20.08.2026, 22:00 Uhr
Institutionelle Investoren wetten so aggressiv wie selten zuvor auf fallende US-Aktienkurse. Mehrere unabhängige Datenquellen – von S3 Partners über Goldman Sachs bis zu den Commitments-of-Traders-Statistiken –...
Der Private-Equity-Markt steckt in einem Paradox: Die Branche sitzt auf einem Rekordberg an nicht investiertem Kapital, gleichzeitig kommen Ausschüttungen an Investoren kaum vom Fleck. Der KI-Boom liefert nun ausgerechnet jenen Ausweg, nach dem die Branche seit Jahren sucht.
Das globale «Dry Powder» der Private-Markets-Industrie – also zugesagtes, aber noch nicht investiertes Kapital – liegt laut Preqin bei rund 3,7 Billionen US-Dollar, Bain & Company beziffert die Summe über alle privaten Anlageklassen hinweg sogar auf 3,9 Billionen US-Dollar. Allein die sechs grössten US-Buyout-Häuser – Apollo, Ares, Blackstone, Carlyle, KKR und TPG – verwalten zusammen 635 Milliarden US-Dollar an klassischem Private-Equity-Vermögen und sammelten 2025 weitere 65 Milliarden US-Dollar an Kapital ein. Dies schreibt die «Financial Times».
Dem gegenüber steht ein historisch schwacher Kapitalrückfluss an die Investoren. Die «Distributions to Paid-in Capital» (DPI) – das Verhältnis von Ausschüttungen zu eingezahltem Kapital – fiel laut McKinsey im Fünfjahresvergleich auf ein Rekordtief. Die Ursache: Käufe zu hohen Bewertungen während der Tiefzinsphase treffen nun auf ein Umfeld, in dem Exits über Börsengänge oder Verkäufe an strategische Käufer schwieriger und teurer geworden sind. Die durchschnittliche Haltedauer von Beteiligungen ist laut Bain & Co. auf sieben Jahre gestiegen – 2010 waren es noch fünf Jahre. Vier von fünf Investoren nannten DPI 2025 die wichtigste Erfolgskennzahl überhaupt, 2021 war es erst gut jeder Zwölfte.
Um dennoch Bargeld an Investoren zurückzuführen, greifen Buyout-Häuser zunehmend auf strukturierte Eigenkapitallösungen zurück – Instrumente, die Merkmale von Aktien und Anleihen kombinieren. Käufer solcher Papiere sind oft andere Private-Markets-Giganten wie Apollo, Bain Capital, Sixth Street oder Blackstone, die dafür Renditen im mittleren zweistelligen Prozentbereich erhalten, deutlich mehr als klassisches Fremdkapital desselben Unternehmens abwerfen würde.
Ein Beispiel: Der Verpackungsmaschinenhersteller Syntegon, seit 2020 im Besitz von CVC Capital Partners. Statt eines vollständigen Verkaufs bei einer angepeilten Bewertung von über vier Milliarden Euro verkaufte CVC im März 2026 einen 37-Prozent-Anteil an Apollo als strukturiertes Eigenkapital – kombiniert mit einer Dividendenrekapitalisierung über mehr als 550 Millionen Euro. CVC behält damit die Kontrolle über das Unternehmen und kann dennoch Kapital an seine Investoren zurückführen.
Kritiker wie der Oxford-Ökonom Ludovic Phalippou sehen darin vor allem teures Fremdkapital in neuem Gewand – ökonomisch vergleichbar mit einer klassischen Dividendenrekapitalisierung. Auffällig sei die Zirkularität der Kapitalflüsse: Dieselben Pensionskassen und Staatsfonds sässen letztlich auf beiden Seiten dieser Transaktionen. Auch bei institutionellen Investoren ist die Skepsis spürbar: Laut einer Umfrage der Institutional Limited Partners Association bevorzugen 60 Prozent langfristige Rendite gegenüber kurzfristiger Liquidität.
