01.06.2026, 08:18 Uhr
SpaceX steht vor dem nach Volumen grössten Börsengang der Geschichte. Der erste Handelstag ist für den 12. Juni geplant. Der Börsengang ist ungewöhnlich und hat Kontroversen ausgelöst. Im Vorfeld hatten sich...
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einem Kurswechsel, mit dem sie noch im vergangenen Jahr kaum jemand gerechnet hätte. Nach einem Jahr Zinspause zeichnet sich für die Sitzung vom 10. und 11. Juni die erste Zinserhöhung seit dem Straffungszyklus von 2022/23 ab. Den Ton dafür hat EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel gesetzt: In einem Interview mit Reuters erklärte sie, ein blosses Abwarten sei angesichts des Energiepreisschocks keine Option mehr.
Seit Juni 2025 hält die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen unverändert. Der Einlagesatz – der für die Geldmärkte massgebliche Leitzins – liegt bei 2.00 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2.15 Prozent und die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 2.40 Prozent. Zuletzt bestätigte der Rat diesen Kurs am 30. April 2026, als er die Sätze zum siebten Mal in Folge unangetastet liess – eine Erhöhung wurde laut Sitzungsprotokoll bereits «ausführlich» diskutiert. Noch im Dezember 2025 hatte Isabel Schnabel keine Zinserhöhung in absehbarer Zeit für nötig gehalten.
Übers Wochenende nun die Wende in einem Reuters-Interview: «Ein Hinwegsehen ist aus meiner Sicht keine Option mehr», sagte Schnabel, die im EZB-Direktorium für die Marktoperationen zuständig ist. Und weiter: «Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für notwendig.» Damit verlässt eine der einflussreichsten Stimmen im Rat endgültig die abwartende Linie der vergangenen Monate.
Verändert hat die Lage der Ende Februar ausgebrochene Krieg im Nahen Osten. Er trieb die Energiepreise massiv nach oben – der Ölpreis notiert seit Wochen über 100 US-Dollar je Fass – und störte über die Lieferketten den globalen Warenverkehr. Die Folge: Die Teuerung im Euroraum kletterte auf 3.0 Prozent im April und damit auf den höchsten Stand seit über zwei Jahren, deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent. Die Eurostat-Erstschätzung für Mai wird diese Woche erwartet; von Reuters befragte Ökonomen rechnen damit, dass die Rate vorerst bei rund 3.0 Prozent verharrt. Schnabel selbst verwies darauf, dass die Inflation laut Markterwartungen bis Jahresende in Richtung 4 Prozent steigen dürfte.
Entscheidend für ihre Kehrtwende ist Schnabels Einschätzung, dass sich der aktuelle Schock von früheren Energiekrisen unterscheidet – vor allem in seiner Dauerhaftigkeit. In Bezug auf die Persistenz habe man das adverse Szenario der EZB bereits hinter sich gelassen, sagte sie. Selbst ein sofortiges Kriegsende würde die Lage nicht rasch normalisieren: «Selbst wenn der Krieg heute enden würde, ist an Energieinfrastruktur und globalen Lieferketten bereits viel Schaden entstanden.» Eine geldpolitische Reaktion wäre auch dann nötig.
Hinzu kommt ein zweiter Kanal. Wegen des globalen Charakters des Schocks stiegen weltweit die Erzeugerpreise; diese Kostendrücke dürften über die Lieferketten in die Güterpreise einsickern, warnte Schnabel. Besonders genau beobachtet die EZB die Inflationserwartungen: In der Konsumentenumfrage hätten sich die mittelfristigen Erwartungen nach oben verschoben, was oft als Frühindikator für ein steigendes Risiko der Entankerung gilt – ein Risiko, das «sehr genau beobachtet werden muss».
Die Geldmärkte haben den Schwenk längst vollzogen. Sie preisen inzwischen zwei Zinserhöhungen vollständig ein und veranschlagen die Wahrscheinlichkeit für einen dritten Schritt innerhalb eines Jahres auf rund 50 Prozent. Das März-Basisszenario der EZB hatte zwei Erhöhungen unterstellt. Schnabel betonte, man bleibe «strikt datenabhängig» und lege sich auf keinen Zinspfad fest.
Auch andere Ratsmitglieder bereiten den Boden. Der litauische Notenbankchef Gediminas Simkus unterstützt eine Erhöhung im Juni und hält einen zweiten Schritt für «wahrscheinlicher als nicht». Chefökonom Philip Lane wies darauf hin, dass sich der konjunkturelle Ausblick seit März verschlechtert habe und die EZB ihre Inflationsprognose am 11. Juni voraussichtlich nach oben revidieren werde – im März lag die Basisprognose für 2026 bei 2.6 Prozent, das adverse Szenario bei 3.5 Prozent.
