05.06.2026, 11:50 Uhr
Die Gewinnrendite des S&P 500 liegt erstmals seit der Dotcom-Blase wieder etwa auf dem Niveau der US-Staatsanleihenrenditen. Für Jeff Blazek, Co-CIO Multi-Asset Strategies bei Neuberger Berman, ist die faktisch...
Der US-Konsum hat in den vergangenen Jahren kaum einen ernsthaften Einbruch erfahren. Weder die Hochinflationsphase nach der Pandemie noch die rasche Zinswende der Fed konnten ihn nachhaltig bremsen. Doch laut Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer Wealth bei Neuberger, täuscht die scheinbare Stabilität: Unter der Oberfläche mehren sich die Risse.
Das Paradox ist messbar: Die verfügbaren Realeinkommen amerikanischer Haushalte sind in diesem Jahr erstmals mehrere Monate in Folge gesunken. Dennoch stiegen die Konsumausgaben weiter – finanziert nicht aus laufenden Einnahmen, sondern aus Rücklagen. Die Sparquote fiel auf rund 2,6 Prozent, ein Niveau, das seit der internationalen Finanzkrise kaum unterschritten wurde.
Gleichzeitig klafft die Schere zwischen Lohn- und Preiswachstum auseinander: Die Verbraucherpreise steigen aktuell um 4,2 Prozent jährlich, die Löhne aber nur um 3,4 Prozent. Die Differenz von fast einem Prozentpunkt dämpft die reale Kaufkraft spürbar, schreibt Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer Wealth bei Neuberger.
Erschwerend komme hinzu, dass der fiskalische Impuls aus dem «One Big Beautiful Bill Act» – rund 50 Milliarden Dollar Steuererleichterungen für Haushalte – zu zwei Dritteln durch gestiegene Benzinpreise aufgezehrt wurde. Per saldo ist die jährliche Kaufkraft der Konsumenten laut dem Neuberger-Experte um rund 100 Milliarden Dollar oder 0,7 Prozent gesunken.
Ein zentraler Faktor: der anhaltende Nahostkonflikt. Die Strasse von Hormuz ist weiterhin nicht frei befahrbar. Das treibt nicht nur die Energiepreise, sondern verteuert auch Kerosin, Luftfracht und Düngemittel – Letzteres in einer Phase, in der El Niño ohnehin die Ernteerträge belastet. «Die Lebensmittelpreisentwicklung wird immer unberechenbarer», warnt Saccocia. Die Inflation erfasse damit weit mehr als den Energiesektor.
Die Aggregatzahlen verdecken eine zunehmende Spaltung. Zusätzliche Konsumausgaben werden laut Neuberger primär aus Vermögen finanziert – nicht aus laufendem Einkommen. Besonders deutlich zeigt sich das bei Reisen und Freizeitgestaltung: Haushalte der Generationen Y und Z steigerten ihre Ausgaben in diesem Bereich seit Jahresbeginn um rund 10 Prozent, begünstigt durch substanzielle Erbschaftsflüsse.
Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen hingegen können sich das kaum leisten. Ihre Realausgaben stagnieren oder sinken. Höhere Energie- und Lebensmittelpreise treffen sie überproportional, und der Zollabbau federt nur einen Teil davon ab. Auch innerhalb der oberen Einkommensklassen divergieren die Entwicklungen: Im April stiegen die Nettolöhne der obersten 5 Prozent um nahezu 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bei den übrigen Besserverdienenden waren es nur 4,6 Prozent. Die Einkommensungleichheit nimmt zu.
An den Aktienmärkten sieht Saccocia selektive Chancen. Konsumgüteraktien wurden zuletzt vorwiegend wegen der Ölpreisbelastung nach unten revidiert – die fundamentalen Auswirkungen eines allfälligen Konsumrückgangs seien aber noch nicht vollständig eingepreist. «Wenn der Konsum deutlich nachgibt, kann man die Folgen für konsumnahe Aktien nicht mehr ignorieren», so die CIO. Seine Empfehlung deshalb: Einzeltitelauswahl statt Sektorallokation, mit Fokus auf Freizeit und Tourismus anstelle von Konsumgütern.
Trotz der eingetrübten Konsumaussichten hält Neuberger an einem Übergewicht internationaler Aktien fest. 84 Prozent der S&P-500-Unternehmen haben im ersten Quartal die Erwartungen übertroffen, bei einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 27,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erhöhte Aufmerksamkeit gilt Konsumgüter- und Finanztiteln sowie dem Arbeitsmarkt.
Die geldpolitische Entscheidung der Fed – die dieser Woche tagt – kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Die Inflation ist so hoch wie seit drei Jahren nicht mehr, während die Haushaltspuffer kleiner werden. «Die Risiken sind bisweilen konzentrierter, als die Gesamtzahlen vermuten lassen», fasst Saccocia zusammen.