Warum Wall Street gerade jetzt Aktien und Anleihen tokenisiert

Die Wallstreet entdeckt die Tokenisierung: Was ist der Unterschied zu den Schweizer Projekten (Bild: Shutterstock)
Die Wallstreet entdeckt die Tokenisierung: Was ist der Unterschied zu den Schweizer Projekten (Bild: Shutterstock)

Innerhalb von gut einer Woche haben DTCC, Morgan Stanley, Goldman Sachs und eine Gruppe globaler Grossbanken Tokenisierungsprojekte in den Betrieb überführt – auch UBS ist dabei. Mit Krypto-Euphorie hat der Schub wenig zu tun. Dahinter stehen Regulierung, einsatzbereite Infrastruktur und eine nüchterne Rechnung: Wertpapiere sollen sich schneller als Sicherheiten einsetzen lassen. Die Schweiz war früher dran. Nun stellt sich hier wie dort die Frage der Skalierung.

06.11.2026, 08:43 Uhr
Banken | Fintech | Regulierung

Redaktion: asc

Wall Street entdeckt die Blockchain nicht erst jetzt. Experimentiert wird seit bald einem Jahrzehnt, UBS hat bereits 2022 eine tokenisierte Anleihe begeben. Neu ist, dass die Technologie an die zentrale Infrastruktur des US-Wertpapiermarkts angeschlossen wird. Seit dem 28. Oktober können Banken über die Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) ausgewählte Aktien, ETF und US-Staatsanleihen in Token umwandeln. Eine Woche später meldete Morgan Stanley, als eine der ersten Banken US-Aktien und Treasuries über den Dienst tokenisiert zu haben.

Die Häufung der Meldungen ist kein Zufall. Drei Entwicklungen fallen zusammen: Die US-Aufsicht hat den Rahmen abgesteckt, die Infrastruktur ist betriebsbereit, und die Banken sehen einen konkreten wirtschaftlichen Nutzen. Dieser liegt allerdings an einem anderen Ort, als die populäre Erzählung vom Aktienhandel rund um die Uhr vermuten lässt.

Die SEC hat die Tür geöffnet

Den Anfang machte ein No-Action-Letter der SEC vom 11. Dezember 2025. Darin sicherten die Mitarbeitenden der Behörde der DTCC-Tochter Depository Trust Company (DTC) zu, für drei Jahre nicht einzuschreiten, wenn sie bestimmte verwahrte Wertpapiere tokenisiert: Aktien aus dem Russell-1000-Index, ETF auf grosse Indizes sowie US-Treasury-Bills, -Notes und -Bonds. Tokenisieren lassen können nur DTC-Teilnehmer, nicht die Emittenten selbst.

Am 15. Juli 2026 folgten erste produktive Transaktionen mit mehr als 30 Firmen, darunter Goldman Sachs, JPMorgan, BlackRock, Vanguard, Nasdaq und die NYSE. Getestet wurden die Verpfändung von Sicherheiten, Wertpapierleihe, Repo-Geschäfte mit Staatsanleihen, Lieferung gegen Zahlung und Margin-Zahlungen an zentrale Gegenparteien.

Im September ging die SEC einen Schritt weiter. Mit einer auf fünf Jahre befristeten «Innovation Exemption» erlaubt sie Handelsplätzen, tokenisierte US-Aktien über automatisierte Market Maker zu handeln, ohne als Börse registriert zu sein. Voraussetzung: Die Token müssen echte Eigentumsrechte verbriefen, inklusive Dividenden und Stimmrecht. SEC-Chef Paul Atkins sprach von einem «bedeutenden Schritt nach vorn», dem aber «dauerhafte Regulierung folgen» müsse.

Ein gemeinsamer Dienst statt zwanzig Pilotprojekte

Am 28. Oktober wurde aus dem Test ein Produkt. Zum Start haben 20 DTC-Teilnehmer Nutzungsverträge unterzeichnet, darunter Bank of America, Barclays, BNP Paribas, Citi, Fidelity, JPMorgan, Morgan Stanley, State Street, Citadel Securities – und UBS. Weitere sollen laufend dazukommen. DTCC-Chef Frank La Salla sprach vom «Höhepunkt jahrelanger Arbeit, tokenisierte Wertpapiere in einen regulierten Rahmen zu bringen».

