Ethik als zentraler Lerninhalt der CFA-Ausbildung

Anne-Katrin Scherer, CFA, Geschäftsführerin der Swiss CFA Society
Anne-Katrin Scherer, CFA, Geschäftsführerin der Swiss CFA Society

2011 haben weltweit 39% der Absolventen die erste Prüfungsstufe des anspruchsvollen Programms zum Chartered Financial Analyst (CFA) bestanden. Gerade in Zeiten, in denen sich das Vertrauen in die Finanzbranche auf einem Tiefpunkt befindet, ist die Vermittlung von professionellen Standards zentral. Entsprechende Vorgaben werden vom CFA Institute definiert.

06.02.2012, 11:13 Uhr

Redaktion: anw

Die Finanzbranche hat über die letzten Jahre an ihrem wichtigsten Gut eingebüsst – dem Vertrauen der Anleger. Börsenblasen, Bonusexzesse und Fälle von Milliardenspekulationen setzten der Industrie zu. Das Institut Media Tenor kommt in einer Medienanalyse zum Schluss, dass das Vertrauen gegenüber Banken derzeit auf einem Tiefstand ist. Gemäss der Studie erlitt die Branche seit 2003 einen nachhaltigen Reputationsverlust. Im Jahr 2011 war gar jeder zweite Medienbericht negativ gegenüber Banken.

Um das Vertrauen in die Branche wieder zurückzugewinnen, ist die fundierte Ausbildung der Finanzspezialisten entscheidend. Das CFA Institute setzt diesbezüglich im renommierten CFA-Programm nicht nur auf die Vermittlung von finanztechnischen Fachwissen, sondern lehrt und prüft auch ethische Standards und professionelle Verhalten. „Mit bis zu 15% ist der Ethikanteil an den Prüfungen heute höher denn je“, sagt Anne-Katrin Scherer, CFA, Geschäftsführerin der Swiss CFA Society. Die stetig steigende Anzahl Kandidaten zeige weiter die Akzeptanz des CFA-Programms mit diesen Lerninhalten: Mit 97‘448 Personen weltweit nahmen 2011 so viele Kandidaten wie noch nie am Examen der ersten Ausbildungsstufe teil. 39% der Teilnehmer bestanden die Prüfung.

Strenge Verhaltensvorschriften
Um die Reputation und Qualität der Finanzbranche hochzuhalten und zu pflegen, bietet das CFA Institute nicht nur Ausbildungsprogramme an, sondern hat als Berufsverband auch strenge Verhaltensvorschriften eingeführt, die konsequent durchgesetzt werden. Ausserdem kann sich jedermann über Mitglieder des CFA Instituts oder Kandidaten von CFA-Bildungsprogrammen online beschweren.

Wer die Standesregeln missachtet, die im CFA Institute Standards of Professional Conduct definiert sind, muss seit einigen Jahren verstärkt mit dem Verlust seines CFA-Titels und entsprechenden Reputationsschäden rechnen. So sprang die Zahl der vom CFA Institute untersuchten Fälle seit der Krise 2008 von rund 200 auf mehr als 300 pro Jahr an.

Industriestandard für die Finanzindustrie
Der CFA-Kodex definiert die grundlegenden Verhaltensaspekte für die Verbandsmitglieder. „Sie gelten inzwischen als Industriestandards und werden oft auch von anderen Institutionen übernommen. Sie schaffen für Finanzinstitute sowohl intern gegenüber den Arbeitnehmern wie auch extern gegenüber den Kunden und Partner eine klare, vertrauensbildende Basis. Kernpunkte des Verhaltenskodex sind die Einhaltung von Insidernormen, die Loyalität gegenüber Kunden und Angestellten sowie die Offenlegung von möglichen Interessenkonflikten“, erklärt Scherer.

So ist es CFA-Mitgliedern oder -Kandidaten nicht erlaubt, nicht-öffentliche Informationen für sich oder andere zu nutzen, welche den Wert eines Investments beeinflussen könnten. Wenn nämlich der Eindruck entsteht, dass Personen in speziellen Positionen unfairerweise Vorteile aus ihrem Insiderwissen ziehen, würde die breite Anlegerschaft den Kapitalmärkten das Vertrauen entziehen.

Offenlegung von Interessenkonflikten
Die CFA-Standards schreiben ihren Mitgliedern zudem Loyalität gegenüber ihren Kunden vor. Sie müssen mit der gebotenen Sorgfalt und gesundem Menschenverstand zum Vorteil ihrer Kunden handeln und die eigenen Interessen sowie diejenigen ihres Unternehmens hintenanstellen. Die CFA-Regeln bestimmen ferner, dass die Standesmitglieder Interessenkonflikte, die ihre Unabhängigkeit und Objektivität beinträchtigen und im Widerspruch zu den Kundeninteressen stehen könnten, klar offenlegen.

Indem die CFA-Normen bestimmen, dass die Eigeninteressen eines Unternehmens oder deren Beschäftigten hinter diejenigen der Kunden und der Finanzmärkte zu stellen sind, kann sich sogar ergeben, dass ein Angestellter gegen die Interessen seines Arbeitgeber handeln darf. Klar darf dabei kein höherstehendes Gesetz wie das Bankengesetz gebrochen werden.

Die klare Definition und strikte Einhaltung von Verhaltensvorschriften ist die beste Medizin, um sich vor Vertrauensverlust zu schützen. Für die Finanzindustrie bieten die CFA Institute Standards of Professional Conduct eine bewährte Grundlage. Doch ist oft nicht Genüge getan, wenn Gesetze und andere schriftliche Regeln eingehalten werden. Wichtiger noch sind ein gesunder Menschenverstand, ein intaktes moralisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit, individuelle und situative Interessenkonflikte zu erkennen und zu vermeiden.

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