Die Notenbank manövriert damit in einem klassischen Zielkonflikt: Die Inflation zieht an, während sich die Konjunktur bereits abkühlt. Die EU-Kommission senkte ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0.9 Prozent – ein Wert, den Schnabel angesichts des Stimmungseinbruchs bei den Konsumenten noch für zu optimistisch hält. Ein adverser Angebotsschock, so Schnabel, stelle Notenbanken stets vor ein Dilemma, weil eine Straffung den negativen Effekt auf die Wirtschaft verstärke.
Für den weiteren Zinspfad bleibt entscheidend, wie stark die höheren Kosten tatsächlich an die Endpreise weitergegeben werden – und wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt. Der jüngste Anstieg der Anleiherenditen sei überwiegend Ausdruck gestiegener Inflationskompensation, beruhige sie indes nicht: Beunruhigende Entwicklungen an den Staatsanleihemärkten des Euroraums sehe sie nicht. Klar ist nach Schnabels Auftritt nur eines: Die Phase der ruhigen Hand dürfte am 11. Juni zu Ende gehen.
Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) verschärft ein EZB-Schritt vor allem ein bekanntes Spannungsfeld. Der SNB-Leitzins liegt seit Juni 2025 bei 0 Prozent; an ihrer Lagebeurteilung vom 19. März bestätigte sie diesen Kurs. Die nächste Standortbestimmung folgt am 18. Juni – eine Woche nach dem EZB-Entscheid.
Auf den ersten Blick verschafft eine EZB-Erhöhung der SNB Luft: Die wachsende Zinsdifferenz zwischen Euroraum und Schweiz spricht tendenziell für einen festeren Euro und nimmt damit Aufwertungsdruck vom Franken. Dem steht jedoch die Rolle des Frankens als sicherer Hafen gegenüber – der Krieg im Nahen Osten treibt Kapital in Fluchtwährungen, was den Franken stützt. Welche Kraft überwiegt, ist die entscheidende Frage für die SNB. Bereits im März signalisierte sie angesichts des Konflikts eine erhöhte Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, um eine übermässige Aufwertung zu verhindern.
Anders als die EZB steht die SNB nicht unter Inflationsdruck: Die Schweizer Teuerung bewegt sich nahe null, und der starke Franken dämpft die importierte Energieverteuerung zusätzlich. Ein Nachvollziehen der EZB-Erhöhung ist deshalb kein Thema. Im Gegenteil – sollte der Franken trotz der Zinsdifferenz weiter erstarken, rückt das Thema Negativzinsen erneut auf die Agenda, auch wenn die Hürde dafür hoch bleibt. Wahrscheinlicher ist, dass die SNB am 18. Juni stillhält und im Zweifel zu Devisenkäufen statt zu Zinsschritten greift.
Für institutionelle Anleger verschiebt die Divergenz der beiden Notenbanken gleich mehrere Stellschrauben. Am unmittelbarsten betroffen sind die Absicherungskosten: Steigen die Euro-Zinsen über das Schweizer Niveau, verteuert sich die Währungsabsicherung von Euro-Anlagen zurück in Franken – die Hedging-Kosten folgen weitgehend der Zinsdifferenz. Höher rentierende Euro-Anleihen verlieren damit auf währungsgesicherter Basis an Reiz, was Schweizer Pensionskassen und Versicherer zur Überprüfung ihrer abgesicherten Fremdwährungsquoten zwingt.
Im Frankenraum bleibt die Renditelandschaft derweil karg: Zehnjährige Eidgenossen rentierten Ende Mai bei rund 0.44 Prozent. Während die Renditen von Euro- und Bundesanleihen mit dem EZB-Kurs anziehen, wirft der CHF-Bondmarkt weiterhin kaum Ertrag ab – der Anlagenotstand für frankenbasierte Investoren bleibt bestehen und stützt strukturell die Nachfrage nach Aktien, Immobilien und Privatmarktanlagen.
Bei den Aktien wirkt die Kombination aus restriktiverer EZB und Stagflationsrisiko als Gegenwind für europäische Titel. Banken dürften von höheren Zinsen und Energiewerten vom hohen Ölpreis profitieren, während zins- und wachstumssensible Sektoren leiden. Schweizer Standardwerte mit defensivem Profil sind relativ geschützt – ein starker Franken belastet allerdings die Exporteure. Und schliesslich rückt der Inflationsschutz zurück ins Blickfeld: Mit einer Euroraum-Teuerung von 3 Prozent und Aufwärtsrisiken gewinnen inflationsindexierte Anleihen, Realwerte und Gold in eurobasierten Portfolios an Bedeutung – ein Thema, das für international diversifizierte Schweizer Mandate trotz tiefer Inlandinflation weiterhin relevant bleibt.