20.04.2026, 09:31 Uhr
Die geldpolitische Lage hat sich in wenigen Tagen spürbar verschoben. Noch zuletzt standen steigende Energiepreise, geopolitische Eskalation und neue Inflationsrisiken im Zentrum der Debatte. Mit dem jüngsten...
Fed, EZB, BoE, BoJ und BoC tagen in dieser Woche – die meisten Entscheide gelten als ausgemacht. Doch die Kommunikation entscheidet, wie weit die Märkte den geopolitisch getriebenen Inflationsschock noch durchhalten können. Für Schweizer Investoren bleibt die SNB der eigentliche Sonderfall.
Beginnen wir mit dem Fed: Die US-Notenbank dürfte am Mittwoch ihren Leitzins zum vierten Mal in Folge im Band von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Die CME-Futuresmärkte preisen praktisch keine Bewegung ein. Die Wirtschaft expandiert in solidem Tempo, der Arbeitsmarkt zeigt Stabilisierungstendenzen, die Inflation bleibt hartnäckig oberhalb des 2-Prozent-Ziels. Im FOMC-Statement vom Januar hatte die Fed festgehalten, dass die Unsicherheit über den Wirtschaftsausblick «erhöht» bleibe – und beide Seiten des Mandats im Blick stünden. Das Sitzungsprotokoll vom März signalisierte, dass eine wachsende Zahl von Mitgliedern den Zeitpunkt für Zinssenkungen weiter in die Zukunft schiebt.
Entsprechend hat Goldman Sachs seine Erwartung für erste Senkungen auf September und Dezember verschoben. Eine Juni-Senkung sei «angesichts der revidierten Inflationsprognose zu früh». Wells Fargo erwartet, dass mögliche Zinssenkungen vorerst auf später im Jahr oder ins kommende Jahr verschoben werden – die Datenlage werde das Tempo bestimmen.
Die zweite Geschichte des Mittwochs heisst Personalpolitik: Die Sitzung ist Powells letzte als Vorsitzender. Sein Mandat als Chairman läuft am 15. Mai aus, Präsident Trump hat im Januar Kevin Warsh nominiert. Wall Street wird genau hinhören, ob Powell andeutet, ob er als Gouverneur (Mandat bis Januar 2028) bleibt oder zurücktritt. Für die US-Zinskurve heisst das: Die kurze Seite bleibt verankert, die lange Seite anfällig. Ein Steepening ist das wahrscheinlichste Szenario.
Auch die Europäische Zentralbank dürfte am Donnerstag den Einlagensatz unverändert bei 2,00 Prozent belassen – es wäre die sechste Pause in Folge seit dem letzten Schnitt im Juni 2025.
Die EZB hatte im März ihre Inflationsprognose für 2026 von 1,9 auf 2,6 Prozent angehoben und das Wachstum auf 0,9 Prozent gesenkt. Der Nahost-Konflikt und der Energiepreisschock haben die Risikobalance klar nach oben verschoben – die Eurozone-Inflation lag im März bei 2,5 Prozent, die Kerninflation bei rund 2,3 Prozent.
PIMCO-Portfoliomanager Konstantin Veit erwartet «wachsame Zurückhaltung statt Tatendrang» und hält mehr als zwei Zinsschritte für unwahrscheinlich. Morgan Stanley sieht eine Verschärfung als möglich, falls sich die Kerninflation um 2,5 Prozent festsetzt. ING-Makrochef Carsten Brzeski bringt die Lage auf den Punkt: Bis Juni werde sich zeigen, ob der Energiepreisschock als temporär eingestuft werden könne. Falls nicht, seien Zinserhöhungen unvermeidbar.
Reuters-Ökonomen-Umfragen zeigen eine gespaltene Lage: Gut zwei Drittel der befragten Ökonomen erwarten unveränderte Zinsen über das Jahr hinweg – Terminmärkte preisen dagegen rund zwei Anhebungen bis Ende 2026 ein, mit der ersten fast vollständig im Juni gepreist.
Die Bank of England steckt im klassischen geldpolitischen Dilemma. Der Bank Rate dürfte am Donnerstag bei 3,75 Prozent verharren – jenem Niveau, das sie im Dezember 2025 nach vier Senkungen im Jahr 2025 erreicht hat. Ein Reuters-Poll unter 62 Ökonomen zeigt einhelligen Konsens für eine Pause.
Inlandskonjunktur und Arbeitsmarkt schwächeln, das Lohnwachstum verlangsamt sich, Investitionen lahmen. Gleichzeitig hat der Nahost-Schock die Inflationsrisiken verstärkt – die UK-Inflation lag zuletzt bei 3,3 Prozent, deutlich oberhalb der 2-Prozent-Marke. Märkte preisten direkt nach dem Konfliktausbruch zwei Zinserhöhungen bis Jahresende ein, haben sich seither aber zurückbewegt – aktuell ist nur noch eine Anhebung im Dezember vollständig eingepreist.
Die Bank of Japan hat bereits am Dienstagmorgen entschieden – und ein deutlich hawkisheres Bild geliefert als erwartet. Der kurzfristige Leitzins bleibt bei 0,75 Prozent, dem höchsten Stand seit September 1995. Doch das Votum fiel mit 6:3 überraschend knapp aus: Die Direktoriumsmitglieder Nakagawa, Takata und Tamura stimmten für eine Anhebung auf 1,00 Prozent. Drei Dissens-Stimmen gleichzeitig – das gab es zuletzt selten.
