13.04.2026, 11:18 Uhr
Beim Asset-Manager GAM stehen Veränderungen im Verwaltungsrat an. So soll an der Generalversammlung vom 12. Mai 2026 der bisherige Verwaltungsrat Anthony Maarek zum neuen Präsidenten gewählt werden und CEO Albert...
Der europäische ETF-Markt erlebt derzeit den stärksten Jahresstart seiner Geschichte, und gleichzeitig eine der tiefgreifendsten Portfolioumschichtungen seit Jahren. Institutionelle und private Anleger suchen Alternativen zur jahrelangen Dominanz amerikanischer Technologiekonzerne in ihren ETF-Portfolios. Das zeigen aktuelle Daten.
Die Zahlen sind beeindruckend: Das verwaltete Vermögen in europäischen UCITS-ETFs lag per 31. März 2026 bei 2'652 Milliarden Euro. Das ist fast dreimal so viel wie noch vor fünf Jahren, so der Amundi ETF Market Money Monitor. Die Nettozuflüsse im Januar (EUR 49,8 Mrd.) und Februar (EUR 49,7 Mrd.) übertrafen laut Morningstar zusammen bereits das gesamte erste Quartal 2025.
Global war das Bild ähnlich: Das ETF-Vermögen kletterte Ende Januar 2026 auf ein Rekordhoch von USD 20,64 Billionen. Das ist ein Plus von über 4 Prozent in einem einzigen Monat. Der Boom ist nicht nur eine Momentaufnahme – er ist strukturell verankert: PwC prognostiziert in der jüngsten Untersuchung bis 2030 ein Wachstum auf USD 35 Billionen.
Doch der Erfolg hat einen Haken, der in Fachkreisen zunehmend offen diskutiert wird: Die meistgekauften ETFs sind alles andere als wirklich breit gestreut. Wer glaubt, mit einem MSCI-World-ETF weltweit diversifiziert zu sein, hält tatsächlich ein Portfolio, das zu mehr als 70 Prozent aus US-Aktien besteht – und bei dem allein zehn Titel aus der Tech-Welt rund 25 Prozent der Gewichtung ausmachen. Die sogenannten «Magnificent Seven» – Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla – beanspruchen zusammen über ein Fünftel des gesamten MSCI-World-Index.
Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik: Marktkapitalisierungsgewichtete ETFs verstärken automatisch, was bereits gross ist. Je höher die Kurse der Tech-Giganten steigen, desto mehr Gewicht im Index erhalten sie – und desto mehr Kapital fliesst passiv in sie hinein. Reinhard Pfingsten von Oddo BHF nennt das eine «gefährliche Dynamik», bei der passive Strategien «unbewusst zu Klumpenrisiken führen». Die Analysten von Flossbach von Storch formulierten es in einer vielbeachteten Studie noch pointierter: «Die ursprüngliche Idee von John Bogle, mit einem ETF breit und weniger volatil zu investieren, lässt sich heute kaum noch umsetzen.»
Besonders sichtbar wird das Problem beim beliebten Dreiklang aus MSCI World, S&P 500 und Nasdaq 100. Wer diese drei ETFs kombiniert, hält laut der Analyse von tüendum investment in Wirklichkeit eine massive Übergewichtung von US-Tech aufgebaut – bei der jede schlechte Quartalszahl von Nvidia oder Microsoft das gesamte Portfolio bewegt.
Auch thematische ETFs verschärfen das Problem. Ein Beispiel: Im ETF Amundi MSCI Semiconductors ETF etwa macht Nvidia allein rund 34 Prozent des Fondsvolumens aus. Eine Studie der Ohio State University, des Swiss Finance Institute und der University of Pennsylvania zeigt zudem, dass spezialisierte thematische ETFs in den ersten fünf Jahren nach Auflage im Schnitt 30 Prozent schlechter abschnitten als der breite Markt – weil sie oft zum Höhepunkt eines Hypes lanciert werden. Selbst Emerging-Markets-ETFs bieten kaum Schutz: Im iShares Core MSCI Emerging Markets ETF machen Technologieaktien 24 Prozent aus, angeführt von TSMC und koreanischen Halbleiterkonzernen.
Die Anleger müssten also reagieren, fordern Spezialisten. Und offenbar findet das gerade statt. Anders ist nicht zu erklären, was derzeit im Markt vorgeht: Anleger stimmen mit dem Kapital ab und verlassen die US-Tech-Übergewichtung. Während US-Aktien-ETFs im März 2026 monatlich 543 Millionen Euro abflossen, sammelten Europa-ETFs 3,7 Milliarden Euro ein und die Zuflüsse in All-Country- sowie Emerging-Markets-ETFs übertrafen im Q1 mit 22,6 bzw. 16,7 Milliarden Euro alle anderen Kategorien. Auch dies bringt der jüngste Amundi-Bericht zutage. Im Januar 2026 überstiegen die Zuflüsse in Schwellenländer-Aktien-ETFs sogar jene in US-Produkte – das wird als ein historisches Signal gewertet.
Laut Stefan Kuhn, Head of ETF & Index Distribution Europe bei Fidelity International, ist diese Rotation «mitnichten beendet». Und Morningstar-Analyst Jose Garcia Zarate schreibt, passive Aktienfonds seien 2025/26 das bevorzugte Instrument, um rasch US-Exposure abzubauen, während Rekordzuflüsse in aktive Anleihestrategien eine «klare Präferenz für aktives Management in unsicheren Zeiten» signalisierten.
Parallel zur geografischen Rotation zeigt sich im Fixed-Income-Bereich eine klare Flucht in Sicherheit. Im Q1 2026 flossen 10,2 Milliarden Euro in Staatsanleihen-ETFs und 5,2 Milliarden Euro in Geldmarkt-ETFs, während High-Yield-ETFs mit einem Minus von 1,3 Milliarden Euro das Quartal beendeten. EUR-denominierte High-Yield-Anleihen verzeichneten mit −2,0 Milliarden die stärksten monatlichen Abflüsse überhaupt.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die thematischen Verschiebungen. Im Q1 2026 stachen Defence-ETFs mit Zuflüssen von 3,2 Milliarden Euro heraus, gefolgt von Metallen und Halbleitern – während Climate-Change-ETFs 840 Millionen Euro verloren. ESG-ETFs insgesamt sammelten zwar im Q1 13,7 Milliarden Euro ein, standen aber 71,9 Milliarden für Non-ESG-Produkte gegenüber.
Der Markt bietet inzwischen gezielte Antworten auf die Konzentrationsproblematik. Hier einige Strategien, die von Experten genannt werden:
Equal-Weight-ETFs gewichten alle Indexmitglieder gleich und eliminieren den Momentum-Effekt der Marktkapitalisierungsgewichtung.
Value- und Dividenden-ETFs untergewichten Tech strukturell zugunsten von Energie, Industrie und Finanzwerten – Segmente, die im Q1 2026 deutlich zulegten.
MSCI World ex-USA / Europa-ETFs reduzieren die US-Abhängigkeit direkt.
Aktive ETFs gewinnen stark an Bedeutung: Weltweit erreichten sie Ende Januar 2026 ein Rekordvermögen von USD 2,04 Billionen (+5,8% seit Jahresbeginn), mit J.P. Morgan Asset Management und Dimensional als führenden Anbietern.
Charles-Schwab-Expertin Michelle Gibley empfiehlt verstärkt ETFs ohne US-Anteil und sieht Japan, Deutschland und China als attraktive Alternativen.