere Zinserhöhung im September inzwischen für sehr unwahrscheinlich halten. Bemerkenswert dabei: Nicht ein überzeugender Inflationsrückgang steht im Zentrum dieser Einschätzung, sondern die schwächere Konjunktur.

Wichtig für die Einordnung: Der Fed-Leitzins selbst bewegt sich mit 3,50 bis 3,75 Prozent keineswegs auf Rekordniveau – 2023 lag er mit 5,25 bis 5,50 Prozent deutlich höher. Was den Goldpreis treibt, ist nicht die absolute Zinshöhe, sondern die Erwartungsunsicherheit rund um den künftigen Kurs sowie zunehmende Zweifel an der geldpolitischen Unabhängigkeit der Notenbank. Berichte über nicht öffentlich bekannte Telefonate zwischen Präsident Donald Trump und Fed-Chef Kevin Warsh haben diese Zweifel in den vergangenen Tagen zusätzlich genährt – ein Umstand, der für ein Asset ohne Gegenparteirisiko wie Gold strukturell unterstützend wirkt.

Neben den kurzfristigen Treibern bleibt die strukturelle Nachfrage intakt. 2025 kauften Notenbanken weltweit insgesamt 863 Tonnen Gold, wie der World Gold Council vorrechnet – zwar 21 Prozent weniger als 2024, aber weiterhin klar über dem Durchschnitt der Jahre vor 2022. Angeführt wurde die Käuferliste von Polen, Kasachstan und Brasilien. Goldman Sachs rechnet für das laufende Jahr mit durchschnittlich 60 Tonnen Notenbank-Käufen pro Monat – getrieben von einer fortschreitenden Diversifizierung weg vom US-Dollar.

Die Prognosen der Häuser gehen weit auseinander

Entsprechend uneinheitlich fallen die Jahresendziele der grossen Banken aus: ANZ sieht die Feinunze bei 5'200 bis 5'600 US-Dollar, JPMorgan bei rund 5'243 US-Dollar, Goldman Sachs bei 4'900 US-Dollar. UBS hält offiziell an 4'600 US-Dollar bis Ende 2026 fest, hat das Ziel für September 2027 aber jüngst auf 5'400 US-Dollar angehoben und benennt drei Bedingungen für eine nachhaltige Fortsetzung der Rally: ein anhaltend schwacher Dollar, sinkende erwartete Realzinsen in den USA sowie eine weiter steigende Investmentnachfrage – insbesondere über Gold-ETFs. Citi bleibt mit einem kurzfristigen Ziel von 4'300 US-Dollar demgegenüber deutlich vorsichtiger.

Die aktuelle Gold-Rally speist sich aus einer seltenen Gleichzeitigkeit von Dollar-Schwäche, geopolitischer Eskalation und geldpolitischer Verunsicherung – nicht aus historisch hohen US-Zinsen, sondern aus der Unklarheit darüber, wohin sich diese Zinsen als Nächstes bewegen. Nach einem Monatsplus von über 13 Prozent wären kurzfristige Gewinnmitnahmen keine Überraschung. Für Schweizer institutionelle Anleger bleibt Gold in diesem Umfeld weniger eine reine Absicherung gegen Inflation als vielmehr ein Gegenpol zu wachsenden Zweifeln an Währungsstabilität und Zentralbankunabhängigkeit gleichermassen.

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