Die eigentliche Botschaft steckt im Outlook Report. Die BoJ revidierte ihre Kerninflationsprognose für das Fiskaljahr 2026 dramatisch von 1,9 auf 2,8 Prozent, jene für 2027 von 2,0 auf 2,3 Prozent. Erstmals projiziert das Direktorium auch das Fiskaljahr 2028 – mit 2,0 Prozent exakt am Zielwert. Treiber: der Ölpreisschub durch den Nahost-Konflikt und die Sorge, dass dieser zunehmend zweite Runden in Konsumgüter- und Dienstleistungspreise auslöst.
Takata begründete seinen Antrag damit, das Preisstabilitätsziel sei «mehr oder weniger erreicht», die Inflationsrisiken bereits aufwärtsgerichtet. Die offizielle BoJ-Sprache spricht nun davon, die zugrundeliegende Inflation werde «in der zweiten Hälfte des Fiskaljahres 2026 und über das Fiskaljahr 2027 hinweg» auf einem mit dem 2-Prozent-Ziel breit konsistenten Niveau liegen – eine Formulierung, die de facto den Boden für weitere Anhebungen bereitet, auch wenn das Direktorium heute noch nicht zugriff. Risiken seien beim Wachstum nach unten, bei der Inflation nach oben verschoben – die klassische stagflationäre Klammer.
Die Bank of Canada hält seit Oktober 2025 die Zinsen unverändert und dürfte am Mittwoch zum vierten Mal in Folge bei 2,25 % bleiben. Der Polymarket-Kontrakt für «No Change» liegt bei 96,5 Prozent, ein Reuters-Poll mit 41 Ökonomen war vor Wochenfrist einhellig.
Ein Detail hat sich allerdings verschoben: Auch hier kletterte die Inflation. Im März stand sie bei 2,4 Prozent – nach 1,8 Prozent im Februar. Auch hier sind die Energiepreise verantwortlich. Drei von vier Marktanalysten preisen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit für mindestens eine Zinserhöhung bis Jahresende ein, eine deutliche Trendwende gegenüber den Erwartungen Anfang Jahr. Scotiabank-Ökonomen rechnen sogar mit drei Erhöhungen in der zweiten Jahreshälfte und einem Jahresendsatz von 3,00 Prozent.
Mit dem Zinsentscheid veröffentlicht die BoC ihren quartalsweisen Monetary Policy Report – das eigentliche Ereignis des Mittwochs. Der Sprachgebrauch wird die Markterwartungen für den Rest des Jahres prägen.
Die Schweizerische Nationalbank tagt diese Woche zwar nicht – die nächste Lagebeurteilung steht erst am 18. Juni an. Doch der Schweizer Sonderweg ist gerade in dieser globalen Konstellation hochrelevant. Die SNB hält den Leitzins seit Juni 2025 bei 0,0 Prozent und hat am 19. März bestätigt, dass dieses Niveau über den gesamten Prognosehorizont angenommen wird.
Die Schweizer Inflation lag im März bei 0,3 Prozent, leicht unter den Erwartungen. Die SNB selbst prognostiziert eine durchschnittliche Jahresteuerung von 0,5 Prozent für 2026 und 2027 sowie 0,6 Prozent für 2028 – also über den gesamten Horizont innerhalb des Zielbands von 0 bis 2 Prozent, aber nahe der Untergrenze. Während andere Notenbanken sich gegen einen Inflationsschub stemmen, kämpft also die SNB faktisch gegen die importierte Deflation des starken Frankens.
Das verändert die Reaktionsfunktion fundamental. Karsten Junius, Chefökonom bei J. Safra Sarasin, erwartet keine Leitzinsänderungen 2026 und sieht die erste Erhöhung in der zweiten Hälfte 2027. AllianzGI-Portfoliomanagerin Martina Honegger-Romahn argumentiert, die SNB werde bei niedriger Inflation eher zu Devisenmarktinterventionen greifen als zu Zinssenkungen. Ein vieldiskutierter Wiedereinstieg in Negativzinsen wird von Ökonomen für 2026 weitgehend ausgeschlossen.
Im Klartext für Schweizer institutionelle Investoren: Die SNB wird bei einer weiteren Verschärfung des Energiepreisschocks vermutlich nicht reagieren – sie wird ihn durch den Franken laufen lassen. SARON-Hypotheken bleiben vorerst günstig, lange Fix-Zinsen reflektieren bereits die Erwartung steigender SNB-Zinsen ab 2027. Eidgenössische Renditen verschoben sich seit Mitte Dezember leicht nach oben – nicht aus Inflationssorge, sondern im Sog globaler Term-Premium-Effekte.
Was diese Woche zählt, ist nicht die Zinsentscheidung selbst – sie gilt mit Ausnahme der BoJ-Dissens-Überraschung als ausgemacht – sondern die Kommunikation. Lagarde, Powell und Bailey werden ihre Statements nuancieren: datenabhängig, sitzungsweise, ohne Vorab-Verpflichtung. Die entscheidende Frage für Investoren lautet: Wie hartnäckig bleibt der geopolitisch getriebene Inflationsschock, und ab wann reagieren die Währungshüter mit Erhöhungen statt weiterer Pausen? Tokio hat heute ein erstes klares Signal geliefert. Frankfurt deutet mit Juni einen möglichen Pivot an. Washington verweist auf September. Die Schweiz beobachtet – und hält den Devisenmarkt-Daumen am Drücker.