07.07.2026, 07:54 Uhr
Der Rekord-Börsengang von SpaceX hat die Messlatte für die kommenden IPOs von Anthropic und OpenAI markant erhöht – und zugleich gezeigt, wie fragil das Zeitfenster für Mega-Emissionen sein kann. Während...
Die erneute, deutlich schärfere Eskalation zwischen den USA und dem Iran wirft die Frage auf, wie nachhaltig der Inflationsschub ist, den der Konflikt seit Kriegsausbruch Ende Februar 2026 ausgelöst hat. Was sind die Auswirkungen auf die Anleger aus der Schweiz? Wie stark wirkt der Franken hier als Inflationspuffer?
Nachdem der ursprüngliche Krieg – ausgelöst durch US- und israelische Angriffe Ende Februar – im April in eine erste, fragile Waffenruhe gemündet hatte, brach diese in den vergangenen Tagen zusammen. Auslöser waren iranische Angriffe auf drei Handelsschiffe in der Strasse von Hormus, worauf die USA am Mittwoch nach eigenen Angaben mehr als 80 militärische Ziele im Iran angriffen – Luftverteidigungssysteme, Führungs- und Kontrollzentren, Küstenradaranlagen sowie über 60 Schnellboote der Revolutionsgarde. Teheran antwortete mit Vergeltungsschlägen auf US-Einrichtungen in Bahrain und Kuwait. In der Nacht auf Donnerstag folgten laut Präsident Trump weitere «zusätzliche Selbstverteidigungsschläge» mit 49 Tomahawk-Marschflugkörpern; der Iran griff daraufhin auch US-Stützpunkte in Katar an, während Jordanien acht iranische Raketen abfing. Gleichzeitig hob das US-Finanzministerium die Ausnahmeregelung auf, die neue Verkäufe iranischen Öls erlaubt hatte – aus iranischer Sicht ein zusätzlicher Bruch der ohnehin fragilen Vereinbarung zur Wiederöffnung der Meerenge.
Besonders brisant: Irans Militärführung erklärte die Strasse von Hormus für «komplett und für alle Schiffstypen geschlossen» und drohte, jedes durchfahrende Schiff zu beschiessen. Das US-Zentralkommando CENTCOM wies dies als «falsch» zurück und erklärte, Handelsschiffe verkehrten weiterhin durch die Meerenge. Die Realität liegt wohl dazwischen.
Der zentrale Übertragungskanal bleibt die Strasse von Hormus, durch die im Normalbetrieb rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels läuft. Ökonomen der Federal Reserve Bank of Dallas (Kilian, Plante, Richter und Zhou) haben in einer eigens entwickelten DSGE-Modellierung quantifiziert, wie sich unterschiedliche Dauerszenarien der Hormus-Schliessung auf die US-Inflation auswirken: Bei einer nur einquartaligen Schliessung mit anschliessender schrittweiser Erholung der Exporte schätzen sie den Effekt auf die US-Headline-Inflation 2026 auf plus 0,6 Prozentpunkte, auf die Kerninflation auf plus 0,2 Prozentpunkte. Hält die Schliessung drei Quartale an, steigt der Effekt auf bis zu 1,1 Prozentpunkte bei der Headline-Rate, in Extremszenarien mit vollständigem Erliegen der Golf-Exporte auf bis zu 1,8 Prozentpunkte, bei einem WTI-Ölpreis von bis zu 167 US-Dollar je Fass. Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen Headline- und Kerninflation: In praktisch allen Szenarien fällt der Effekt auf die Kernrate deutlich kleiner aus, was auf einen primär energiegetriebenen Angebotsschock hindeutet – vorausgesetzt, die Störung bleibt zeitlich begrenzt.
Die Ölpreise hatten sich nach dem Zwischenhoch von rund 126 US-Dollar je Fass (Brent) im April deutlich zurückgebildet, da Hoffnungen auf eine dauerhafte Lösung und eine graduelle Wiederöffnung der Meerenge die Risikoprämie abbauten. Mit der jüngsten Eskalation kehrte sich dieser Trend abrupt um: Brent verteuerte sich am Mittwoch um 5,43 Prozent auf 78,19 US-Dollar je Fass, WTI um 4,37 Prozent auf 73,52 US-Dollar. Am Donnerstagmorgen legten beide Sorten nochmals zu, WTI auf 74,49 US-Dollar (plus 1,32 Prozent), Brent auf 79,10 US-Dollar (plus 1,38 Prozent) – gemäss Handelsblatt lag Brent damit am Donnerstag weiterhin mehr als 7 Prozent über dem Niveau vom Wochenbeginn. Analysten von ING kommentierten unmissverständlich, die Marktreaktion der vergangenen Tage mache deutlich, dass die Märkte «die Risiken um das Abkommen deutlich zu entspannt eingeschätzt» und «zu bullish auf eine schnelle Erholung des regionalen Angebots gesetzt» hätten. Macquarie-Energiestratege Vikas Dwivedi erwartet dagegen, dass die erneute Spannung «relativ kurzlebig» bleibt, da beide Seiten durch wirtschaftliche und politische Realitäten eingeschränkt seien, warnt aber vor einem verfrühten Einstieg in die Rally.
