23.06.2026, 11:39 Uhr
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Nur zehn Tage nach dem grössten Börsengang der Geschichte ist die SpaceX-Aktie von ihrem Allzeithoch um fast 32 Prozent eingebrochen. Hinter der Korrektur stehen strukturelle Fragen zur Kapitalstrategie des Konzerns. Der SpaceX-Rückgang fällt mit einem globalen Tech-Sell-off zusammen.
Was ist lost mit SpaceX? Der Börsenstart von SpaceX am 12. Juni 2026 war ein Ereignis der Superlative. Das Raumfahrt-, Satelliten- und KI-Unternehmen von Elon Musk platzierte 555,6 Millionen Aktien zu je 135 US-Dollar an der Nasdaq, sammelte damit rund 86 Milliarden US-Dollar ein – den höchsten IPO-Erlös aller Zeiten – und erreichte bei Eröffnung sofort eine Marktkapitalisierung von über 2 Billionen US-Dollar. Innerhalb von vier Handelstagen kletterte SPCX auf ein Allzeithoch von 225,64 US-Dollar; kurzzeitig war SpaceX fast 3 Billionen US-Dollar wert und überholte Amazon und Microsoft in der Rangliste der wertvollsten Unternehmen der Welt.
Seither ist viel Luft entwichen.
Am Montag, 22. Juni, fiel SPCX um 16,4 Prozent auf 154,60 US-Dollar – der stärkste Tagesverlust seit dem IPO. Zusammen mit den Rückschlägen vom Mittwoch (–5 Prozent) und Donnerstag der Vorwoche (–3,6 Prozent) hat die Aktie in drei Handelstagen rund 400 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren, was nach FT-Angaben dem zweitgrössten Eintages-Wertverlust eines einzelnen Unternehmens in der Börsengeschichte entspricht – übertroffen nur vom Nvidia-Einbruch Anfang 2025. Der Kurs liegt damit noch 14 Prozent über dem Ausgabepreis, aber 31 Prozent unter dem Allzeithoch.
Zwei Ereignisse überlagerten sich. Erstens initiierte KeyBanc Capital Markets die SPCX-Coverage mit einer «Sector Weight»-Einstufung ohne Kursziel – de facto eine Nicht-Empfehlung. Die Bank begründete ihre zurückhaltende Haltung mit der Bewertungsstreckung nach der Post-IPO-Rally: SPCX handele auf Basis der 2027-Schätzungen bei rund 29x Kurs-Umsatz und 71x EV/EBITDA, einem deutlichen Premium zu Peers im Raumfahrt-, KI- und Kommunikationssektor. Starlink bleibe zwar der primäre Profittreiber mit 11,4 Milliarden US-Dollar Umsatz und einer bereinigten EBITDA-Marge von 63 Prozent im Jahr 2025 – «aber ein Grossteil des Potenzials ist bereits eingepreist», so die Analysten.
Zweitens kündigte SpaceX gleichentags seine erste Anleiheemission an: Senior Unsecured Notes im Volumen von mindestens 20 Milliarden US-Dollar, mit Laufzeiten zwischen 5 und 30 Jahren, arrangiert von Goldman Sachs, Bank of America, Citigroup, JPMorgan und Morgan Stanley. Die Ratings der drei grossen Agenturen – Moody's Baa1, S&P BBB, Fitch BBB+ – entsprechen Investment Grade, aber drei Stufen über Junk-Status und damit kein Prime-Rating. Die Ankündigung überraschte den Markt: SpaceX hatte laut SEC-Filing per 19. Juni 2026 bereits rund 100,8 Milliarden US-Dollar Cash in der Bilanz – darunter die frischen IPO-Erlöse.
Die Antwort liegt in der Unternehmensgeschichte des Jahres 2026. Im Februar übernahm SpaceX Elon Musks KI-Startup xAI inklusive der Grok-Sprachmodelle, des sozialen Netzwerks X und umfangreicher Rechenzentrumsinfrastruktur. Zur Finanzierung dieser Transaktion wurde ein kurzfristiger Brückenkredit aufgenommen, den SpaceX nun mit der Anleihe ablösen will.
