31.08.2026, 07:13 Uhr
Der europäische ETF-Markt hat in den vergangenen Monaten in Folge Nettozuflüsse von über 40 Milliarden verzeichnet. Anleger setzen zunehmend auf Breite. Gleichzeitig etabliert sich mit CLO-ETFs, und AT1-Anleihen...
Während sich die Aufmerksamkeit vieler Anleger auf Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und die nächste technologische Revolution konzentriert, geraten zahlreiche Unternehmen mit bewährten Geschäftsmodellen zunehmend aus dem Blickfeld. Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von ACATIS, plädiert dafür, gerade in dieser Phase den Blick auf wenig beachtete Segmente zu richten.
Wer die Börsengeschichte studiert, kennt dieses Muster. In Phasen grosser Begeisterung rücken Zukunftsvisionen in den Vordergrund, während aktuelle Erträge, solide Bilanzen und nachhaltige Wettbewerbsvorteile an Bedeutung verlieren. Irgendwann stellt sich jedoch stets dieselbe Frage: Welche Unternehmen schaffen nicht nur Erwartungen, sondern erwirtschaften tatsächlich stabile Gewinne und Cashflows
Die jüngsten Entwicklungen im Technologiesektor zeigen, wie bereitwillig Investoren aktuell bereit sind, hohe Bewertungen für zukünftiges Wachstum zu bezahlen. Dabei besteht laut Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von ACATIS, kein Zweifel daran, dass Künstliche Intelligenz Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern wird.
Für Anleger sei es jedoch entscheidend, zwischen technologischer Bedeutung und attraktivem Investment zu unterscheiden, meint Leber in seiner Analyse. Nicht jede bahnbrechende Innovation führe automatisch zu attraktiven Renditen für Aktionäre. Gerade dann, wenn Kapital nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehe und ganze Branchen auf maximale Expansion setzten, entstünden häufig Überkapazitäten und zunehmender Wettbewerbsdruck. Aus Investorensicht lohne sich deshalb der Blick auf Unternehmen, deren Erfolg nicht von den nächsten Technologiesprüngen abhänge:
Die Stärke des Alltäglichen: Besonders interessant erscheinen Leber derzeit Unternehmen aus Bereichen, in denen die Nachfrage bemerkenswert stabil bleibt. Menschen kaufen weiterhin Lebensmittel, Konsumgüter, Tiernahrung oder Haushaltsprodukte – unabhängig davon, ob die nächste Generation von KI-Modellen schneller arbeitet als die vorherige.
Viele dieser Unternehmen verfügten über starke Marken, vorhersehbare Erträge und eine hohe Preissetzungsmacht. Gleichzeitig seien ihre Bewertungen oft deutlich moderater als jene vieler Wachstumsunternehmen. Gerade weil diese Geschäftsmodelle wenig Aufmerksamkeit erhielten, könnten sie langfristig attraktive Renditechancen bieten.
Profitieren von demografischen Trends: Eine zweite interessante Gruppe findet sich laut Leber im Gesundheitssektor. Die alternden Gesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien würden über Jahrzehnte hinweg einen steigenden Bedarf an medizinischen Produkten und Dienstleistungen erzeugen.
Anbieter von Medizintechnik, Diagnostik, Hörgeräten, Augenheilkunde oder ausgewählten Pharma- und Biotechnologieprodukten profitierten von einem strukturellen Trend, der weitgehend unabhängig von Konjunkturzyklen verlaufe. Hier träfen oftmals langfristiges Wachstum und vernünftige Bewertungen aufeinander.
Die unterschätzten Weltmarktführer: Ein besonders spannendes Segment sind für Leber mittelständische Spezialunternehmen, die in ihren Nischen globale Spitzenpositionen besetzen. Viele dieser Unternehmen seien ausserhalb des jeweiligen Industriezweigs kaum bekannt, verfügten jedoch über jahrzehntelang aufgebaute Marktstellungen, technologische Kompetenz und enge Kundenbeziehungen.
Häufig befänden sie sich noch immer in Familienhand oder würden von langfristig orientierten Ankeraktionären geprägt. Gerade diese langfristige Perspektive könne in einer zunehmend kurzfristig orientierten Börsenwelt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.
Wert schaffen ohne Wachstum: Eine weitere oft übersehene Quelle von Aktionärsrenditen sind laut Leber Unternehmen mit begrenztem Wachstum, aber hoher Kapitaldisziplin. Wenn Unternehmen stabile Gewinne erzielten, zu günstigen Bewertungen gehandelt würden und gleichzeitig kontinuierlich eigene Aktien zurückkauften, entstehe für die verbleibenden Aktionäre häufig erheblicher Wert. Der Gewinn pro Aktie steige, obwohl das Unternehmen operativ nur moderat wachse.
Solche Geschäftsmodelle wirkten auf den ersten Blick wenig aufregend – genau darin könnte laut Leber derzeit jedoch ihre Stärke liegen.
Die aktuelle Marktphase wird stark von Zukunftserwartungen geprägt. Das sei weder ungewöhnlich noch zwingend falsch, meint der bekannte Value-Investor. Langfristig entschieden jedoch nicht Visionen allein über den Anlageerfolg, sondern die Fähigkeit von Unternehmen, anhaltende Erträge zu erwirtschaften.
Für Investoren eröffne sich dadurch eine interessante Situation: Während ein Teil des Marktes von technologischen Zukunftsversprechen getragen werde, fänden sich in vielen weniger beachteten Segmenten Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, vernünftigen Bewertungen und attraktiven langfristigen Perspektiven. Die spannendsten Chancen lägen deshalb derzeit womöglich nicht dort, wo am lautesten über die Zukunft gesprochen werde, sondern dort, wo schon heute verlässlich Werte geschaffen würden.