CHF-Markt wird zur Drehscheibe für Eurozone-Staatsanleihen – was heisst das für institutionelle Anleger in der Schweiz?

Eurozone-Staaten zapfen den Schweizer Franken zunehmend als Finanzierungswährung an (Bild: Adobe Stock)
Eurozone-Staaten zapfen den Schweizer Franken zunehmend als Finanzierungswährung an (Bild: Adobe Stock)

Eurozone-Staaten zapfen den Schweizer Franken-Markt in einem Tempo an, das alle Vorjahreswerte in den Schatten stellt. Treiber sind die Nullzinspolitik der SNB und ein Kostenvorteil nach Cross-Currency-Swap. Für Schweizer institutionelle Investoren entsteht damit ein neues Segment hochqualitativer CHF-Anleihen.

28.05.2026, 09:20 Uhr
Asset Management | Finanzplätze | Konjunktur | Notenbanken

Redaktion: asc

Eurozone-Staaten zapfen den Schweizer Franken zunehmend als Finanzierungswährung an. Ein Trend, der nicht nur die SIX zur attraktiven Listingplattform macht, sondern Schweizer institutionellen Investoren ein deutlich breiteres Angebot an hochqualitativen, CHF-denominierten Staatsanleihen verschafft. Die geldpolitische Konstellation der SNB schafft die Voraussetzungen – die Nachfrage seitens ausländischer Emittenten bestätigt sie.

Die SIX Swiss Exchange verzeichnete 2025 mit 558 Anleihelistings (+18% gegenüber 2024) und einem Emissionsvolumen von CHF 124 Mrd. (+15%) neue Allzeithochs. Ein wesentlicher Treiber: Eurozone-Staaten und supranationale Emittenten, die den CHF gezielt als Diversifikationswährung in ihre Finanzierungsstrategie integrieren. Allein in den ersten fünf Monaten 2026 emittierten Eurozone-Staaten rund 4,6 Milliarden US-Dollar in Fremdwährungen – nach lediglich 2,4 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Ein erheblicher Teil davon entfällt auf den Schweizer Franken.

Slowakei und Österreich als Vorreiter

Sichtbar wurde der Trend insbesondere durch die slowakische und die österreichische Republik. Wie investrends.ch bereits im vergangenen Jahr berichtete, kehrte die Republik Österreich nach längerer Abwesenheit in der Schweiz wieder mit einer Franken-Obligation zurück: Das zehnjährige Papier trägt einen Coupon von 0,6825 Prozent, wird zu pari ausgegeben und umfasst ein Volumen von 350 Millionen Franken. Im Februar dieses Jahres lancierte Österreich eine grüne Benchmark-Anleihe mit Laufzeit bis 2051 im Volumen von CHF 175 Millionen. Es war die längste je in Schweizer Franken emittierte SSA-Anleihe im grünen Format. Über 20 lokale Schweizer «Buy & Hold»-Investoren – angeführt von Vermögensverwaltern (51,7%), Banken (26,7%) sowie Pensionskassen und Versicherungen – zeichneten die Emission, die zu einem Kupon von 1,0950 Prozent bei SARON Midswap +30 Basispunkten gepreist wurde.

Seit der Rückkehr Österreichs an den CHF-Markt im Januar 2025 – nach 16-jähriger Abwesenheit – hat die Republik mit elf Transaktionen ein ausstehendes Volumen von rund CHF 2 Milliarden aufgebaut. Die Slowakei verfolgt eine vergleichbare Strategie.

Der Swap-Vorteil

Hauptmotiv ist der Kostenvorteil nach Absicherung über Cross-Currency-Swaps. Die SNB hat ihren Leitzins seit Juni 2025 bei 0 Prozent belassen – auch im März 2026 bestätigte sie diese Linie. Die Inflation lag im Februar 2026 bei lediglich 0,1 Prozent, die zehnjährige Bundesobligation der Eidgenossenschaft rentiert bei rund 0,5 Prozent. Für Eurozone-Emittenten ergibt sich daraus nach Swap-Konversion in Euro häufig ein günstigerer All-in-Funding-Spread als bei einer direkten Euro-Emission.