An der Wall Street fiel der Dow Jones am Mittwoch um rund 1 Prozent beziehungsweise über 500 Punkte, der S&P 500 gab 0,2 Prozent nach, während der technologielastige Nasdaq die Verluste ins Plus drehen konnte (plus 0,2 Prozent) – dies nur wenige Handelstage, nachdem der Dow am 6. Juli mit über 53'000 Punkten ein Allzeithoch erreicht hatte. Am Donnerstag zeigte sich der breite Markt gemischt: S&P 500 leicht im Plus (plus 0,22 Prozent), Dow knapp im Minus (minus 0,07 Prozent), während der Russell 2000 mit minus 0,88 Prozent deutlicher nachgab. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte im Zuge der Eskalation um mehr als vier Basispunkte auf 4,571 Prozent, jene der 30-jährigen Anleihen auf 5,069 Prozent – ein Zeichen dafür, dass der Markt die geopolitische Zuspitzung unmittelbar in höhere Inflationserwartungen übersetzt.
Besonders bemerkenswert bleibt die Reaktion des Goldpreises. Statt als sicherer Hafen zuzulegen, verzeichnete Gold drei Verlusttage in Folge, bevor es am Freitagmorgen (heutiger Handelstag) in der frühen asiatischen Session wieder auf rund 4'120 US-Dollar je Feinunze kletterte – nachdem das Weisse Haus signalisiert hatte, weiterhin am Rahmenabkommen mit dem Iran festzuhalten, auch wenn Trump dieses zuvor für «vorbei» erklärt hatte. Der Investing.com-Marktkommentar ordnet die Schwäche der vergangenen Tage klar der Dollarstärke zu: Der Dollar-Index näherte sich einem 13-Monats-Hoch, was Gold für Käufer ausserhalb der USA verteuert und damit die klassische Krisenprämie überkompensiert. Die Bank HSBC senkte in diesem Kontext ihre Goldpreisprognosen für 2026 von 4'864 auf 4'560 US-Dollar und für 2027 von 5'000 auf 4'925 US-Dollar. Auffällig ist zugleich, dass andere Edelmetalle deutlich stärker reagierten: Silber legte um 3,5 Prozent auf 60,34 US-Dollar je Unze zu, Platin um 3,2 Prozent auf 1'628,22 US-Dollar, Palladium um 3,7 Prozent auf 1'256,97 US-Dollar – ein Hinweis darauf, dass die Marktreaktion stark differenziert und weniger von einer pauschalen «Flucht in Sachwerte» geprägt ist, als es frühere Kriegsphasen nahelegten.
Anzeichen für inflationäre Tendenzen waren schon vor dem neuerlichen Angriff zu vernehmen: Die US-Verbraucherpreise stiegen im Mai 2026 um 4,2 Prozent im Jahresvergleich, nach 3,8 Prozent im April – der höchste Wert seit drei Jahren und ein Anstieg von 1,8 Prozentpunkten gegenüber dem Vorkriegsniveau von 2,4 Prozent im Januar. Die Kerninflation lag mit 2,9 Prozent deutlich tiefer, was den energiegetriebenen Charakter des Schocks unterstreicht. Die nächste Veröffentlichung für Juni erfolgt am 14. Juli und dürfte angesichts der jüngsten Eskalation und der laufenden Kongress-Anhörung von Fed-Chef Kevin Warsh mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden.
Die Schweiz zeigt ein deutlich robusteres Bild. Die Jahresteuerung war im Zuge der ersten Eskalationswelle von 0,1 Prozent im Februar auf 0,6 Prozent im Mai gestiegen – ausschliesslich getrieben von importierter Energieteuerung –, bildete sich aber im Juni bereits wieder auf 0,5 Prozent zurück, als sich die Ölpreise vorübergehend beruhigt hatten. Die SNB erwartet in ihrer bedingten Inflationsprognose eine durchschnittliche Teuerung von 0,5 Prozent für 2026 und 2027 sowie 0,6 Prozent für 2028 – ein Wert, der komfortabel innerhalb des Zielbands von 0 bis 2 Prozent liegt. Der starke Franken wirkt dabei als struktureller Puffer, weshalb die SNB ihre Nullzinspolitik im Juni bestätigte und gleichzeitig erhöhte Interventionsbereitschaft am Devisenmarkt signalisierte, um eine übermässige Frankenaufwertung zu verhindern.