Der Unterschied zu früheren Versuchen: Die Banken müssen keine eigenen Inseln mehr bauen. Jeder Token ist eins zu eins durch ein bei DTC verwahrtes Wertpapier gedeckt, trägt dieselben Rechte und lässt sich wieder in die herkömmliche Form zurückführen. DTC führt weiterhin das offizielle Register. Technisch läuft der Dienst vorerst auf dem Canton Network und auf der privaten Besu-Blockchain von DTCC. Stellar und Circles Arc sollen 2027 folgen.

Gemessen am Gesamtsystem ist der Start bescheiden. Zugelassen sind 34 Titel mit einem Marktwert von rund 30 Billionen US-Dollar, wie DTCC gegenüber Coindesk angab. Insgesamt verwahrt DTC Wertpapiere im Wert von über 114 Billionen US-Dollar. Die Umwandlung in Token ist nur zu Geschäftszeiten möglich. Danach dürfen die Token zwischen registrierten Wallets rund um die Uhr zirkulieren, unter Compliance-Auflagen. Zahlen zu Volumen oder Einsparungen hat DTCC bisher nicht veröffentlicht.

Es geht um Sicherheiten, nicht um Aktienkäufe

Wer bei Tokenisierung an Privatanleger denkt, die nachts Apple-Aktien kaufen, verpasst den Kern. Die Anwendungsfälle aus dem Juli-Test sprechen eine andere Sprache: Sicherheiten, Repo, Wertpapierleihe, Margin. Genau dort erwartet DTCC den ersten Nutzen. Werkzeuge für den Einsatz tokenisierter Titel als Sicherheiten stehen auf der Roadmap.

Die Logik dahinter: Für eine Bank ist eine Staatsanleihe nicht nur eine Anlage, sondern auch ein Pfand. Sie besichert Repo-Geschäfte, Derivate-Margins und Kredite. Heute bewegen sich solche Sicherheiten über mehrere Systeme, gebunden an Abwicklungszyklen und Geschäftszeiten. Lassen sie sich in Minuten statt in Stunden oder Tagen verschieben, braucht eine Bank weniger Puffer. Liquidität wird frei, Gegenparteirisiken schrumpfen. Für die Umwandlung in Token peilt DTCC Verarbeitungszeiten von höchstens 15 Minuten an.

Die These lautet deshalb: Der erste grosse Nutzen tokenisierter Wertpapiere liegt nicht beim Kauf, sondern bei dem, was Banken danach mit den Papieren machen.

Das zeigt auch Goldman Sachs. Ebenfalls am 28. Oktober gab EquiLend bekannt, dass die Bank deren DLT-Plattform 1Source für die Wertpapierleihe nutzt. Die Plattform soll eine einzige, verbindliche Datenbasis für Leihgeschäfte schaffen und Abgleiche überflüssig machen. EquiLend verweist auf Schätzungen Dritter, wonach die Branche damit Hunderte Millionen US-Dollar sparen könnte. Spektakulär ist das nicht. Aber es ist jener Teil des Geschäfts, in dem Reibung Geld kostet.

Digitalisieren, ohne die Kontrolle abzugeben

Auffällig ist, wer die Tokenisierung treibt: nicht Krypto-Start-ups, sondern die etablierten Institute und ihre Infrastruktur. DTCC überträgt nach eigenen Worten die Resilienz, Governance und Betriebsstandards von DTC auf digitale Märkte. Verwahrung, Kundenbeziehung und Kontrollfunktionen bleiben im vertrauten Umfeld.

Wie selektiv die Banken dabei vorgehen, zeigt der Streit um OKXICE. Die NYSE-Mutter ICE und die Kryptobörse OKX wollen über ihr Gemeinschaftsunternehmen unter der neuen SEC-Ausnahme tokenisierte US-Aktien handeln, rund um die Uhr und abgewickelt in Stablecoins. Die Regeln erlauben Emittenten, Einspruch zu erheben, wenn Dritte ihre Aktien tokenisieren. Davon machen immer mehr Gebrauch: Goldman Sachs stand Mitte Oktober auf der Liste, JPMorgan kam am 27. Oktober dazu. Inzwischen haben rund 50 Unternehmen widersprochen, darunter Microsoft, Nvidia und Amazon. Begründungen enthalten die Mitteilungen nicht.

