Nachhaltigkeitskriterien bei Unternehmensanleihen: Warum ESG-Kennzahlen nur ein Teil der Wahrheit sind

Die Risiko- und Chancenanalyse lässt sich durch intensives Research und den aktiven Dialog mit Unternehmen optimieren. (Bild: Shutterstock.com/Rawpixel)
Die Risiko- und Chancenanalyse lässt sich durch intensives Research und den aktiven Dialog mit Unternehmen optimieren. (Bild: Shutterstock.com/Rawpixel)

ESG-Ratings sind sicherlich eine gute Ausgangsbasis für die Bewertung von Unternehmen. Optimieren lässt sich die Risiko- und Chancenanalyse aber durch intensives Research und den aktiven Dialog mit Unternehmen.

22.12.2020, 12:17 Uhr

Autor: Aviva Investors

Lange Zeit herrschte unter Anlegern die Auffassung, sie müssten sich zwischen der Ausrichtung auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social and Governance, kurz: ESG) und einer guten Wertentwicklung entscheiden, so als ob das eine das andere ausschlösse. Tatsächlich aber sind Performance und ESG wie zwei verschiedene Schlüssel am selben Schlüsselbund, die beide die Tür zu attraktivem Wertpotenzial öffnen.

"Am Markt verbreitet sich zunehmend die Erkenntnis, dass ESG-Performance und Finanzperformance positiv korrelieren und dass die Berücksichtigung von ESG-Kriterien nicht unbedingt Abstriche bei den Renditeerwartungen erfordert, sondern die Erträge im Gegenteil sogar steigern kann“, stellt Richard Butters, ESG-Analyst bei Aviva Investors, fest.

Allerdings folgen nicht alle ESG-Kennzahlen dem gleichen Schema. Während die einen Ratings mehrere Kriterien zu einem Gesamtbild zusammenfassen, berücksichtigen andere nur einen bestimmten Teilbereich. Um die Dinge noch komplizierter zu machen, wendet jeder Rating-Anbieter eine andere Methode an, sodass man verschiedene Ratings, die eigentlich ein und das Gleiche messen sollen, kaum miteinander vergleichen kann.

"Als Beispiel: Einige europäische Banken erreichen bei Sustainalytics ESG-Spitzenwerte, während sie bei MSCI nur im Mittelfeld rangieren. Je nach Agentur werden unterschiedliche Kennzahlen herangezogen oder bestimmte Aspekte unterschiedlich gewichtet, weil sie für die Branche oder für bestimmte Unternehmen vielleicht als besonders wichtig erachtet werden“, erklärt Demi Angelaki, Global Liqudity Portfolio Manager bei Aviva Investors.

Bei der Datenqualität ist noch viel Luft nach oben

Die ESG-Berichterstattung ist weniger detailliert als die klassische Finanzberichterstattung und auch die Vergleichbarkeit zwischen zwei Unternehmen ist nicht gegeben.

"Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Übersichtstabelle über die ESG-Kennzahlen erstellen, die Sie für eine bestimmte Branche für relevant halten. Wenn Sie dazu die aktuellsten Abschlüsse heranziehen, könnten Sie in einigen Fällen gerade einmal 20 bis 30 Prozent der Zellen mit Werten befüllen“, so Butters.

Qualität und Verfügbarkeit von Daten bessern sich jedoch, entweder durch verstärkte Regulierung oder Sensibilisierung. Waren Nachhaltigkeitsberichte früher sehr allgemein gehalten, werden die Angaben nun auch mit Kennzahlen, Zielvorgaben, Fortschrittsberichten und KPIs untermauert.¹

Doch um für die Berichterstattung zu Nachhaltigkeitsthemen einen Basisstandard zu entwickeln, bedarf es weiterer Anstrengungen. Wenn Unternehmen ihre ESG-Daten nicht offenlegen, können die Asset Owner keine genauen Angaben zum ESG-Profil ihrer Positionen machen.² Erfreulicherweise beginnen sich die ESG-Berichterstattungsstandards einander anzunähern, was den Nebel für Unternehmen und Anleger etwas lichten dürfte.³

Auch als Ausgangspunkt für die Ermittlung des Nachhaltigkeitsprofils eines neuen Unternehmens, für das Research im Credit-Bereich und als Grundlage für Produktvergleiche in Berichten an den Kunden sind ESG-Ratings sinnvoll.

Guter Ausgangspunkt

Immer die gleiche externe Bewertung zu verwenden, erleichtert Researchabteilungen zudem ein genaueres Verständnis der Methodik und ihrer Grenzen. "Mit 'Elements' haben wir unsere eigene quantitative ESG-Bewertung. Darin sind unter Berücksichtigung von ESG-Faktoren mehrere sektor- und branchenspezifische Indikatoren zusammengefasst. Nachdem der Elements-Wert feststeht, durchforste ich die MSCI-Analyse für das Unternehmen auf spezifische ESG-Aspekte. Je nach Bedarf kann ich dort ansetzen und immer tiefer bohren", erklärt Alessandro Rovelli, Senior Credit Research Analyst bei Aviva Investors.

Zwar wirken sich ESG-Ratings nicht immer direkt auf die Bonitätsbewertung von Unternehmen aus, aber Anleiheanalysten, die sich mit den ESG-Risiken und -Chancen eines Emittenten vertraut gemacht haben, können sich ein ganzheitliches Bild von dem Unternehmen machen. Ist ein Geschäftsmodell etwa CO2-lastiger als das der Wettbewerber und es soll eine CO2-Steuer eingeführt werden, sind die Auswirkungen auf Ertrag und Bilanz recht genau absehbar.

Andere Risiken sind dagegen eher qualitativer Natur und damit schwerer abzuschätzen. So kann ein kontroverses Glied in der Lieferkette ein Unternehmen vor die unterschiedlichsten Herausforderungen stellen – von der Abwendung eines Imageschadens für die Marke bis hin zu einem kostspieligen Prüfmarathon für die Richtlinien, Audits und Geschäftspraktiken des Unternehmens.

"Während sich Credit-Analysten zuallererst die Cashflows und die Bilanzen ansehen, stehen in den MSCI-Berichten und den Analysen der ESG-Abteilung die Aspekte Umwelt und Soziales und insbesondere die so wichtige Unternehmensführung im Mittelpunkt. Diesen Kriterien messen wir in unseren Anlageentscheidungen grosse Bedeutung bei. Das ESG-Team übt auch Stimmrechte bei Hauptversammlungen von Unternehmen aus und bringt damit die besten Voraussetzungen mit, um fragliche Aspekte zu analysieren und zur Sprache zu bringen", so Rovelli.

Quellen:

  1. „Climate data: Seeing through the fog“, Aviva Investors, 28. Februar 2020
  2. Robert Van Egghen, „Brussels considers EU-wide standards to improve ESG reporting“, Ignites Europe, 19. Oktober 2020
  3. Michael Cohn, „Big Four firms release ESG reporting metrics with World Economic Forum“, Accounting Today, 23. September 2020.

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