15.05.2026, 07:47 Uhr
Sieben Aktien dominierten jahrelang Index und Erzählung. Jetzt streuen die Erträge im Rekordtempo, die Korrelationen brechen ein, und neue Themenkörbe rücken in den Vordergrund. Eine Einordnung von Jeff Blazek,...
Dreissigjährige US-Treasuries durchbrechen erstmals seit 2007 die 5-Prozent-Marke, japanische Langläufer markieren Rekordstände, und auch die Bundrenditen ziehen kräftig an. Der Iran-Krieg und die Blockade der Strasse von Hormus haben einen globalen Anleihen-Ausverkauf ausgelöst, der nicht zuletzt auch institutionelle Anleger vor neue Asset-Allocation-Fragen stellt.
Die globalen Anleihenmärkte erleben einen der heftigsten Renditeschübe seit Jahren. Auslöser ist die Kombination aus geopolitischem Schock, Inflationsangst und wachsender Skepsis gegenüber der fiskalischen Disziplin der G7-Staaten. Der Brent-Rohölpreis notiert bei über 111 Dollar pro Fass. Das ist ein Plus von fast 8 Prozent allein in der Vorwoche. Die G7-Finanzminister haben das Thema heute und morgen in Paris auf ihrer Agenda, auch wenn unklar bleibt, mit welchen Instrumenten sie überhaupt gegensteuern könnten.
Der dreissigjährige US-Treasury-Yield hat die psychologisch wichtige Schwelle von 5 Prozent erstmals seit fast 19 Jahren durchbrochen. Die zehnjährigen Treasuries rentieren bei 4,53 Prozent – dem höchsten Stand seit elf Monaten. Bemerkenswert ist der Stimmungsumschwung an den Terminmärkten: Händler preisen inzwischen eine Fed-Zinserhöhung bis März 2027 als Basisszenario ein. Noch im Februar waren zwei Zinssenkungen für 2026 erwartet worden – ein kompletter Kurswechsel innerhalb weniger Wochen.
Marktstratege Ed Yardeni warnt, die Federal Reserve müsse ihre «Easing-Bias» aufgeben, sonst drohe sie die Kontrolle über die Refinanzierungskosten zu verlieren. Der Hintergrund: Die US-Inflation hat sich im April auf den höchsten Stand seit fast drei Jahren beschleunigt. Frederic Neumann, Chefökonom bei HSBC, bringt es auf den Punkt: «Inflation worries have gripped global bond markets. With little prospect of a quick restoration of Gulf energy flows, inflation across the world is set to push higher.»
Besonders heikel ist die Lage in Japan. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen (JGBs) ist auf den höchsten Stand seit 1997 gestiegen und überschritt zeitweise 2,6 Prozent. Zwanzigjährige Anleihen markierten Rekordhochs, dreissigjährige sprangen auf das höchste Niveau seit ihrer Emission 1999, und vierzigjährige JGBs durchbrachen die Marke von 4 Prozent. Die Terminmärkte preisen eine Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent ein, dass die Bank of Japan im Juni die Zinsen anhebt. NTT Finance hat eine geplante Yen-Anleihe bereits auf Juni verschoben.
Hier liegt aus Sicht vieler Strategen das grösste systemische Risiko des aktuellen Selloffs. Eine ungeordnete Auflösung des globalen Yen-Carry-Trades – ausgelöst durch zu aggressive Massnahmen der BoJ – könnte Schockwellen durch sämtliche Anlageklassen senden. Das ausstehende JGB-Volumen zählt zu den grössten der Welt, die Renditen waren über Jahrzehnte historisch tief: Das Umschichtungspotenzial ist entsprechend gross.
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist auf 3,1 Prozent geklettert, ein Plus von 10 Basispunkten innerhalb einer Woche. Der Implied Yield für G7-Staatsanleihen mit Laufzeit über zehn Jahre liegt bei über 4,6 Prozent – dem höchsten Stand seit 2004. Grosse Bond-Indizes haben gegenüber ihren Hochpunkten vor einem Jahrzehnt fast die Hälfte ihres Wertes eingebüsst.
In Grossbritannien kommt politischer Druck hinzu: Britische Gilts gerieten unter Verkaufsdruck, nachdem Arbeitsminister Wes Streeting eine mögliche Labour-Führungskandidatur signalisierte und sich auch Manchesters Bürgermeister Andy Burnham positionierte. Beide Namen werden mit einer expansiveren Fiskalpolitik in Verbindung gebracht. Das Pfund schwächte sich entsprechend ab – eine bekannte Reflexreaktion der Märkte auf britische Fiskalsorgen.
Die Schweiz spielt in diesem Umfeld eine Sonderrolle. Die Schweizerische Nationalbank hält den Leitzins seit ihrer letzten Senkung im Juni 2025 unverändert bei 0 Prozent. Dank der weniger energieintensiven Wirtschaft erwartet die SNB keinen grossen Inflationsschub – ihre Inflationsprognose für 2026 liegt bei 0,5 Prozent. Die Analysten von Raiffeisen sehen weder Bedarf für Zinserhöhungen, noch für eine Rückkehr in den negativen Bereich.
Immun ist die Schweiz dennoch nicht. Der Swiss Bond Index (SBI) hat seit Beginn des Nahost-Konflikts zwischen 1,2 und 2,8 Prozent nachgegeben und notiert seit Januar im Minus. Bei einer Duration von 7,13 reagieren Schweizer Obligationen besonders sensibel auf Zinsveränderungen am langen Ende.
Für institutionelle Anleger in der Schweiz stellt sich ein klassisches Dilemma. Höhere Renditen bedeuten zwar attraktivere Einstiegsniveaus für Neuanlagen – aber im Bestand summieren sich die Buchverluste. Die zu Jahresbeginn formulierten Ausblicke, wonach Anleihen aus einer «Position der Stärke» in das Jahr 2026 gehen, müssen angesichts der Ereignisse neu bewertet werden.
Drei Fragen drängen sich auf:
Erstens: Duration. Wer sein Portfolio im Vertrauen auf sinkende Zinsen ausgebaut hat, sieht sich nun mit dem Gegenteil konfrontiert. Eine Verkürzung der Duration kann Buchverluste begrenzen, schliesst aber attraktive Renditen am langen Ende aus, falls sich die Lage stabilisiert.
Zweitens: Inflationsschutz. TIPS in den USA und CHF-Linker bieten Absicherung gegen anhaltend höhere Teuerung. Das Angebot im Schweizer Markt ist allerdings begrenzt, was eine breitere Implementierung erschwert.
Drittens: Asset-Allocation. Wenn zehnjährige Treasuries über 4,5 Prozent und dreissigjährige über 5 Prozent rentieren, verändert sich das Kalkül gegenüber Aktien fundamental – insbesondere für Vorsorgeeinrichtungen mit hoher Rentnerlastigkeit und entsprechendem Cashflow-Bedarf.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Märkte einen neuen Gleichgewichtspunkt finden oder ob sich der Selloff fortsetzt. Entscheidend dürften vier Faktoren sein: die Entwicklung in Hormus, die Kommunikation der Fed, das Vorgehen der BoJ und die Signale aus Paris. Eine Eskalation am Golf mit Brent über 120 Dollar würde den Renditedruck weiter verschärfen, eine Deeskalation unter 90 Dollar könnte den Bondmärkten Luft verschaffen. Ein klares Tightening-Signal der Fed würde die Inflationserwartungen dämpfen – ein zögerliches Verharren könnte hingegen weiteren Glaubwürdigkeitsverlust und damit höhere Risikoprämien bedeuten.