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OpenAI gegen Anthropic: Wer ist die teurere KI-Wette?

Wie sehen die IPO-Projekte genau aus, die Anthropic und OpenAI derzeit durch die Medien bekanntgeben (Bild/AI-Collage: IT/Adobe Stocks)
Wie sehen die IPO-Projekte genau aus, die Anthropic und OpenAI derzeit durch die Medien bekanntgeben (Bild/AI-Collage: IT/Adobe Stocks)

OpenAI will frisches Kapital zu einer Bewertung von rund 1,4 Billionen US-Dollar aufnehmen, Anthropic peilt beim Börsengang über 2 Billionen US-Dollar an. Wer ist teurer? Die zuletzt berichteten Umsatz-Run-Rates liegen nahe beieinander, beziehen sich aber auf unterschiedliche Stichtage – das macht den Vergleich heikler, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

01.10.2026, 06:51 Uhr
Asset Management | Finanzplätze

Redaktion: asc

OpenAI strebt laut Bloomberg eine Finanzierungsrunde von mindestens 30 Milliarden US-Dollar an, bewertet mit rund 1,4 Billionen US-Dollar vor dem neuen Geld. Die Gespräche sind in einem frühen Stadium, die Konditionen können sich noch ändern. Die Runde soll als Brückenfinanzierung dienen, nachdem CEO Sam Altman einen Börsengang im laufenden Jahr ausgeschlossen hat. Gelingt sie, zieht OpenAI bei der privaten Bewertung wieder an Anthropic vorbei, das im Mai mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet wurde.

Anthropic seinerseits hat im Juni vertraulich einen Börsenprospekt bei der SEC eingereicht. Laut Reuters, die den Entwurf eingesehen hat, könnte der Börsengang Anthropic mit über 2 Billionen US-Dollar bewerten – mehr als das Doppelte der letzten privaten Runde.

Die Zahlen im Überblick

Kennzahl

OpenAI

Anthropic

Letzte abgeschlossene Runde

852 Mrd. USD post-money (März 2026, 122 Mrd. USD Kapital)

965 Mrd. USD post-money (Serie H, Mai 2026)

Aktuelles Bewertungsziel

rund 1,4 Bio. USD pre-money (Bridge-Runde, in Verhandlung)

über 2 Bio. USD (möglicher Börsengang, laut Reuters)

Geplante Kapitalaufnahme

mindestens 30 Mrd. USD

bis zu 100 Mrd. USD (Medienberichte)

Umsatz-Run-Rate

knapp 70 Mrd. USD (Ende September, laut Axios)

über 65 Mrd. USD (Ende Juli)

Verbuchter Umsatz 2025

nicht publiziert

knapp 4,6 Mrd. USD

Börsenpläne

vertraulich eingereicht im Juni; Kotierung frühestens 2027

Nasdaq; Kotierung laut Reuters wohl nach den US-Zwischenwahlen im November

Die Angaben stammen aus Unternehmensmitteilungen und Medienberichten. Die aktuellen Finanzierungs- und IPO-Ziele sind nicht bestätigt. Die Run-Rate annualisiert ein aktuelles Umsatzniveau; sie ist kein tatsächlich erzielter Jahresumsatz

Multiples: Das Bild hat sich gedreht

Bezogen auf die im August von Bloomberg berichtete Run-Rate von «über 40 Milliarden US-Dollar» entspräche die heute angestrebte Bewertung einem Multiple von knapp 35. Am Dienstag meldete Axios jedoch, die Run-Rate liege inzwischen bei knapp 70 Milliarden US-Dollar – ein Plus von über 70 Prozent seit Beginn des dritten Quartals. Das Geschäftskundensegment habe sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt.

Bewertung / Run-Rate

Multiple

Anthropic, Serie H: 965 Mrd. / 47 Mrd. USD (Mai)

rund 20-fach

OpenAI, Zielbewertung: 1'400 Mrd. / knapp 70 Mrd. USD

rund 20-fach

Anthropic, 965 Mrd. / 65 Mrd. USD (Ende Juli)

rund 15-fach

Anthropic, IPO-Ziel: 2'000 Mrd. / 65 Mrd. USD

rund 31-fach

Damit verlangt OpenAI für seine Brückenrunde ungefähr dasselbe Multiple, das Anthropic im Mai erzielt hat. Gemessen an den jüngsten bekannten Run-Rates ist Anthropic privat mit rund 15-fach allerdings günstiger bewertet. Die eigentliche Prämie steckt im Anthropic-Börsengang: Wer zu 2 Billionen US-Dollar zeichnet, zahlt auf Basis der Juli-Run-Rate rund das 31-Fache.

Zwei Einschränkungen gelten für alle Werte. Die OpenAI-Zahl ist eine Pre-money-Bewertung; mit 30 Milliarden US-Dollar neuem Kapital läge sie bei rund 1,43 Billionen und dem 20,4-Fachen. Zudem stammen die Umsatzzahlen von unterschiedlichen Stichtagen, die Anthropic-Zahl ist zwei Monate alt.

Noch im April hatte ein Investor, der an beiden Firmen beteiligt ist, gegenüber der «Financial Times» erklärt, die OpenAI-Runde zu 852 Milliarden US-Dollar lasse sich nur mit einer späteren IPO-Bewertung von mindestens 1,2 Billionen US-Dollar rechtfertigen. Genau in diese Region zielt die neue Runde nun.

