«Alternative Credit-Segmente gewinnen an Bedeutung»

Anleihen sind nach der Zinswende wieder ein zentraler Baustein vieler Portfolios. Alain Barthel, Head of Sales Switzerland bei Eurizon erläutert im Interview, warum neben klassischen Fixed-Income-Anlagen insbesondere alternative Credit-Segmente wie CLOs zunehmend an Relevanz gewinnen.

07.07.2026, 10:40 Uhr
Anlagestrategie | Interviews | Obligationen

Redaktion: asc

Die Schweiz gilt als anspruchsvoller und stark international ausgerichteter Anlagemarkt. Wie haben sich die Bedürfnisse professioneller Anleger in den vergangenen Jahren verändert – und welche Themen prägen aktuell die Gespräche mit Ihren Kunden?

Der Schweizer Investmentmarkt ist äusserst vielfältig. Er umfasst Privatbanken, Family Offices, Pensionskassen, Versicherer, supranationale Institutionen sowie unabhängige Finanzberater (IFAs). Der Markt wird von einem starken inländischen Asset-Management-Ökosystem und einer langen Tradition grenzüberschreitender Investitionen geprägt.

Investoren bleiben weiterhin fokussiert, Renditen in Schweizer Franken zu erzielen, gleichzeitig aber ihr Euro-Exposure auszubauen und US-Dollar-Risiken aktiv zu steuern. Die Diversifizierung setzt sich über alle Regionen und Anlageklassen hinweg fort, einschliesslich illiquide alternative Anlagen. Gleichzeitig haben sich passives Investieren, Indexing sowie die Nutzung von Kryptowährungen und Blockchain beschleunigt.

Wir verzeichnen eine wachsende Nachfrage nach European High Yield, CLOs, verbrieften Kreditprodukten, europäischen Aktien (einschliesslich SMID-Caps), ETFs, RMB-Anleihen, Infrastrukturinvestments und ESG-Green-Bonds gestiegen. Kunden legen verstärkt Wert auf erstklassige Betreuung, tiefgehende Expertise und langfristige Partnerschaften.

Nach der Zinswende haben viele Investoren ihre Anleihenallokationen neu beurteilt. Welche Rolle spielt Fixed Income heute wieder in Schweizer Portfolios?

Festverzinsliche Wertpapiere in Schweizer Franken nehmen weiterhin eine zentrale Rolle in Schweizer Portfolios ein. Nach Jahren niedriger oder negativer Renditen ermöglichen Anleihen durch Diversifizierung wieder attraktive Ertragsmöglichkeiten.

Investoren erhöhen weiterhin selektiv ihre Allokationen in renditestärkere Investment-Grade-Unternehmensanleihen und High-Yield-Anleihen in Euro und beschränken den Anteil in US-Dollar, wobei sie sich weiterhin auf risikobereinigte Renditen konzentrieren.

Auch die Nachfrage nach spezialisierten Segmenten wie verbrieften Krediten und CLOs wächst, letztere als einfachere Lösung angesichts eines Überangebots an privaten Schuldtiteln. Emerging Market Debt bleibt ebenfalls auf der Agenda.

In einem diversifizierten Portfolio werden festverzinsliche Obligation daher nicht nur als defensive Anlageklasse betrachtet, sondern auch als wichtige Quelle für Rendite, Stabilität und Portfolioresilienz.

Wo sehen Sie im aktuellen Marktumfeld die attraktivsten Chancen innerhalb des Anleihenspektrums?

Im aktuellen Marktumfeld sehen wir die attraktivsten Chancen bei europäischen High-Yield-Anleihen, insbesondere mit BB-Rating und bei ausgewählten Single-B-Anleihen. Nach der jüngsten Marktkorrektur sind die Renditen wieder auf über 5 % gestiegen und bieten damit überzeugende Ertragsniveaus, während die Fundamentaldaten der Unternehmen insgesamt robust bleiben und die Ausfallerwartungen begrenzt sind.

Die zunehmende Streuung über Sektoren und Emittenten hinweg schafft für aktive Manager ein breiteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten, wobei sich selektive Wertchancen in den Bereichen Chemie, Energie, KI-bezogene Softwareunternehmen und bei bestimmten britischen Emittenten abzeichnen.

Darüber hinaus beobachten wir einen interessanten Trend im Private-Banking-Segment: Für Kunden, die nicht direkt in Evergreen- oder illiquide Fonds investieren können, empfehlen Privatbanken zunehmend verbriefte Wertpapiere, CLOs und Infrastrukturaktien. Auch Pensionskassen mit einem hohen Anteil illiquider Anlagen im Portfolio bevorzugen diese Anlageklassen zunehmend – nicht zuletzt wegen der einfachen Umsetzung.

Segmente wie High Yield, CLOs oder andere Structured-Credit-Lösungen rücken stärker in den Fokus professioneller Anleger. Was treibt dieses Interesse, und welche Risiken sollten Investoren besonders im Blick behalten?

Professionelle Investoren zeigen zunehmend Interesse an europäischen High-Yield-Anleihen, CLOs und strukturierten Kreditlösungen, da diese in einem Marktumfeld, in dem die Renditen weiterhin über der Inflationsrate liegen, attraktive Erträge bieten und die Spreads eine zusätzliche Renditequelle darstellen. Dies dient zudem der Diversifizierung gegenüber dem US-Dollar und ist eine Reaktion auf die gestiegene Risikowahrnehmung bei US-High-Yield-Anleihen und verbrieften Wertpapieren.

