19.06.2026, 08:39 Uhr
Asset Manager verwalten 147 Billionen Dollar global, 3,73 Billionen Franken in der Schweiz – die AUM-Zahlen sind auf Rekordniveau. Doch die Realität zeichnet ein Gegenbild: Margen stagnieren seit 15 Jahren, das...
Der Münchner Asset Manager lanciert ab Sommer 2026 fünf «Smart Active ETFs» in Europa – darunter in der Schweiz. Der späte Markteinstieg folgt einer bewussten Strategie: keine Kannibalisierung des bestehenden Fondsgeschäfts, dafür ein neuer Distributionskanal in einem Wachstumssegment mit 25 Prozent jährlichem Zuwachs.
Allianz Global Investors war einer der letzten grossen deutschen Asset Manager ohne eigene ETF-Palette in Europa. Das ändert sich jetzt. Zwischen Juli und September 2026 sollen fünf aktiv gemanagte, börsengehandelte Fonds unter dem Label «Allianz Smart Active ETFs» an den Start gehen – notiert in Deutschland, Italien, Grossbritannien und der Schweiz, aufgelegt als irische UCITS-Struktur mit europäischem Passporting-Anspruch.
Die Pressemitteilung vom 19. Juni 2026 liest sich wie ein Markteintrittssignal mit Ansage. Was intern offenbar seit Monaten vorbereitet wurde, ist nun offiziell: AllianzGI folgt einem Branchentrend, der in Europa erst richtig Fahrt aufnimmt.
Die fünf ETFs decken die klassischen Kernsegmente ab: drei Aktienstrategien (Global, Europa, USA), zwei Anleihestrategien (EUR-Staatsanleihen, Investment-Grade-Corporates). Was sie von klassischen aktiven Fonds unterscheidet, ist nicht das Ziel – Alpha generieren wollen beide –, sondern der Weg dorthin.
Alle Produkte basieren auf quantitativen, regelbasierten Investmentprozessen: auf der systematischen Aktienplattform von AllianzGI einerseits, auf dem sogenannten «Advanced Fixed Income»-Ansatz andererseits. Das Credo: Skalierbarkeit vor Conviction, Replizierbarkeit vor Einzeltitelideen.
Und das ist kein Zufall. Denn in einem ETF-Format zählen tägliche Liquidität, Transparenz und ein kontrollierbarer Tracking Error. High-Conviction-Stock-Picking passt strukturell schlecht in diese Hülle. AllianzGI hat diese Logik offenbar früh verstanden – und die Produktarchitektur entsprechend gestaltet.
Ein zentrales strategisches Motiv ist das, worüber AllianzGI öffentlich nicht spricht: die Vermeidung einer Kannibalisierung des bestehenden Fondsgeschäfts. Aktive ETFs dürfen kein Ersatzprodukt für bestehende Mandate oder Publikumsfonds sein – sie müssen ein Zusatzangebot für Kundensegmente darstellen, die AllianzGI bisher nicht erreicht.
Hier zeigt sich die Cleverness des Ansatzes: Der quantitative, diversifizierte ETF-Ansatz bedient eine andere Nachfrage als das klassische diskretionäre Fondsmanagement. Institutionelle Anleger, die bisher passive ETFs für Beta und aktive Mandate für Alpha kombinieren, könnten künftig einen Teil ihres Portfolios in AllianzGIs «Smart Active ETFs» verlagern – zu geringeren Kosten, mit höherer Liquidität und moderatem Alphapotenzial.
Die Zahlen geben AllianzGI recht. Gemäss McKinsey-Schätzungen wird das verwaltete Vermögen in aktiven ETFs in Europa von Ende 2024 bis 2029 auf rund 165 Milliarden Euro anwachsen – bei einer jährlichen Wachstumsrate von 25 Prozent. Klassische Fonds wachsen deutlich langsamer.
Gleichzeitig stand AllianzGI unter Druck: In Europa verzeichnete die Gesellschaft 2025 Nettozuflüsse von lediglich rund 200 Millionen Euro – der niedrigste Wert unter Deutschlands «Big Four» der Asset Manager. 2024 hatte das Unternehmen noch 2,5 Milliarden Euro an frischem Geld eingesammelt. ETFs sind also auch Antwort auf ein strukturelles Vertriebsproblem.
Dass die Schweiz zu den vier Erstmärkten zählt, ist strategisch relevant. Der Schweizer Markt ist für aktive ETF-Konzepte gut vorbereitet: Institutionelle Investoren – Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices – sind ETF-affin, aber qualitätsbewusst. Eine Strategie, die niedrige Kosten mit aktivem Anspruch verbindet, hat hier ein aufnahmefähiges Umfeld.
Hinzu kommt der mögliche Distributionshebel innerhalb der Allianz-Gruppe: Die neuen ETFs könnten künftig auch über das Agenturnetzwerk der Allianz oder als Bausteine in Versicherungslösungen eingesetzt werden – ein struktureller Vorteil gegenüber reinen Fondsgesellschaften.
Den Proof of Concept hat AllianzGI bereits in Asien erbracht: Seit Mai 2025 werden in Taiwan aktive Equity ETFs vertrieben. Die europäische Lancierung ist keine Pioniertat, sondern eine geordnete Ausweitung erprobter Konzepte in einen grösseren Markt.
Das macht den Einstieg glaubwürdig – und differenziert AllianzGI von jenen Marktteilnehmern, die aktive ETFs als Marketing-Experiment ohne substanziellen Track Record auf den Markt bringen.
AllianzGI besetzt mit dem «Smart Active»-Label eine Position, die zwischen zwei etablierten Kategorien liegt: auf der einen Seite regelbasierte Faktor-ETFs, die günstig sind, aber kein echtes Alpha beanspruchen; auf der anderen Seite diskretionäres aktives Management, das teuer ist, aber Überzeugung verspricht.
Ob «Smart Active» für Investoren klar genug differenziert ist, wird sich im Vertrieb zeigen. Die Namensgebung erinnert an «Smart Beta» – ein Begriff, der in der Branche einst gross angekündigt wurde und heute zwar etabliert, aber kaum mehr als eigenständige Kategorie wahrgenommen wird.
Die entscheidende Frage bleibt die Preisgestaltung. AllianzGI hat die Managementgebühren bisher nicht kommuniziert. Wer im ETF-Markt zu spät kommt, muss entweder billiger sein oder deutlich besser. Beides gleichzeitig ist kaum möglich.