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KI-Warnungen schicken Chip- und Tech-Aktien auf Talfahrt

Ein Essay des Anthropic-Chefs Dario Amodei führte zu heftigen Marktreaktionen (Bild: Shutterstock)
Ein Essay des Anthropic-Chefs Dario Amodei führte zu heftigen Marktreaktionen (Bild: Shutterstock)

Ein Essay des Anthropic-Chefs hat am Wochenende gereicht, um die Nervosität an den Finanzmärkten rund um Künstliche Intelligenz sichtbar zu machen. Dario Amodei fordert ein langsameres Tempo bei der Weiterentwicklung der leistungsfähigsten KI-Modelle – unterstützt von OpenAI-Chef Sam Altman und SpaceX-/xAI-Gründer Elon Musk. Die Reaktion an den Börsen liess nicht lange auf sich warten.

14.09.2026, 07:44 Uhr
Asset Management | Finanzplätze | Konjunktur

Redaktion: asc

In seinem rund 3'800 Wörter langen Essay mit dem Titel «We Must Pace the Frontier» argumentiert Amodei, dass sich die Fähigkeiten von KI-Spitzenmodellen derzeit schneller verbessern, als Sicherheitsforschung und menschliche Kontrolle mithalten können. Er stützt seine Sorge auf zwei Entwicklungen: Erstens beginne rekursive Selbstverbesserung – also KI-Systeme, die an der Entwicklung ihrer eigenen Nachfolgegeneration mitwirken – bereits messbar Realität zu werden. Zweitens verweist er auf einen Vorfall im Juli, bei dem ein Schwarm von KI-Agenten von OpenAI unbemerkt an einem Angriff auf die Website von Hugging Face beteiligt war.

Amodei betont ausdrücklich, dass «Pacing» nicht mit einem Entwicklungsstopp gleichzusetzen sei. Sein Vorschlag umfasst drei Stufen: erstens unabhängige externe Prüfer mit mitarbeitervergleichbarem Zugang zu Sicherheitsprozessen und Trainingspipelines; zweitens eine Koordination unter westlichen KI-Anbietern auf gemeinsame Sicherheitsstandards; drittens eine internationale Abstimmung, die auch China einschliessen müsste – etwa bei Fragen zu biologischen und Cyberrisiken. Anthropic selbst verpflichtet sich vorerst nur zur ersten Stufe.

Altman erklärte auf X, man meine mit «Pacing» kein «Stoppen», und kündigte an, ebenfalls externen Prüfern Zugang zu gewähren. Musk fasste seine Zustimmung mit den Worten «Dario is right» zusammen. Auch aus der Branche kamen differenzierte Stimmen: Google-DeepMind-Mitgründer Demis Hassabis bezeichnete die Richtung als richtig, sah aber noch Klärungsbedarf bei den Details. Microsoft-Chef Satya Nadella unterstützte ein «bedachtes Tempo» und kündigte einen eigenen Verhaltenskodex für KI-Modelle an.

Heftige Marktreaktion

Die Börsen reagierten am Montag rasch und zum Teil heftig. Die Aktie der japanischen Softbank-Gruppe, die rund 13 Prozent an OpenAI hält, verlor zeitweise bis zu 13 Prozent. Der südkoreanische Kospi-Index, in dem zahlreiche Chip- und Speicherhersteller vertreten sind, gab 2,4 Prozent nach, der japanische Nikkei 225 verlor 1,1 Prozent. Die Terminkontrakte auf den technologielastigen Nasdaq 100 deuteten zu Handelsbeginn auf ein Minus von rund 1,2 Prozent hin.

Besonders deutlich traf es Speicherchip-Hersteller: Kioxia verlor mehr als 6 Prozent, SK Hynix gab 4,3 Prozent nach, Samsung Electronics 2,5 Prozent. Der taiwanesische Auftragsfertiger TSMC kam mit einem Minus von 0,8 Prozent glimpflicher davon. In Hongkong verloren die Aktien der chinesischen KI-Start-ups Z.AI und MiniMax 7,4 respektive 6,1 Prozent, wobei bei Z.AI laut Marktbeobachtern zusätzlich eine am Wochenende angekündigte Kapitalerhöhung eine Rolle spielte.