Das Protokoll der Fed-Sitzung vom Juni – der ersten unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh, der selbst noch keine eigenen Projektionen einreichte – offenbart einen ungewöhnlich gespaltenen Offenmarktausschuss. Ein Teil der Mitglieder hält einen Leitzins auf oder leicht unter dem aktuellen Zielband bis Jahresende für angemessen, ein anderer Teil sieht ihn ausdrücklich darüber. Diese Uneinigkeit spiegelt sich in der Revision der begleitenden Wirtschaftsprojektionen: Die erwartete Kern-PCE-Inflation für das vierte Quartal 2026 wurde von 2,7 auf 3,3 Prozent angehoben, die mediane Leitzinserwartung für Ende 2026 von 3,4 auf 3,8 Prozent. Die kommende Woche dürfte richtungsweisend werden: Neben den Juni-Verbraucherpreisen am 14. Juli wird auch Warshs Kongress-Anhörung von den Märkten als Signal für die künftige geldpolitische Reaktion auf die neue Eskalation gewertet.
Der IWF hatte in seinem aktuellsten World Economic Outlook Update – veröffentlicht unmittelbar vor der jüngsten Zuspitzung – seine Einschätzung gegenüber dem April-Update bereits verschärft: Die globale Headline-Inflation soll von 4,1 auf 4,7 Prozent im Jahr 2027 steigen, was der Fonds explizit als Beleg dafür wertet, dass der globale Disinflationsprozess «gestoppt» sei. Der Fonds rechnet in seinem Basisszenario für 2026 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 89 US-Dollar je Fass und mit einem auf 0,7 Prozent gesenkten Wachstum für den Nahen Osten (minus 1,2 Prozentpunkte), gefolgt von einer Erholung auf 6,5 Prozent im Jahr 2027. Diese Basisannahme eines «relativ kurzlebigen» Konflikts wirkt angesichts der jüngsten Vollsperrung der Strasse von Hormus und der neuen Angriffswellen bereits wenige Tage nach Publikation unter Erwartungsdruck – sollte sich die aktuelle Eskalation über mehrere Wochen verfestigen, dürfte der IWF seine Prognosen bei der nächsten Aktualisierung erneut nach oben korrigieren müssen.
Die verfügbare Evidenz – die weiterhin deutlich auseinanderlaufende Headline- und Kernrate in den USA, die zurückhaltende Reaktion von Gold bei gleichzeitig kräftigerem Ausschlag bei Silber, Platin und Palladium sowie das gespaltene Fed-Protokoll – stützt weiterhin die Interpretation eines primär energiegetriebenen Angebotsschocks. Die entscheidende Variable bleibt die Dauer der Störung: Mit der faktischen Vollsperrung der Strasse von Hormus und einem auf rund 14 Schiffe pro Tag eingebrochenen Verkehr bewegt sich die aktuelle Lage bereits deutlich näher an den in den Modellrechnungen der Dallas Fed diskutierten Extremszenarien als an der noch vor wenigen Tagen verbreiteten Erwartung einer raschen Normalisierung.
Für institutionelle Anleger aus der Schweiz bleibt die zentrale Beobachtungsgrösse damit unverändert die Frage, ob sich die neue Eskalation über mehrere Wochen verfestigt – mit entsprechenden Zweitrundeneffekten auf Löhne und Dienstleistungspreise – oder ob, wie bereits im April, eine erneute diplomatische Deeskalation gelingt. Die widersprüchlichen Signale der vergangenen Tage – Trumps Ankündigung, das Abkommen sei «vorbei», bei gleichzeitiger Aussage, der Krieg werde nicht vollständig neu aufflammen, sowie die Bekräftigung des Weissen Hauses, am Rahmenabkommen festzuhalten – deuten darauf hin, dass diese Frage kurzfristig kaum verlässlich zu beantworten ist. Die Frankenstärke bleibt dabei der wichtigste Schutzschild für Schweizer Anleger gegen importierte Inflation, unabhängig davon, wie sich der Konflikt in den kommenden Wochen entwickelt.