Bemerkenswert: JPMorgan widerspricht der Tokenisierung der eigenen Aktie auf einer Drittplattform und gehört mit seiner Blockchain-Einheit Kinexys gleichzeitig zu den Gründern eines neuen Branchengremiums für tokenisierte Märkte. Eine grundsätzliche Ablehnung der Technologie ist das nicht. Die naheliegende Lesart: Wall Street will die Vorteile der Tokenisierung, aber nicht automatisch die Kontrolle über den Markt an neue Plattformen abtreten.

Aus Einzelprojekten soll ein Markt werden

Ein Token allein macht noch keinen Kapitalmarkt. Solange jede Bank auf ihrer eigenen Blockchain arbeitet, entstehen digitale Silos. Hier setzt die Global Layer One Organisation (GL1 Org) an, die HSBC, Kinexys von JPMorgan, MUFG, Société Générale-Forge und Standard Chartered diese Woche in Singapur gegründet haben. Die Non-Profit-Organisation baut auf einer Initiative der Monetary Authority of Singapore auf. Sie soll gemeinsame Standards fördern und Institute, Infrastrukturen und Rechtsräume miteinander verbinden.

Zusammen ergibt sich ein Bild: DTCC schafft den Zugang, um bestehende Wertpapiere zu tokenisieren. Banken wie Goldman Sachs bringen DLT in konkrete Prozesse. GL1 soll die entstehenden Netze kompatibel machen. Morgan Stanley will tokenisierte Aktien im ersten Quartal 2027 auf seinem eigenen alternativen Handelssystem unterstützen – später als ursprünglich für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt.

UBS: «Fast Follower» mit Schweizer Vorlauf

UBS gehört zu den 20 Erstnutzern des DTCC-Dienstes. Das passt zur Strategie, die CEO Sergio Ermotti im Februar bei der Präsentation der Jahreszahlen skizziert hat: Die Bank baue die Kerninfrastruktur auf und prüfe gezielte Angebote, darunter tokenisierte Einlagelösungen für Unternehmenskunden. Ihre Rolle bei tokenisierten Vermögenswerten beschreibt UBS als «Fast Follower». Sie will bewährte Modelle übernehmen, sobald sich regulatorische und operative Risiken besser einschätzen lassen, und das Geschäft über drei bis fünf Jahre ausbauen.

Ganz am Anfang steht die Bank dabei nicht. 2022 begab sie eine tokenisierte Note über 50 Millionen US-Dollar. Im November 2024 lancierte UBS Asset Management mit uMINT ihren ersten tokenisierten Fonds, einen Geldmarktfonds auf Ethereum. Im November 2025 wickelte UBS eine Live-Transaktion in einem tokenisierten Fonds über die Infrastruktur von Chainlink ab.

Für UBS heisst das: Sie muss in beiden Welten präsent sein, im Schweizer Pionierumfeld ebenso wie auf der US-Infrastruktur, wo die Volumen liegen.

Vergleich mit der Schweiz: früh dran, jetzt geht es um Skalierung

Die Schweiz muss die Tokenisierung nicht erst entdecken. SIX lancierte ihre Digitalbörse SDX im November 2021 mit einer digitalen Anleihe über 150 Millionen Franken. 2022 tokenisierte SDX zusammen mit F10 und Aequitec die Aktien eines privaten Unternehmens. Im November desselben Jahres emittierte UBS eine digitale Anleihe über 375 Millionen Franken, die Anleger auch konventionell bei SIX SIS halten konnten. Die rechtliche Grundlage bildet das DLT-Gesetz von 2021. Nach Angaben von SIX wurden über SDX inzwischen Wertpapiere für mehr als 2 Milliarden Franken emittiert. Das belegt reale Nutzung, ist aber ein kumuliertes Emissionsvolumen und kein Handelsvolumen.

Wichtig ist der unterschiedliche Ausgangspunkt. In der Schweiz ging es zunächst vor allem um native digitale Emissionen: Das Wertpapier entsteht direkt auf der Blockchain. DTCC setzt dagegen bei bestehenden Beständen an. Bereits verwahrte Aktien, ETF und Staatsanleihen erhalten eine tokenisierte Darstellung. Beides kann sich ergänzen, ist aber nicht derselbe Meilenstein.

