08.10.2026, 17:29 Uhr
Europäische UCITS-ETF verzeichneten im dritten Quartal 2026 Nettozuflüsse von 127,4 Milliarden Euro. Investoren streuen breiter, verkürzen bei US-Anleihen die Laufzeiten und greifen so stark zu Gold wie noch nie.
Saubere Technologien sind vielerorts günstiger als ihre fossilen Pendants. Damit wird die Energiewende laut Nordea Asset Management zum wirtschaftlichen Selbstläufer – unabhängig von der Klimapolitik. Für Anleger entscheidend ist, welche Technologien diese Schwelle bereits überschritten haben.
Wer über die Energiewende diskutiert, landet schnell in zwei Lagern. Die Optimisten verweisen darauf, dass sich die Investitionen in saubere Energien innerhalb von fünf Jahren verdoppelt haben und die CO2-Intensität globaler Aktienindizes seit 2020 um fast 50 Prozent gesunken ist. Die Pessimisten halten dagegen, dass die Treibhausgasemissionen weiter steigen und die klimapolitischen Ambitionen weltweit ins Stocken geraten sind. «Beide Lager haben recht», schreibt Harry Granqvist, Senior Climate Analyst bei Nordea Asset Management. Zu verstehen, warum das so ist, unterscheide disziplinierte Investoren von jenen, die Schiffbruch erleiden.
Seine zentrale These: Die Energiewende ist 2026 nicht mehr primär ein politisches Projekt, sondern eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Das verändere grundlegend, wie Kapital allokiert werden sollte.
Fast zwei Jahrzehnte lang galt die Klimapolitik als Motor des Umbaus, technologische Fortschritte als blosse Unterstützung. Dieses Verhältnis hat sich nach Granqvists Einschätzung umgekehrt. Sobald eine saubere Technologie günstiger ist als die fossile Alternative, übernehmen die Marktkräfte. Weder ein Wahlausgang noch gestrichene Subventionen könnten sie dann zurückdrängen – Granqvist spricht vom «Einwegtor» der Kostenparität.
Die Zahlen, auf die er sich stützt, sind deutlich: Die kombinierten Stromgestehungskosten für Photovoltaik und Batteriespeicher haben sich innerhalb von fünf Jahren halbiert und liegen laut Ember weit unter jenen der Stromerzeugung aus Flüssigerdgas (LNG). Die weltweite Batteriekapazität hat sich seit 2020 verzwanzigfacht. Windkraft, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge haben in den meisten wichtigen Märkten Preisparität mit konventionellen Alternativen erreicht. Treiber seien Skaleneffekte in der Fertigung und technischer Fortschritt – also dauerhafte Kostensenkungen, keine subventionsgestützten Strohfeuer.
Anders sieht es bei grünem Wasserstoff, CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) sowie E-Fuels aus. Sie haben viel Investorenbegeisterung und grosszügige staatliche Förderung ausgelöst, ihre Kosten bleiben aber hoch und die Verbreitung schleppend. «Die Energiewende ist kein einheitlicher Block, sondern eine Landschaft aus Gewinnern, Nachzüglern und schlichtweg falschen Versprechungen», so Granqvist.
Neben den Kosten sieht Nordea einen zweiten strukturellen Treiber, den die Märkte unterschätzen: die Energiesicherheit. Drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Ländern, die Nettoimporteure fossiler Brennstoffe sind. Die jüngsten Versorgungsschocks haben gezeigt, wie verletzlich diese Abhängigkeit ist. Analysen von Ember zufolge liessen sich bis zu 75 Prozent der weltweiten Ausgaben für fossile Importe – gemessen am BIP – durch erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen einsparen.
Für Granqvist handelt es sich dabei um handfeste finanzielle Einsparungen, nicht um abstrakte Umweltvorteile. Unternehmen an der Schnittstelle von Energiesicherheit und Kostenvorteil seien nicht auf das Wohlwollen der Klimapolitik angewiesen, weil sie ein dringendes wirtschaftliches Problem lösten – in Schwellen- wie in Industrieländern.
Wo steht der Umbau heute? 2025 wuchs das Angebot an sauberem Strom mehr als doppelt so schnell wie die Stromnachfrage. Der gesamte Energiebedarf stieg nur halb so stark wie das globale BIP, die Stromnachfrage wiederum mehr als doppelt so schnell wie der Energiebedarf insgesamt. Die Wirtschaft wird also zugleich effizienter, stärker elektrifiziert und kohlenstoffärmer. Halten die Trends an, dürften saubere Quellen in den 2030er-Jahren zwei Drittel der Stromerzeugung stellen. Zudem geht bei der Nutzung von Strom rund 40 Prozent weniger Primärenergie verloren als bei fossilen Energieträgern – Elektrifizierung verstärkt also die Effizienzgewinne.
Daraus leitet Nordea eine Abstufung der Chancen ab:
Die Fondsmanager von Nordea suchen nach Unternehmen, die strategisch überzeugend, technologisch machbar und finanziell relevant sind – über eine plausible Bandbreite von Szenarien, nicht nur im Best Case. Dem wachsenden Chancenspektrum stehe ein deutlich grösseres Universum gegenüber: etablierte Firmen, die sich nur langsam anpassen, Unternehmen mit Versprechen ohne glaubwürdigen Umsetzungspfad und Technologien, die mehr Kapital anziehen, als ihre Wirtschaftlichkeit rechtfertigt.
Ein passives Investment in breite ESG- oder Klimaindizes liefere deshalb lediglich den Durchschnitt einer äusserst heterogenen Landschaft – mit Solar- und Batterieherstellern, die von strukturellen Kostenvorteilen profitieren, ebenso wie mit CCS-Anbietern, die Kapital für noch unbewährte Konzepte verbrennen.
Granqvists Fazit: «Der Wandel findet statt.» Für Anleger stelle sich nicht die Frage, ob sie daran teilhaben, sondern ob sie verstehen, in welchen Bereichen dieses Wandels sie investiert sein sollten.