OPEC-Deal kam zu spät

Die OPEC+ hat es nicht geschafft, das Überangebot in den Griff zu bekommen. (Bild: Shutterstock/Maxx  Studio)
Die OPEC+ hat es nicht geschafft, das Überangebot in den Griff zu bekommen. (Bild: Shutterstock/Maxx Studio)

OPEC+ hat ihre Überangebotstaktik zu spät über Bord geworfen, als sie letzte Woche zu einer Einigung kam. Infolgedessen konnten die ölproduzierenden Staaten nicht verhindern, dass sich der Markt seiner maximalen Lagerkapazität nähert, meinen Marktkommentatoren. Es brauche ein weiteres Abkommen mit der OPEC+, um die globale Gesamtförderung zu reduzieren.

21.04.2020, 15:34 Uhr

Redaktion: rem

Dass sich der Markt seiner maximalen Lagerkapazität nähert, gilt insbesondere für den US-Markt, da sich die US-amerikanischen Schieferölproduzenten nicht an freiwilligen Produktionskürzungen beteiligen. Die US-Rohöllagerbestände verzeichneten in der vergangenen Woche ihren bisher grössten wöchentlichen Anstieg (um 19 Mio. Barrel), obwohl die Anzahl der US-Bohrinseln weiter zurückgeht. Dies hat zu einem massiven Verkaufsdruck auf den stark gehandelten WTI-Mai-Kontrakt geführt, der morgen ausläuft. "Alle Anleger, die keine physische Öl-Lieferung wollen, suchen jetzt händeringend nach Käufern, da sie ihre Position 'rollen' müssen. Solche Käufer sind allerdings schwierig zu finden, denn niemand weiss mehr, wohin damit", sagt Michel Salden, Leiter Rohstoffe bei Vontobel Asset Management.

"Was wir in den letzten Wochen gesehen haben, sind Ölpreise, die im Allgemeinen viel niedriger sind als früher, und das führt zu einem Vermögenstransfer von Russland und Saudi-Arabien und ihren Verbündeten in die übrige Welt. In diesem Prozess gibt es Gewinner und Verlierer. In den kommenden Tagen und Wochen wird der Druck zunehmen, ein weiteres Abkommen mit der OPEC+ zu schliessen und die globale Gesamtförderung zu reduzieren, wobei die Amerikaner auf die eine oder andere Weise einbezogen werden könnten. Dies könnte schliesslich enorme Auswirkungen auf die Ölpreise haben", kommentiert Sébastien Galy, Senior-Makrostratege bei Nordea Asset Management, die Lage.

Kürzungen der OPEC zielen eher auf Brent ab

Der nächste Brent-Vertrag (Juni) steht laut dem Rohstoffexperten Salden weniger unter Druck, da er bis zum 30. April noch eine Galgenfrist hat. Dann werde er zwar schon einen gewissen Verkaufsdruck spüren, allerdings in geringerem Masse als WTI. Das liege auch daran, dass mehr schwimmende Lager, z.B. in Form von Tankern, zur Verfügung stehen. Im Allgemeinen zielten die Kürzungen der OPEC eher auf Brent ab, während sich die US-Schieferproduzenten nicht ohne weiteres auf koordinierte Produktionskürzungen einigen können. Dies liege daran, dass sich die US-Schieferindustrie nicht in Staatsbesitz befindet und aus vielen Privatunternehmen besteht. Jegliche Produktionskürzungen in den USA seien erzwungene Kürzungen aufgrund niedriger Ölpreise und begrenzter Lagerkapazitäten, so Salden.

"Trotz der fallenden Spotpreise bleibt die positive Seite für längerfristiges Öl bestehen, da dieses von längerfristigen Nachfrage- und Angebotsfaktoren abhängt. Die Nachfrage wird im späteren Verlauf des Jahres 2020 wieder anziehen und das Angebot wird abnehmen, da viele Produzenten ihre Produktion drosseln müssen, sobald die maximale Lagermenge in ihrer Region erreicht ist. Grundsätzlich gilt, dass ein Zusammenbruch der Preise am vorderen Ende der Kurve die langfristige Erholung der Ölpreise beschleunigen wird, da die Produzenten gezwungen sein werden, ihre Produktion einzudämmen", erklärt Salden.

Eine "Carry Curve"- Positionierung könne Investoren helfen, diese Märkte zu überstehen. Das bedeutet, am vorderen Ende der Futures-Kurve Short und am langen Ende Long zu gehen. Der Ölkontrakt vom 21. Dezember erlebte beispielsweise Mitte März seinen Tiefststand und hat seitdem mehr als 10% zugelegt, während der Frontkontrakt weiterhin Geld verlor.

Super-Contango stellt hohes Risiko für ETF-Anleger in Öl dar

"Da die WTI-Ölterminkurve eine extreme Form des Contango am vorderen Ende der Kurve angenommen hat, birgt eine Investition in ETFs derzeit hohe Risiken für Anleger, die aufgrund der extrem niedrigen Preise versucht sein könnten, über passive Vehikel in Öl zu investieren", gibt Salden zu bedenken und fügt an: "Verluste entstehen, wenn grosse Index-Tracker ihr Spotpreis-Engagement bei Vertragsablauf rollen müssen, da sie negativen Roll-Renditen ausgesetzt sind. Umgekehrt bieten Fonds, die ein Engagement in längerfristigen Öl-Kontrakten anbieten, eine geringere Volatilität und attraktivere Rollrenditen."

"Die Chancen, die sich den Fondsmanagern bieten, sind enorm, insbesondere in den Schwellenländern, und die Dynamik der Ölpreise bedeutet eine gewisse Beweglichkeit bei der Neugewichtung der Portfolios", meint Sébastien Galy von Nordea AM.

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