Die Run-Rate ist keine Erfolgsrechnung

Wie gross die Lücke zwischen Run-Rate und tatsächlichem Umsatz sein kann, zeigt der Anthropic-Prospekt. Der verbuchte Umsatz stieg 2025 zwar um das Zwölffache, betrug aber erst knapp 4,6 Milliarden US-Dollar. Die Run-Rate zum Jahresende lag bei rund 9 Milliarden US-Dollar.

Der Nettoverlust 2025 belief sich laut Reuters auf rund 42 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen allerdings etwa 34 Milliarden auf eine nicht liquiditätswirksame Buchung: die Höherbewertung von Finanzierungsinstrumenten, die später in Aktien gewandelt werden können. Operativ verlor Anthropic gut 8 Milliarden US-Dollar. Ende 2025 verfügte das Unternehmen über liquide Mittel und kurzfristige Anlagen von 20,28 Milliarden US-Dollar.

Schwerer wiegen die Verpflichtungen: Über die nächsten zehn Jahre will Anthropic mit sechs Partnern mindestens 518 Milliarden US-Dollar für Rechenleistung und Infrastruktur aufwenden. Rund 80 Prozent davon sind laut Reuters nicht kündbar oder unabhängig von der Nutzung zu bezahlen. Die grössten Posten sind Broadcom-bezogene Leasingverträge (161,2 Milliarden US-Dollar), Google (111,1 Milliarden) und Amazon (110 Milliarden). Hinzu kommen Klumpenrisiken. 47 Prozent des Umsatzes liefen 2025 über Amazon und Google, nach 32 Prozent im Vorjahr – beide sind zugleich Investoren, Lieferanten und Konkurrenten. Fast ein Viertel des Umsatzes 2025 stammte von zwei Kunden, und viele Grosskunden sind nicht langfristig gebunden.

Bei OpenAI fehlt eine vergleichbare Offenlegung. Auch Axios räumt ein, keinen Einblick in die Kostenbasis zu haben. Die Wachstumszahlen beider Häuser lassen sich also vergleichen – ihre Profitabilität vorerst nicht.

Zwei Wege an den Kapitalmarkt

OpenAI wählt den privaten Weg. Die 852-Milliarden-Runde vom März galt eigentlich als letzte vor dem Börsengang. Nun begründet Altman den Aufschub mit Sicherheitsfragen: Das Unternehmen wolle sich auf ein «neues Niveau» der KI-Fähigkeiten einstellen, ohne den Druck einer frisch kotierten Gesellschaft. Diese Woche hielt OpenAI sein neuestes Modell GPT-6.1 Astra zurück, weil es die internen Sicherheitsstandards nicht erfüllte.

Anthropic geht den umgekehrten Weg. Frühere Berichte nannten Mitte Oktober als Start der Vermarktung; laut der jüngsten Reuters-Meldung dürfte die Kotierung eher nach den US-Zwischenwahlen im November erfolgen. Am Prognosemarkt Kalshi rechnen Händler mit über 60 Prozent Wahrscheinlichkeit damit, dass der Börsengang noch vor Dezember angekündigt wird. Das Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar würde den bisherigen Rekord von SpaceX übertreffen. Dessen Börsengang im Juni bewertete das Unternehmen mit 1,77 Billionen US-Dollar. Die Aktie stieg am ersten Handelstag um 19 Prozent auf 160 US-Dollar und notiert inzwischen bei rund 147 US-Dollar – noch über dem Ausgabepreis von 135 US-Dollar.

Für den Sektor hat die Reihenfolge Gewicht. Analysten erwarten, dass das erste kotierte reine KI-Labor den Bewertungsmassstab für die ganze Branche setzt. Gelingt Anthropic eine Platzierung über 2 Billionen US-Dollar, erhält OpenAI einen öffentlichen Referenzpunkt für die eigene Kotierung 2027. Scheitert die Emission oder handelt die Aktie schwach, dürfte das auch die OpenAI-Runde belasten.

Was das für Investoren bedeutet

Für Anleger ausserhalb der Finanzierungsrunden bleibt der Zugang beschränkt. Anthropic lässt derzeit keine direkten Aktienübertragungen zu; eine Beteiligung wird realistischerweise erst mit dem Börsengang möglich. Bis dahin dienen kotierte Partner als indirektes Exposure. Microsoft verbuchte im Geschäftsjahr 2026 aus den Vereinbarungen mit OpenAI 24,1 Milliarden US-Dollar Umsatz. Die Oracle-Aktie legte nach der Axios-Meldung zu. Amazon und Alphabet sind strategische Partner von Anthropic.

Wer beim Anthropic-IPO zeichnen will, sollte zwei Muster kennen. Studien zeigen, dass Neuemissionen über mehrere Jahre im Schnitt hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben; gemessen wird dabei meist ab dem ersten Schlusskurs, nicht ab dem Ausgabepreis. Zudem halten Frühinvestoren und Mitarbeitende grosse Beteiligungen, die nach Ablauf der Sperrfristen auf den Markt kommen können.

Gemessen an den jüngsten berichteten Run-Rates ist Anthropic privat günstiger bewertet (rund 15-fach) als OpenAI mit seiner Zielbewertung (rund 20-fach). Beim angestrebten Börsengang wäre Anthropic mit rund 31-fach dagegen deutlich teurer. Diese Rechnung beruht auf unterschiedlichen Stichtagen und unbestätigten Zielwerten. Belastbar wird der Vergleich erst mit geprüften Zahlen – bei Anthropic mit dem öffentlichen Prospekt, bei OpenAI mit einer späteren Registrierung.

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