Parallel finanziert der Konzern den weiteren Ausbau seiner KI-Compute-Infrastruktur: Vereinbarungen mit Google und Anthropic zur Lieferung von Rechenkapazität haben einen Gesamtwert von rund 75 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommt ein neu bekannt gegebener Deal mit Reflection AI über Zugang zum «Memphis Colossus»-Rechenzentrum im Wert von bis zu 6,3 Milliarden US-Dollar. SpaceX positioniert sich damit nicht mehr nur als Raumfahrt- und Satellitenanbieter, sondern als Rivale der grossen Cloud-Hyperscaler.
Parallel dazu hat SpaceX angekündigt, Anysphere – Entwickler des populären KI-Coding-Tools Cursor – für rund 60 Milliarden US-Dollar in einer reinen Aktientransaktion zu übernehmen. Das Closing wird für das dritte Quartal 2026 erwartet. Cursor erzielt annualisiert rund 2,6 Milliarden US-Dollar Umsatz. Für bestehende Aktionäre bedeutet die All-Stock-Transaktion eine potenzielle Verwässerung.
Abseits der aktuellen Trigger bestehen mehrere strukturelle Belastungsfaktoren. Der Streubesitz von SPCX liegt derzeit bei nur rund 4,2 Prozent – ein aussergewöhnlich tiefer Wert für ein Unternehmen dieser Grösse. Analysten schätzen, dass Insider bis zu 44 Prozent der Aktien bis Anfang September verkaufen könnten, sobald Sperrfristen auslaufen, was den aktuellen Free Float um rund 900 Prozent ausweiten würde. Allein diese Erwartung erhöht den Verkaufsdruck strukturell.
Hinzu kommt die Verlusthistorie: SpaceX verbuchte 2025 einen Nettoverlust von 4,9 Milliarden US-Dollar; im ersten Quartal 2026 – also noch vor der xAI-Integration – belief sich der Verlust auf 4,28 Milliarden US-Dollar. Morningstar bewertet die Aktie auf Basis eines Discounted-Cashflow-Modells mit rund 60 US-Dollar je Aktie (fairer Unternehmenswert rund 780 Milliarden US-Dollar) – also deutlich unter dem aktuellen Kurs. Das aktuelle Konsens-Kursziel der Analysten liegt laut Koyfin bei 187,80 US-Dollar; die Bandbreite reicht von 62 bis 310 US-Dollar.
Der SpaceX-Rückgang fiel mit einem globalen Tech-Sell-off zusammen. Der südkoreanische KOSPI-Index verlor über 10 Prozent, ASML büsste 4 Prozent ein, Nasdaq-Futures zeigten vorbörslich ein Minus von über 2 Prozent. Hintergrund ist die veränderte Fed-Kommunikation unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh, der angesichts des inflationären Drucks durch den Nahostkonflikt eine mögliche Zinserhöhung signalisiert hatte. Steigende risikofreie Renditen erhöhen den Diskontierungsfaktor für langfristige Cashflows – und treffen damit besonders kapitalintensive Wachstumsunternehmen wie SpaceX, das laut FT auf über 100x des Jahresumsatzes 2025 bewertet bleibt.
Die Entwicklung zeigt: SpaceX befindet sich in einem beispiellosen Kapitalintensitätszyklus. Starship-Entwicklung, Starlink-Ausbau auf die nächste Satellitengeneration, KI-Rechenzentrumsinfrastruktur und strategische Akquisitionen – alles gleichzeitig. Die Finanzierungskombination aus Rekord-IPO, 20-Milliarden-Anleihe und Brückenkredit-Refinanzierung zeigt, dass die Kapitalmärkte dabei als Werkzeug intensiv genutzt werden.
Für institutionelle Investoren stellt sich damit die fundamentale Frage: Ist SpaceX ein Raumfahrtunternehmen mit einer KI-Option, oder ein KI- und Infrastrukturkonzern, der Raumfahrt als Narrativ nutzt? Die Antwort dürfte die Bewertungsdiskussion in den nächsten Quartalen dominieren – spätestens wenn am 6. August die ersten Quartalszahlen als börsenkotiertes Unternehmen vorliegen.