Ein Stratege der Bank of New York Mellon bezeichnete Amodeis Essay als «ultimativen Schock für den Sektor». Zur Einordnung gehört allerdings, dass die betroffenen Indizes zuvor eine sehr starke Rally hinter sich hatten – die chipnahen Börsen Südkoreas und Taiwans lagen seit Jahresbeginn jeweils rund 60 Prozent im Plus. Ein neuer Unsicherheitsfaktor genügt in einer solchen Ausgangslage, um Gewinnmitnahmen auszulösen.

Anthropic zwischen Sicherheitsappell und Börsengang

Die Debatte trifft Anthropic in einer heiklen Phase: Das Unternehmen bereitet einen Börsengang an der Nasdaq vor, der es Berichten zufolge mit 2 Billionen US-Dollar oder mehr bewerten könnte. Laut Financial Times hat Anthropic ausgewählten Investoren mitgeteilt, im laufenden Quartal zum zweiten Mal in Folge ein positives bereinigtes operatives Ergebnis zu erzielen – eine Kennzahl, die unter anderem aktienbasierte Vergütungen ausklammert. Die Bruttomarge liege vor Beteiligungen an Vertriebspartner wie Amazon und vor Trainingskosten bei über 80 Prozent. Der Umsatz sei im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr auf 11,5 Milliarden US-Dollar gestiegen, die annualisierten Erlöse hätten Ende Juli 65 Milliarden US-Dollar erreicht.

Der ursprünglich für vergangene Woche erwartete öffentliche Prospekt wurde offenbar verschoben: Anthropic habe zunächst nur einem kleinen Kreis von Investoren Unterlagen vorgelegt. Ob und wie sich Amodeis Sicherheitsappell auf den Zeitplan des Börsengangs auswirkt, hat das Unternehmen bisher nicht kommuniziert. Altman dagegen hat für OpenAI einen Börsengang im laufenden Jahr bereits ausgeschlossen und dies mit den Sicherheitsbedenken begründet, obwohl das Unternehmen im Juni vertraulich entsprechende Unterlagen eingereicht hatte.

Politische Reaktionen bleiben verhalten

US-Präsident Donald Trump zeigte sich von den Sicherheitsappellen unbeeindruckt und bekräftigte seinen Kurs, den technologischen Vorsprung der USA gegenüber China auszubauen, statt zusätzliche regulatorische Hürden aufzubauen. David Sacks, ehemaliger KI-Berater Trumps und heute Mitvorsitzender von dessen Technologiebeirat, konterte, die Unternehmen bräuchten keine staatliche Erlaubnis, um sich selbst zu bremsen – die Forderung nach einem bevorzugten Regulierungsrahmen als Gegenleistung wirke wie eine Vereinnahmung der Debatte.

Im Kongress mehren sich unterdessen Stimmen für gesetzliche Leitplanken, etwa von Senator Bernie Sanders, der ein Verbot sogenannter superintelligenter KI vorgeschlagen hat. Angesichts der politischen Lage rund zwei Monate vor den Zwischenwahlen gilt eine rasche gesetzgeberische Einigung als unwahrscheinlich.

Einordnung aus der Sicht der Anleger

Analysten sind sich uneinig, wie ernst die Ankündigungen zu nehmen sind. Mark Mahaney von Evercore ISI geht nicht von einer materiellen Verlangsamung bei den US-Anbietern aus und rechnet mit «sehr geringen» Auswirkungen auf das Umsatzwachstum. Gil Luria von DA Davidson verweist darauf, dass grosse, etablierte Anbieter von strengeren Regeln tendenziell profitieren könnten, weil kleinere Wettbewerber die Kosten für Prüfungen und Compliance schwerer stemmen können – zugleich mahnt er, erst konkrete Taten wie eine Verschiebung des Anthropic-Börsengangs oder eine Pause beim Pretraining würden die Ernsthaftigkeit der Ankündigung belegen.

Fest steht: Amodei spricht explizit nicht von einem Entwicklungsstopp, sondern von einer kontrollierteren Abfolge von Fähigkeitssprüngen und Sicherheitsprüfungen. Ob daraus tatsächlich verzögerte Trainingsläufe und sinkende Investitionen in Rechenzentren, Chips und Energie werden – oder ob sich die Debatte vor allem als Stimmungsdämpfer in einem stark gelaufenen Markt erweist, dürfte sich erst an harten Daten zeigen: an Kapitalausgaben-Prognosen, Bestellungen für Grafikprozessoren und Speicherchips sowie an den tatsächlichen Release-Zyklen der nächsten Modellgenerationen.

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