14.10.2026, 07:44 Uhr
Hohe Zinsen gelten als gut für Banken. Die US-Grossbanken verdienen so viel wie selten, und trotzdem fallen ihre Aktien. Dahinter steht ein Zinsanstieg, der für die Banken mehr Risiken als Erträge bringt. Was...
Eine unerwartet hohe US-Inflation und Zweifel am KI-Boom treiben Anleger aus Technologieaktien in Anleihen und Geldmarktfonds. Einen Generalausstieg aus US-Aktien belegen die Daten aber nicht. Für Europa und die Schweiz eröffnet das relative Chancen, schützt sie aber nicht vor einer breiteren Korrektur.
Nach Monaten auffallend ruhiger Kursgewinne hat die Wall Street einen deutlichen Rückschlag erlitten. Der S&P 500 schloss am Mittwoch 1,1 Prozent tiefer bei 7'719 Punkten. Es war der erste Tagesverlust von mehr als einem Prozent seit langem. Der technologielastige Nasdaq Composite verlor 1,9 Prozent, der Dow Jones dagegen nur 0,1 Prozent. Am stärksten traf es die Chipwerte: Der Philadelphia Semiconductor Index brach um 4,3 Prozent ein. Laut Bloomberg hat er innerhalb von sechs Handelstagen rund 12 Prozent eingebüsst. AMD verlor 5,7 Prozent, Nvidia 3,2 Prozent. Apple schloss als einziger der grossen Technologiewerte im Plus.
Am Donnerstag erreichte die Welle Asien. Der südkoreanische Kospi fiel zeitweise um 9,3 Prozent, worauf der Handel ausgesetzt wurde. Samsung Electronics und SK Hynix verloren je rund 10 Prozent, der Nikkei 225 zeitweise über 5 Prozent. Die Futures auf den Nasdaq 100 deuteten auf weitere Verluste hin.
Ausgelöst wurde der Ausverkauf durch die US-Teuerung. Die Konsumentenpreise stiegen im September um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erwartet worden waren 3,6 Prozent. Treiber sind vor allem die Energiepreise im Zuge des Iran-Kriegs. Für die Notenbank ist jedoch die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel wichtiger. Sie stieg im Monatsvergleich um 0,3 Prozent statt der prognostizierten 0,2 Prozent.
Tiffany Wilding, Ökonomin bei PIMCO, verweist darauf, dass der Preisanstieg viele Kategorien der frei wählbaren Konsumausgaben erfasste. Dazu gehören auch die kalkulatorischen Mieten für selbst genutztes Wohneigentum, die kaum auf Energiepreise reagieren. Bei Elektronik und Mobiltelefonen würden zudem höhere Chipkosten an die Kundschaft weitergegeben. «Die Inflationsdaten erschweren der Fed die geldpolitische Entscheidungsfindung», so Wilding. PIMCO rechnet mit weiteren Zinserhöhungen, die die Senkungen des Vorjahres effektiv ausgleichen sollen. Wie stark die Märkte bereits einen Schritt an der Fed-Sitzung vom 27./28. Oktober einpreisen, schwankt je nach Zeitpunkt der Messung: Laut CME FedWatch liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund einem Drittel, nach PIMCO-Angaben zwischenzeitlich bei 50 Prozent.
Bei Technologietiteln kommt ein zweites Problem hinzu. Investoren fragen sich zunehmend, ob die Milliardensummen für den Ausbau der KI-Infrastruktur ausreichende Renditen abwerfen und wie dieser Ausbau finanziert wird. Ein Warnsignal lieferte der KI-Cloud-Anbieter CoreWeave: Die Aktie verlor am Mittwoch 15,5 Prozent, und auch die Anleihen des hoch verschuldeten Unternehmens gerieten unter Druck. Steigende Zinsen verschärfen beide Sorgen zugleich. Sie erhöhen den Diskontsatz für weit in der Zukunft erwartete Gewinne und verteuern die Finanzierung.
«Die Anleger reduzieren vorerst ihr Risiko und schichten so viel Geld wie möglich in sichere Häfen um», sagt Hiroshi Namioka, Chefstratege bei T&D Asset Management. Die Anleihenmärkte bestätigen das. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel am Donnerstag um neun Basispunkte auf 5,1 Prozent, den tiefsten Stand seit drei Wochen. Gold notiert bei rund 4'140 US-Dollar je Unze.
Auch die Fondsflüsse zeigen einen Rückzug. Laut Daten von LSEG Lipper zogen Anleger in der Woche bis 7. Oktober 5,11 Milliarden US-Dollar aus US-Aktienfonds ab. Allein auf Large-Cap-Fonds entfielen 14,08 Milliarden US-Dollar Abflüsse. US-Anleihenfonds verzeichneten dagegen Rekordzuflüsse von 19,78 Milliarden US-Dollar, Geldmarktfonds nahmen 68,49 Milliarden US-Dollar auf.
Die Schlagzeile, die Investoren hätten sich von US-Aktien verabschiedet, greift dennoch zu weit. Auffällig ist, dass Technologie-Sektorfonds in derselben Woche 4,53 Milliarden US-Dollar Zuflüsse verbuchten. Die Kundendaten der Bank of America zeigen nach nahezu rekordhohen Verkäufen sogar wieder Nettokäufe von Einzelaktien im Umfang von 1,1 Milliarden US-Dollar. Institutionelle Anleger waren dabei die grössten Käufer. Gekauft wurden vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, und bei den ETF lagen Value-Strategien vor Wachstumsstrategien. Den Ausverkauf vom Mittwoch erfassen diese Wochenzahlen allerdings noch nicht.