Näher am US-Ansatz ist ein Projekt, das SIX und Pictet im Juli 2025 abgeschlossen haben. Bestehende Unternehmensanleihen in Euro und Franken, verwahrt bei SIX SIS, wurden auf SDX tokenisiert und in Bruchteile aufgeteilt, die den von Pictet Asset Management verwalteten Portfolios zugewiesen wurden. Laut Pictet wurden Tokenisierung und Fraktionierung damit erstmals im Schweizer Markt kombiniert. Der kommunizierte Nutzen ist allerdings ein anderer: feinere Portfoliosteuerung in der Vermögensverwaltung statt beweglicherer Sicherheiten im Interbankengeschäft.

Bei der Geldseite ist die Schweiz weiter als die USA. Im Projekt Helvetia werden tokenisierte Wertpapiere in Zentralbankgeld abgewickelt: entweder mit einem digitalen Franken für Finanzinstitute auf der Plattform von SIX oder über eine Verbindung zum Interbankensystem SIC. Diese nutzt BX Digital, seit März 2025 als DLT-Handelssystem von der Finma bewilligt, bereits produktiv. Die SNB hat den Pilotbetrieb im Juni bis mindestens Mitte 2028 verlängert. 2025 testeten UBS, PostFinance und Sygnum unter dem Dach der Bankiervereinigung zudem tokenisierte Bankeinlagen auf Ethereum. Bei DTCC steht die Abwicklung mit digitalem Geld dagegen erst auf der Roadmap.

Woran es fehlt, ist die Breite. SIX beschreibt die nächste Phase selbst als Skalierung. Im Mai 2026 erhielt sie von der Finma die Bewilligung, den digitalen Zentralverwahrer von SDX in SIX SIS zu integrieren. So sollen die digitalen Fähigkeiten der gesamten Kundenbasis zugänglich werden. Wie gross die Zurückhaltung ist, zeigt der Blockchain Pulse Survey 2026 der Universität St. Gallen: Nur 12 Prozent der 25 befragten Finanzinstitute aus der Schweiz und Liechtenstein bieten tokenisierte Vermögenswerte an, 64 Prozent haben keine entsprechenden Pläne. Als Hürden nannten 63 Prozent fehlende strategische Priorität oder einen schwachen Business Case, 58 Prozent geringes Kundeninteresse.

Der Vorstoss der Wall Street markiert deshalb weniger die Erfindung eines neuen Marktes als einen weiteren Anlauf zu dessen Skalierung, im deutlich grösseren US-Markt und direkt bei der Verwahrstelle, wo die liquiden Sicherheiten liegen. Pauschal weiter sind die USA damit nicht: Der neue Zugang zu einem riesigen Wertpapierbestand beweist noch keine entsprechend grosse Nutzung. Entscheidend wird auf beiden Seiten des Atlantiks, wer aus technischer Machbarkeit einen wirtschaftlich relevanten Markt macht.

Was der Vorstoss noch nicht beweist

Drei populäre Erklärungen halten einer nüchternen Prüfung bisher nicht stand.

Erstens: «Die Kunden verlangen es.» Zwanzig Teilnehmer und über 150 Firmen in der Arbeitsgruppe von DTC belegen das Interesse der Branche, nicht eine breite Nachfrage der Endkunden. Nutzungs- und Handelsvolumen fehlen.

Zweitens: «Tokenisierung schafft automatisch Liquidität.» Bessere Übertragbarkeit ist nicht dasselbe wie mehr Käufer, engere Spreads oder tiefere Märkte. DTCC nennt Liquiditätsvorteile als Ziel, ihr Ausmass ist nicht belegt.

Drittens: «Jetzt kommen alle Aktien rund um die Uhr auf die Blockchain.» Der Dienst startet mit 34 Titeln und ausschliesslich institutionellem Zugang. Und auch der 24/7-Handel auf OKXICE steht unter dem Vorbehalt, dass die Emittenten mitspielen. Viele der grössten tun das nicht.

Die Analysten der Citi rechnen bis 2030 mit einem Markt für tokenisierte Wertpapiere von 5,5 Billionen US-Dollar. Ob es so kommt, entscheidet sich weniger an der Technologie als an einer einfachen Frage: ob aus der neuen Infrastruktur messbare Einsparungen und liquide Märkte entstehen. Dieser Test beginnt erst jetzt.

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