Parallel dazu erlebt auch klassisches Growth Equity – Minderheitsbeteiligungen an wachstumsstarken, meist noch nicht profitablen Unternehmen – eine Erholung. In den USA wurden im ersten Halbjahr 2026 mit 33,2 Milliarden US-Dollar so viel Kapital wie nie zuvor in einem ersten Halbjahr eingesammelt, ein Plus von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Getrieben wird dies massgeblich vom KI-Interesse der Investoren: Drei Grossfonds, darunter der 10 Milliarden US-Dollar schwere Thrive-X-Fund von Joshua Kushners Thrive Capital, vereinten mehr als die Hälfte des gesamten Kapitals auf sich.
Der eigentliche Wachstumsmotor liegt jedoch nicht bei klassischen Software-Beteiligungen, sondern beim Ausbau der physischen KI-Infrastruktur. Rechenzentren, Stromversorgung, Kühlung und Netzanbindung erfordern gemäss JLL-Schätzungen bis 2030 zusätzliche Investitionen von rund drei Billionen US-Dollar. Öffentlich kotierte Technologiekonzerne wollen und können diese Summen laut Marktbeobachtern nicht allein über die eigene Bilanz stemmen – und öffnen damit das Feld für Private Equity, Infrastrukturfonds und Private Credit.
Die Grössenordnungen sind inzwischen ausserordentlich: Reuters berichtete Mitte August 2026 über eine von Nvidia gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR geplante Finanzierungsplattform, die über 500 Milliarden US-Dollar an Drittmitteln für KI-Infrastruktur mobilisieren soll; Nvidia selbst könnte davon bis zu 125 Milliarden US-Dollar respektive 25 Prozent absichern. KKR wiederum lancierte im Juni 2026 zusammen mit Nvidia, dem Energieversorger Vistra und der Kuwait Investment Authority die Plattform «Helix Digital Infrastructure» mit über 10 Milliarden US-Dollar an Zusagen für Rechenzentren und Energieinfrastruktur. Und für den Ausbau der Rechenkapazität von Anthropic arrangieren Apollo und Blackstone laut Reuters eine Finanzierung von rund 35 Milliarden US-Dollar, die auf Broadcom-Chips basiert und bis 2028 mehr als 20 Gigawatt Kapazität ermöglichen soll.
Diese Dimensionen zeigen sich auch in den Marktzahlen: Laut S&P Global Market Intelligence wurden 2025 weltweit 113 Rechenzentrums-Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von über 69 Milliarden US-Dollar abgeschlossen – ein neuer Rekord. Seit 2024 zählte Synergy Research 575 entsprechende M&A-Deals mit einem addierten Volumen von 151 Milliarden US-Dollar, wovon 84 Prozent auf Private-Equity-Finanzierung entfielen. Blackstone allein hält nach eigenen Angaben mittlerweile über 150 Milliarden US-Dollar an Rechenzentrums-Vermögenswerten, mit einer Pipeline von weiteren 160 Milliarden US-Dollar.
Über die etablierten Märkte hinaus fliesst zudem verstärkt Kapital in Schwellenländer: Die Global Private Capital Association beziffert die im ersten Halbjahr 2026 dorthin geflossenen privaten KI-Investitionen auf 8,8 Milliarden US-Dollar – das höchste Volumen seit 2008.
Auch als Werkzeug zur Wertsteigerung gewinnt KI an Bedeutung. Blackstone und Hellman & Friedman haben laut «Wall Street Journal» gemeinsam mit Anthropic ein rund 160-köpfiges KI-Team aufgebaut, das KI-Anwendungen direkt in Portfoliounternehmen implementiert – Teil eines rund 1,5 Milliarden US-Dollar schweren Joint Ventures, an dem auch Apollo, General Atlantic und Goldman Sachs beteiligt sind. Der Grundgedanke: Da Fremdfinanzierungshebel und Bewertungsexpansion als Renditetreiber an Verlässlichkeit verloren haben, rückt die operative Verbesserung des EBITDA stärker in den Fokus – etwa durch Automatisierung im Kundenservice, dynamische Preisgestaltung oder eine bessere Steuerung von Lieferketten.
Das Zinsumfeld hat sich seit den Nullzinsjahren spürbar verändert, wenn auch uneinheitlich: Die Schweizerische Nationalbank hält ihren Leitzins seit Mitte 2025 bei 0,00 Prozent, während die Europäische Zentralbank ihren Einlagesatz im Juni 2026 überraschend auf 2,25 Prozent angehoben hat und die US-Notenbank Fed ihren Leitzins zuletzt unverändert liess. Für fremdfinanzierte Übernahmen bedeutet dies insgesamt höhere und volatilere Finanzierungskosten als in der Tiefzinsdekade nach der Finanzkrise – ein zentraler Grund, weshalb klassische Buyouts mit hohem Fremdkapitalanteil an Attraktivität verloren haben und die Branche auf alternative Strukturen ausweicht.