Hinzu kommt die Tiefe und Stabilität der Schweizer institutionellen Käuferschaft: Pensionskassen, Versicherungen und Vermögensverwalter verfügen über strukturelle CHF-Anleihen-Allokationen, die durch das tiefe Renditeniveau bei eidgenössischen Anleihen unter erheblichem Anlagedruck stehen.

Die wechselseitige Beziehung mit der SNB

Aus geldpolitischer Sicht ist die Konstellation bemerkenswert. Die SNB hält rund 37 Prozent ihrer Devisenreserven von gegen 720 Millliarden Franken in Euro und ist damit selbst eine der grössten Investorinnen in Kernstaatsanleihen der Eurozone – insbesondere aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich. Diese Position entstand vorwiegend als Folge der Devisenmarktinterventionen seit der Finanzkrise.

Nun bewegt sich Kapital teilweise in die umgekehrte Richtung: Eurozone-Staaten verschulden sich aktiv im CHF-Markt, während Schweizer institutionelle Anleger CHF-denominierte Eurozone-Staatsanleihen erwerben können – ohne Währungsrisiko und mit Spreads gegenüber Eidgenossen, die für Schweizer Asset-Allokatoren ökonomisch relevant sind.

Was der Trend für Schweizer Investoren bedeutet

Für Pensionskassen, Versicherungen und Family Offices eröffnet sich damit eine erweiterte Anlageoption im hochqualitativen Segment:

  • Breitere Investorenbasis im IG-Bereich: Schweizer Investoren erhalten zunehmend Zugang zu CHF-denominierten Staatsanleihen mit AAA- bis AA-Rating jenseits von Eidgenossen, Kantonen und Pfandbriefen – ein willkommenes Diversifikationsangebot angesichts des extrem tiefen Renditeniveaus.
  • Mehr Liquidität im Cross-Currency-Swap-Markt: Das steigende Volumen erhöht die Liquidität im CHF/EUR-Basis-Swap-Markt und beeinflusst die Absicherungskosten für alle Marktteilnehmer – relevant für Pensionskassen mit internationalen Anleihenportfolios.
  • Stärkung des Finanzplatzes: Die Positionierung der SIX als attraktive Alternative zum Euro-Markt für Premium-Emittenten festigt die Rolle Zürichs als europäische Anleihen-Drehscheibe.
  • Wechselkursdruck im Blick: Die erhöhte CHF-Nachfrage zur Bedienung der Swap-Positionen wirkt tendenziell unterstützend auf den Franken. Die SNB hat ihre Bereitschaft zur Intervention am Devisenmarkt zuletzt explizit erhöht – auch in Reaktion auf die Spannungen im Nahen Osten und den damit verbundenen Aufwertungsdruck.

Ausblick: Strukturelle Dynamik

Der EUR/CHF-Kurs notiert aktuell bei rund 0,915. Solange die SNB an der Nullzinspolitik festhält – was Marktteilnehmer für 2026 weitgehend einpreisen –, dürfte die strukturelle Attraktivität des CHF-Markts für Eurozone-Emittenten bestehen bleiben. Die SNB selbst hält die Option auf Negativzinsen ausdrücklich offen, betont jedoch hohe Hürden für deren Einführung.

Für Schweizer Anleger entsteht damit eine paradox anmutende Situation: Während die Eidgenossenschaft kaum noch Rendite abwirft, kommt Premium-Bonität aus dem Euro-Raum direkt in den Heimwährungsmarkt. Ein Marktsegment, das die SNB indirekt – über ihre Geldpolitik – geöffnet hat und das in den nächsten Jahren strukturell wachsen dürfte.

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