29.06.2026, 08:51 Uhr
Die Weltwirtschaft wächst, Unternehmensgewinne überraschen positiv, der IWF prognostiziert für 2026 ein globales BIP-Wachstum von 3,1%. Gleichzeitig purzeln Aktien in freiem Fall – und Anleihemärkte senden...
Candriam passt die Einschätzung für US-Staatsanleihen von neutral auf moderat positiv an. Nicolas Jullien, Global Head of Fixed Income beim Brüsseler Vermögensverwalter Candriam, begründet dies mit einer veränderten Bewertungssituation: Die Märkte hätten die Erwartungen hinsichtlich zusätzlicher geldpolitischer Straffung überzogen eingepreist.
Die Rezessionswahrscheinlichkeit sei deutlich zurückgegangen, makroökonomische Überraschungsindikatoren hätten sich verbessert und vorlaufende Konjunkturindikatoren wie die ISM-Indizes bewegten sich nahe den oberen Grenzen ihrer jüngsten Handelsspannen. Dies schreibt Nicolas Jullien, Global Head of Fixed Income beim Brüsseler Vermögensverwalter Candriam, in seinem jüngsten Kommentar.
Die jüngsten Arbeitsmarktdaten mahnt Jullien allerdings zur Vorsicht bei der Interpretation: Der starke Beschäftigungsaufbau sei massgeblich durch den Gastgewerbesektor getragen worden, wo im Zusammenhang mit der Fussball-Weltmeisterschaft temporär die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften gestiegen sei. Gleichzeitig liege das Lohnwachstum weiterhin unterhalb der Gesamtinflationsrate – ein Hinweis auf begrenzte Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer.
Die Inflation bleibt laut Jullien das zentrale Risiko. Neben gestiegenen Energiepreisen beobachte Candriam zunehmend inflationäre Impulse aus dem KI-Investitionszyklus: Infrastrukturinvestitionen und Preissteigerungen im Softwarebereich spiegelten sich bereits in den volkswirtschaftlichen Daten wider. Am langen Ende der US-Zinskurve bleibe man daher vorsichtig positioniert, während die Präferenz für inflationsgeschützte US-Anleihen (TIPS) aufrechterhalten werde.
Im Euro-Raum hält Candriam an einer moderat positiven Einschätzung für 10-jährige Bundesanleihen fest. Renditen leicht über drei Prozent böten Potenzial, insbesondere in einem Szenario nachlassender geopolitischer Spannungen und rückläufiger Energiepreise. Demgegenüber erschienen BTP-Bund-Spreads eher auf ein günstigeres makroökonomisches Umfeld ausgerichtet als derzeit gerechtfertigt. Candriam bevorzuge es, die konstruktive Haltung über Kernstaatenanleihen statt über zusätzliches Spread-Risiko auszudrücken.
Die Wachstumssignale im Euroraum hätten sich zuletzt weiter eingetrübt, das Rezessionsrisiko sei gestiegen und die Divergenz zu den USA bei makroökonomischen Überraschungsindikatoren habe sich ausgeweitet. Eine weitere EZB-Zinserhöhung im September erscheine möglich, sofern sich die Energiepreissituation deutlich verschärfe.
Innerhalb der entwickelten Rentenmärkte bleibt Australien die deutlichste Durationsüberzeugung von Candriam. Die australische Volkswirtschaft reagiere besonders sensibel auf Leitzinsänderungen, da variabel verzinsliche Hypotheken einen grossen Anteil am Finanzierungsmarkt ausmachten. Die makroökonomischen Daten beginnen laut Jullien zunehmend, die erwarteten Auswirkungen des vorangegangenen Straffungszyklus widerzuspiegeln – ohne Hinweise auf eine erneute Beschleunigung des Inflationsdrucks.
Bei den Währungen reduziert Candriam die Untergewichtung des US-Dollars, hält jedoch an der strategischen Einschätzung eines mittelfristig schwächeren Greenbacks fest. Die jüngste Aufwertung des Dollars – zunächst nach höher als erwarteten Inflationsdaten, anschliessend nach dem starken Arbeitsmarktbericht – führe nicht zu einer strukturell positiven Einschätzung der Währung. Das Basisszenario bleibe, dass der US-Dollar mittelfristig unter Druck geraten dürfte, sobald die Märkte zusätzliche Zinserhöhungen der Fed auspreisen.
Den Euro erachtet Jullien nicht länger als effizienteste Möglichkeit, eine US-Dollar-Schwäche zu spielen. Stattdessen setzt Candriam auf ausgewählte Schwellenländerwährungen wie den brasilianischen Real und den mexikanischen Peso sowie auf den japanischen Yen, der von einer möglichen weiteren geldpolitischen Normalisierung der Bank of Japan profitieren könnte.