Private Equity begegnet diesem Umfeld auf zwei Ebenen. Erstens durch die bereits beschriebenen Hybridinstrumente – strukturiertes Eigenkapital und Dividendenrekapitalisierungen –, die es erlauben, Kapital freizusetzen, ohne die Verschuldung der Portfoliounternehmen auf ein Niveau zu treiben, das bei den heutigen Zinsen nicht mehr tragbar wäre. Zweitens durch die gezielte Verlagerung von Kapital in Bereiche wie KI-Infrastruktur, wo Projekte über Jahrzehnte laufende, oft langfristig vertraglich abgesicherte Cashflows erwirtschaften und sich damit besser für massgeschneiderte Fremd- und Mischfinanzierungen eignen als klassische Unternehmensübernahmen.
Gelistete Unternehmen gehen den umgekehrten Weg: Sie nutzen ihren direkten Zugang zu den öffentlichen Kapitalmärkten, um den KI-Ausbau primär über klassische und Wandelanleihen zu finanzieren. Laut J.P. Morgan dürften allein die fünf grössten US-Hyperscaler 2026 rund 697 Milliarden US-Dollar an Investitionsausgaben tätigen; Morgan Stanley rechnet für 2026 mit 250 bis 300 Milliarden US-Dollar an Anleiheemissionen allein von Hyperscalern und verbundenen Joint Ventures. Wandelanleihen erlauben dabei besonders günstige Konditionen, wie eine Emission von CoreWeave im Dezember zeigte, die trotz beträchtlichem Volumen nur mit 1,75 Prozent verzinst wurde. Der Unterschied zu Private Equity liegt damit weniger im Zinsniveau selbst als im Zugang: Börsenkotierte Konzerne können sich direkt und in grossem Umfang über die öffentlichen Kredit- und Aktienmärkte finanzieren, während Private-Equity-Häuser stärker auf bilaterale, individuell verhandelte Strukturen mit anderen Private-Capital-Anbietern angewiesen sind.
Goldman Sachs geht davon aus, dass private Kapitalgeber angesichts eines von Hyperscalern bis 2030 erwarteten Investitionsvolumens von über fünf Billionen US-Dollar eine zunehmend wichtige Rolle in der Finanzierung des KI-Ausbaus übernehmen werden. Allein bei Infrastrukturfonds waren per Mai 2026 rund 695 Vehikel mit einem Zielvolumen von 555 Milliarden US-Dollar im Fundraising.
Die Konzentration auf wenige Grossprojekte birgt jedoch Risiken. S&P Global zufolge entfielen im ersten Quartal 2026 rund 86 Prozent des in KI-Finanzierungsrunden ab einer Milliarde US-Dollar aufgenommenen Kapitals auf eine Handvoll grosser Deals. Hinzu kommen technologische Veralterung von Chips und Rechenzentren, eine hohe Abhängigkeit von wenigen Grosskunden und Cloud-Anbietern, ungeklärte Fragen zur langfristigen Nachfrage nach Rechenleistung sowie zunehmend zirkuläre Finanzierungsbeziehungen zwischen Chipherstellern, Cloud-Anbietern und KI-Unternehmen. Das «Wall Street Journal» beschreibt daher eine gespaltene Marktentwicklung: Während Infrastrukturinvestitionen Rekordniveaus erreichen, wird das klassische Software-Geschäft durch die Unsicherheit erschwert, welche SaaS-Geschäftsmodelle durch neue KI-Funktionen verdrängt werden könnten.
Für institutionelle Anleger dürfte deshalb die entscheidende Frage künftig weniger lauten, ob ein Private-Equity-Fonds in KI investiert, sondern wo genau in der Wertschöpfungskette – bei Modellanbietern, Chipherstellern, Rechenzentren, Finanzierern oder bei Portfoliounternehmen, die KI operativ erfolgreich einsetzen – der eigentliche wirtschaftliche Wert entsteht.