Bitcoin nähert sich 80'000-Dollar-Marke – und gilt gegenüber Gold als unterbewertet

Geopolitische Entspannung in der Strasse von Hormuz und institutionelle Nachfrage treiben den Bitcoin-Kurs auf ein Zwölf-Wochen-Hoch. Eine Modellrechnung von WisdomTree ortet im relativen Wertvergleich zu Gold zudem rund 26 Prozent Aufwärtspotenzial.

27.04.2026, 07:49 Uhr
Edelmetalle | Krypto

Redaktion: asc

Bitcoin hat mit 79'488 US-Dollar das höchste Niveau seit Ende Januar erreicht. Auslöser des jüngsten Schubs war ein Bericht des Nachrichtenportals Axios, wonach Iran den Vereinigten Staaten einen neuen Vorschlag zur Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz unterbreitet habe. Auch Ether legte bis zu 1,7 Prozent zu, asiatische Aktienmärkte zogen mit, während Rohöl seine frühen Gewinne wieder abgab. Im Monatsvergleich summiert sich das Plus für Bitcoin damit auf rund 16 Prozent – das erste zweistellige Monatsplus seit Mai 2025.

Schrittweise Annäherung an die psychologische Schwelle

Die April-Rally verlief in klar erkennbaren Etappen entlang der Eskalations- und Entspannungsphasen im US-Iran-Konflikt. Anfang April durchbrach Bitcoin nach einer ersten Waffenruhe die Marke von 72'000 Dollar. Mitte April folgten 76'000 Dollar, nachdem US-Präsident Donald Trump Friedensgespräche signalisiert hatte. Am 17. April überschritt der Kurs erstmals 78'000 Dollar, als Iran erklärte, die Strasse von Hormuz sei «vollständig offen». Eine Woche später – nach Trumps Ankündigung einer Waffenruhe-Verlängerung – stand das nächste Mehrwochenhoch bei 78'400 Dollar zu Buche.

Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hat Bitcoin die globalen Aktienmärkte um rund elf Prozentpunkte outperformt. Für Timo Emden, Inhaber von Emden Research, zeigt der Kursverlauf «nach wie vor eine gewisse Krisenresilienz» – ein Befund, der die Erzählung vom geopolitischen Wertspeicher stützt. Parallel ist der VIX-Index von über 30 auf rund 20 Punkte zurückgekommen, der CNN Fear & Greed Index hat sich in den Kaufbereich verschoben, und der Ölpreis fiel unter 100 Dollar pro Barrel.

Institutionelle Nachfrage als zweite Stütze

Neben der geopolitischen Entspannung wirkt die Rückkehr institutioneller Käufer als struktureller Treiber. Strategy Inc. – die von Michael Saylor geführte Bitcoin-Treasury-Gesellschaft – hat im April Bitcoin im Wert von 3,9 Milliarden Dollar erworben, der höchste Monatsbetrag seit einem Jahr. Die in den USA notierten Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im laufenden Monat Nettozuflüsse von rund 2,5 Milliarden Dollar – etwa das Doppelte des März-Volumens. Vier Monate in Folge hatten diese Produkte zuvor Nettoabflüsse verkraften müssen.

Analysten von JPMorgan um Nikolaos Panigirtzoglou erwarten laut Bloomberg für 2026 eine Wachablösung in der Käuferstruktur: Während 2025 Retail-Investoren und Digital-Asset-Treasuries dominierten, sollen verstärkt institutionelle Investoren in den Markt eintreten. Staatsfonds wie jener von Abu Dhabi haben bereits Positionen im Bitcoin-ETF von BlackRock im Wert von über 409 Millionen Dollar offengelegt. CMC Markets hält kumulierte ETF-Zuflüsse von 100 bis 120 Milliarden Dollar bis Jahresende für möglich.

WisdomTree: Bitcoin gegenüber Gold rund 26 Prozent unterbewertet

Über die kurzfristigen Treiber hinaus rückt eine relative Bewertung in den Vordergrund, die der ETP-Anbieter WisdomTree in einer aktuellen Analyse vorlegt. Dovile Silenskyte, Direktorin Digital Assets Research bei WisdomTree, vergleicht Bitcoin und Gold als zwei «Wertspeicher», die auf dieselben makroökonomischen Kräfte – Inflation, Zinsen, Dollarstärke – reagieren, sich im Verhalten aber unterscheiden: Gold sei tendenziell stabil und defensiv, Bitcoin volatiler, dafür mit grösserem Aufwärtspotenzial.

Das hauseigene Modell des Vermögensverwalters, das Geldströme aus Inflationserwartungen, Zinsniveau, Währungstrends und Anlegernachfrage abbildet, taxiert Bitcoin per 31. März 2026 gegenüber Gold um rund 26 Prozent unterbewertet. «Bitcoin scheint im aktuellen makroökonomischen Umfeld relativ günstig», schreibt Silenskyte. Die Aussage sei ausdrücklich keine kurzfristige Preisprognose, sondern verweise auf eine relative Bewertungslücke, die sich je nach Konjunkturverlauf im Lauf der Zeit schliessen könne.

Drei Szenarien hält WisdomTree für die kommenden zwölf Monate für am wahrscheinlichsten. Im Basisszenario eines fortgesetzten Status quo schliesst sich die Lücke zwischen Bitcoin und Gold ohne neue makroökonomische Schocks allmählich. In einem Inflationsschock dürfte Gold zunächst die Nase vorn haben, ehe Bitcoin nachzieht – traditionell reagiert das Edelmetall in solchen Phasen schneller. Bei breiter Risikoaversion bleibt Gold dagegen führend, und die Bitcoin-Erholung verzögert sich entsprechend.

Silenskyte plädiert dafür, beide Vermögenswerte als komplementär statt als Konkurrenten zu betrachten: «Bitcoin ersetzt Gold nicht, beide erfüllen unterschiedliche Rollen.» Wenn die Kluft zwischen ihnen jedoch gross werde – wie aktuell –, eröffne dies Spielraum für fundiertere Allokationsentscheidungen, etwa über eine taktische Erhöhung des Bitcoin-Anteils gegenüber Gold.

80'000 Dollar als entscheidende Hürde

Ob sich die Bewertungslücke nun im Zuge der Hormuz-Entspannung beschleunigt schliesst, hängt am Verlauf der Verhandlungen. Die 80'000-Dollar-Marke gilt technisch wie psychologisch als entscheidend. «Bei 80'000 Dollar nähern sich viele jüngere Käufer ihrem Einstandspreis – dort entsteht typischerweise Verkaufsdruck», sagt Rachael Lucas, Marktanalystin bei BTC Markets. Zugleich blieben die Funding Rates bei Perpetual Futures phasenweise negativ, was auf weiterhin defensive Positionierung vieler Trader hindeutet.

Sollten die Gespräche scheitern und die Strasse von Hormuz erneut blockiert werden, droht ein breites Repricing der Risikoassets. Für eine nachhaltige Fortsetzung der Rally in Richtung 90'000 Dollar wäre laut Analystenkonsens nicht eine weitere Waffenruhe-Verlängerung, sondern ein dauerhaftes Friedensabkommen erforderlich – jene Bedingung also, unter der sich auch das von WisdomTree skizzierte Aufholpotenzial zu Gold am ehesten realisieren liesse.

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