Das Bild entspricht deshalb eher einer Rotation als einer Flucht. Anleger verkaufen die bisherigen Führungssegmente, also teure Mega-Caps und KI-Infrastruktur, und verteilen das Kapital breiter auf andere Aktien, auf Anleihen und Cash.
Die Einschätzungen der Marktbeobachter gehen vor allem in der Frage auseinander, wie stark die Fed kurzfristig handeln muss. Ulrike Hoffmann-Burchardi vom UBS Chief Investment Office sieht in der KI-Schwäche eher eine Neukalibrierung der Erwartungen als einen fundamentalen Bruch der Investmentthese. Seema Shah von Principal Asset Management hält den Inflationsbericht zwar für beunruhigend, aber für nicht ausreichend, um eine Zinserhöhung bereits im Oktober zu rechtfertigen. Skyler Weinand von Regan Capital erwartet dagegen nach einer Pause im Oktober weitere Erhöhungen im Dezember.
Zurückhaltend äussert sich Ven Ram, Cross-Asset-Stratege bei Bloomberg: «Die Aktien fallen, wie sie sollten. Aber das Umfeld rechtfertigt keinen Ansturm auf nominale Anleihen, solange die Inflation so hoch ist.» David Kelly von JPMorgan Asset Management rechnet nicht mit einer Zinserhöhung im Oktober. Song Zhe von BNP Paribas Asset Management führt die Heftigkeit in Asien auch auf technische Faktoren zurück: Institutionelle Anleger wie chinesische Versicherer müssten in fallenden Märkten Positionen abbauen.
Europa kam bislang glimpflicher davon. Der Stoxx Europe 600 gab am Donnerstagmorgen nur 0,4 Prozent nach, getragen von defensiven Sektoren. Wo Europa im KI-Trade engagiert ist, schlug der Abverkauf jedoch voll durch: ASML, das wertvollste Unternehmen der Region, verlor über 5 Prozent, der europäische Technologieindex 1,2 Prozent. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank auf 3,39 Prozent, und der Euro legte auf 1,12 US-Dollar zu.
Für Europa ist entscheidend, welches Szenario sich durchsetzt. Bei einer Rotation aus US-Wachstumswerten kann die Region mit tieferen Bewertungen und einem geringeren Technologiegewicht relativ profitieren. Bei einem globalen Risikoabbau fallen auch europäische Aktien, wenn auch weniger stark. Hinzu kommen eigene Risiken. Europa ist stärker von Energieimporten abhängig als die USA, und ein Ölpreis von über 100 US-Dollar je Fass belastet Konjunktur und Margen. Ein Inflationsschock, der weltweit Zinsen und Energiekosten hoch hält, wäre daher kein europäisches Kaufsignal.
Der Schweizer Markt profitiert in solchen Phasen traditionell von seinem defensiven Charakter, mit Schwergewichten wie Nestlé, Novartis und Roche. Zur Wochenmitte stützten die Defensiven den SMI, während UBS, Adecco und VAT schwächer tendierten. Am Donnerstag eröffnete der Leitindex leicht fester.
VAT zeigt aber, dass Schweizer Aktien keine einheitlich defensive Anlageklasse sind. Der Vakuumventil-Hersteller meldete am Donnerstag einen um 193 Prozent höheren Auftragseingang von 696,6 Millionen Franken und hob die Umsatzerwartungen für das kommende Jahr an. Als Zulieferer der Halbleiterindustrie bleibt er dennoch dem globalen Chipzyklus ausgesetzt. Operativ starkes Wachstum und sinkende Bewertungen können derzeit nebeneinander bestehen.
Für Schweizer Investoren kommt die Währung als eigener Risikofaktor hinzu. Bislang werden nicht gleichzeitig US-Aktien und der Dollar verkauft. Der Greenback stieg am Mittwoch zeitweise auf den höchsten Stand seit Mai 2025, bevor er am Donnerstag nachgab. Wer US-Technologieaktien skeptisch beurteilt, muss deshalb nicht automatisch auch den Dollar gegenüber dem Franken negativ einschätzen. Pensionskassen und Vermögensverwalter sollten die Aktien- und die Währungsentscheidung getrennt treffen.
Für institutionelle Anleger ergeben sich daraus drei Prüfpunkte. Erstens die Konzentration: Wie viel US-Mega-Cap- und KI-Risiko steckt tatsächlich im Gesamtportfolio, einschliesslich der Überschneidungen zwischen Mandaten? Zweitens die Währung: Regionale Umschichtungen verändern auch das Währungsprofil. Drittens die Anleihen: Höhere Renditen machen den laufenden Ertrag attraktiver, sind bei hartnäckiger Inflation aber kein verlässlicher Schutz.
Investoren verlassen den US-Aktienmarkt nicht pauschal. Sie stellen aber seine bisherigen Führungssegmente auf den Prüfstand: hohe Bewertungen, enorme KI-Investitionen und die Hoffnung auf günstigere Finanzierung. Ob daraus mehr wird als eine Bewertungskorrektur, hängt von drei Signalen ab. Erstens, ob die Abflüsse über mehrere Wochen und Anlegergruppen hinweg anhalten. Zweitens, ob die Finanzierungsprobleme auf einzelne Unternehmen wie CoreWeave beschränkt bleiben oder auf den Kreditmarkt übergreifen. Drittens, ob nicht nur Kursziele, sondern auch Aufträge, Investitionspläne und Gewinnprognosen gesenkt werden. Bis dahin spricht vieles für eine breitere Streuung, und davon können Europa und die Schweiz profitieren.