Bei europäischen High-Yield-Anleihen sind Renditen von rund 4,5 - 5 % bei BB- und B-gerateten Anleihen nach wie vor überzeugend. Gleichzeitig bietet die Streuung am Markt Chancen für eine aktive Titelselektion. Strukturierte Kreditlösungen können die Portfoliodiversifizierung weiter verbessern und den Zugang zu spezifischen, weniger breit erschlossenen Risikoprämien ermöglichen.

Anleger sollten jedoch das Refinanzierungsrisiko, die Liquiditätsbedingungen, den Verschuldungsgrad sowie die potenziellen Auswirkungen anhaltender Inflation, längerfristig höherer Zinsen und geopolitischer Schocks genau im Auge behalten. Selektivität bleibt entscheidend, da Risiken nicht in allen Sektoren und bei allen Emittenten gleichermassen eingepreist sind.

Geopolitische Spannungen, hohe Staatsverschuldung und mögliche Zinssenkungen sorgen für ein komplexes Umfeld. Was bedeutet das für Anleger, die stabile Erträge und Diversifikation suchen?

Das Wichtigste ist das Verständnis der Risiko- und Renditeziele der Anleger. Hinzu kommt: Wo liegen Schwachstellen, die nicht gesehen werden? Und wie reagieren Investoren auf erhebliche Marktschwankungen?

Komplexität ist mittlerweile eine Konstante, deshalb ist Diversifikation entscheidend: Geopolitische Spannungen, hohe öffentliche Verschuldung und ein unsicherer Zinsausblick erhöhen die Marktvolatilität, unterstreichen aber zugleich den Wert von Diversifikation und ertragsgenerierenden Anlagen.

Für Investoren, die stabile Renditen anstreben, bleiben ausgewählte Anleihesegmente attraktiv, da die aktuellen Kuponniveaus weiterhin über der Inflation liegen, während breitere Credit Spreads eine zusätzliche Ertragsquelle darstellen.

Auch in anderen Anlageklassen – von Aktien bis hin zu weniger liquiden Assets – sind in diesem Marktumfeld eine sorgfältige Auswahl des Index sowie Fondsmanagers entscheidend, um Chancen gezielt zu nutzen, Risiken zu steuern und die Widerstandsfähigkeit des Portfolios zu stärken.

Abschliessend gilt: Anleger sollten neue Investmentmöglichkeiten kontinuierlich prüfen und beobachten.

Eurizon hat seine Präsenz in der Schweiz kontinuierlich ausgebaut. Welche Bedeutung hat der Schweizer Markt innerhalb Ihrer internationalen Strategie, und welche Kundengruppen stehen besonders im Fokus?

Der Schweizer Markt ist für Eurizon einer der wichtigsten internationalen Standorte, da er eine erstklassige Basis unterschiedlicher Investoren bietet und wir hier auf ein wachsendes Interesse von Kunden an unseren Anlagelösungen treffen.

Darüber hinaus schafft unsere Zugehörigkeit zur Intesa Sanpaolo-Gruppe, einer der führenden Bankengruppen in Europa, zusätzliches Vertrauen. Dazu zählt auch unsere Investment-Expertise bei Euro denominierten Vermögenswerten – sowohl im aktiven als auch im passiven Bereich (ETFs) – sowie bei verschiedenen ergänzenden Vermögenswerten wie Infrastruktur-Aktien, RMB-Anleihen oder spezialisierten Fixed Income-Anlagen wie CLOs.

Unser Ziel ist es, partnerschaftlich mit unseren Kunden zusammenzuarbeiten, indem wir ihnen aufmerksam zuhören, ihre individuellen Anlageziele verstehen und gezielte Lösungen sowie eine Vordenkerrolle für ein erstklassiges Kundenerlebnis bieten. Natürlich bleiben wir dabei pragmatisch, denn das Wettbewerbsumfeld ist äusserst anspruchsvoll. Dennoch verfügt Eurizon über klare Wettbewerbsvorteile, die unseren Kunden und Investoren einen echten Mehrwert bieten.

Welches Thema wird von Schweizer Anlegern im Fixed-Income-Bereich aus Ihrer Sicht derzeit noch unterschätzt – und warum könnte es künftig an Bedeutung gewinnen?

Festverzinsliche Wertpapiere waren schon immer ein zentraler Bestandteil der Portfolios Schweizer Investoren und werden über das gesamte Anlagespektrum hinweg eingesetzt.

Wir sollten unseren Blick eher auf diejenigen Themen richten, die durch eine eingehende Analyse im breiteren Portfoliokontext optimiert oder neu bewertet werden können.

Ein solcher Bereich sind beispielsweise europäische Hochzinsanleihen. Trotz geopolitischer Unsicherheiten sowie anhaltender Sorgen hinsichtlich Wachstum und Zinsentwicklung bietet diese Anlageklasse derzeit attraktive Renditen, insbesondere im BB- sowie in bestimmten B-Segmenten, in denen Renditen von etwa 4,5 - 5 % einen spürbaren Ertragspolster schaffen. Entscheidend ist dabei, dass die Fundamentaldaten der Unternehmen insgesamt robust, die Ausfallraten unter Kontrolle sind und viele Emittenten ihre Schuldenlaufzeiten verlängert haben, wodurch das Refinanzierungsrisiko sinkt.

Angesichts steigender Staatsverschuldung und des begrenzten realen Renditepotenzials traditioneller Safe-Haven-Anleihen dürften Anleger zunehmend High Yield als Quelle für laufende Erträge, Diversifikation und attraktive risikoadjustierte Renditen in Betracht ziehen — insbesondere durch aktives und selektives Management.

Natürlich bleiben auch Segmente wie verbriefte Kreditprodukte, CLOs sowie Emerging Market Debt weiter attraktiv.

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