12.01.2026, 13:47 Uhr
Schweizer Pensionskassen haben 2025 trotz turbulenter Märkte eine solide durchschnittliche Rendite von 5,4 Prozent nach Gebühren erzielt. Über den gesamten Beobachtungszeitraum seit 2006 resultiert eine...
Pictet und SDX zeigen am Basler Fondsforum, wie Tokenisierung und Fraktionalisierung das Fondsgeschäft umkrempeln könnte – und warum der klassische Investmentfonds ausgedient haben könnte. Dabei geht es auch um die Frage, welche Rolle klassische Fondsanbieter in einer Finanzmarktinfrastruktur der Zukunft spielen.
«Wir verkaufen immer noch Alben, während Spotify die Musikindustrie längst revolutioniert hat.» Mit diesem Vergleich bringt Olivier Monti, Senior Investment Manager bei Pictet Asset Management, die Situation der Fondsindustrie auf den Punkt. O livier Monti präsentierte am 25. Basler Fondsforum gemeinsam mit Carlo Mondani, Head of Sales and Commercial Management bei SDX, ein Pilotprojekt, das einen Meilenstein für die Schweizer Finanzindustrie darstellt: die erste Fraktionalisierung von Wertpapieren auf einer regulierten Blockchain-basierten Finanzmarktinfrastruktur. «Es geht nicht darum, Tokenisierung um der Tokenisierung willen zu betreiben», betont Mondani. «Wir müssen verstehen, was wir nach der Tokenisierung erreichen können – welche Effizienzgewinne möglich sind.»
Das Projekt demonstrierte, wie traditionelle Unternehmensanleihen – eine auf Schweizer Franken lautende Anleihe der Crédit Agricole über 200'000 Schweizer Franken und eine Euro-Anleihe über 100'000 Euro – tokenisiert und anschliessend fraktionalisiert werden konnten. Die Fraktionen wurden dann in unterschiedlichen Anteilen (25 Prozent und 75 Prozent) auf zwei Kundenportfolios verteilt – eine Operation, die im traditionellen System schlicht nicht durchführbar wäre.
«Wir haben bewusst keine nativ digitalen Assets genommen, sondern traditionelle Wertpapiere», erklärt Mondani. Die Anleihen wurden über die SIX SIS verwahrt und dann auf die SDX-Plattform transferiert, wo die Tokenisierung und Fraktionalisierung erfolgte. Bemerkenswert: Eines der Assets stammte ursprünglich von Clearstream aus Europa und wurde über die bestehende Brücke zwischen den traditionellen und digitalen Infrastrukturen transferiert.
Montis Vision für die Zukunft der Fondsindustrie ist nach diesen Erfahrungen radikal: «Wenn wir recht haben, bedeutet das, dass die Wrapper selbst – die Investmentfonds – nicht mehr benötigt werden.» Der Gedanke dahinter: Anstatt einen Fondsanteil zu kaufen, der einen Bruchteil eines für alle Anleger identischen Portfolios repräsentiert, könnten Anleger künftig direkt fraktionalisierte Wertpapiere in ihren digitalen Wallets halten – angepasst an ihre individuellen Präferenzen.
Als Beispiel nennt Monti den erfolgreichen Premium Brand Fund von Pictet, der zeitweise alkoholbezogene Aktien hält. «Unter ESG-Gesichtspunkten gibt es in der Finanzgemeinschaft eine grosse Debatte, ob solche Aktien zulässig sein sollten. Viele unserer Kunden teilen unsere Definition nicht.» Die Lösung bisher: Entweder akzeptiert der Kunde die Zusammensetzung oder er investiert nicht. Mit dem neuen Modell könnten solche Positionen, die typischerweise 2 bis 4 Prozent des Fonds ausmachen, einfach ausgeschlossen und der Rest des Portfolios direkt ins Wallet des Kunden geliefert werden. «Wir verwalten keine Fonds mehr», fasst Monti zusammen. «Wir verwalten nur noch Referenzstrategien, in die wir unser geistiges Eigentum einbringen – der Rest ist vollständig automatisiert.»
Das Pilotprojekt war aufwendig: Rund 60 Personen von Pictet Asset Management, der Pictet-Bank und SDX arbeiteten acht Monate lang, um eine Operation zu ermöglichen, die letztlich nur eine Woche dauerte. «Die eigentliche Tokenisierung dauerte Minuten», so Mondani, «aber dahinter stand eine enorme Vorarbeit.» Für 2026 planen Pictet und SDX den nächsten Schritt: ein Minimum Viable Product in Form eines anpassbaren Schweizer Unternehmensanleihen-Portfolios mit 200 bis 300 Positionen von etwa 50 Emittenten. Anleger sollen dabei selbst bestimmen können, bis zu welchem Kreditrating sie investieren möchten und welche ESG-Einschränkungen gelten sollen.
Einen anderen, aber komplementären Ansatz präsentierte Riccardo Conti, CEO und Mitgründer von Fume, einer Plattform für On-Chain-Fondsadministration. Sein Fokus: die Programmierbarkeit von Stablecoins zur Automatisierung der Fondsverwaltung.
«Tokenisierung per se bringt keinen Vorteil», betont Conti. «Der Nutzen liegt darin, was man damit macht – ob man zusätzliche Liquidität schafft oder Effizienz ins System bringt.»
Conti unterscheidet zwischen zwei Ansätzen: dem traditionellen Modell mit getrennten Schichten für Geldtransfer und Datenführung – und dem On-Chain-Modell, bei dem beide Funktionen auf derselben Ebene operieren. Bei letzterem triggert eine Stablecoin-Einzahlung automatisch via Smart Contract die Ausgabe tokenisierter Fondsanteile.
Als Praxisbeispiel präsentierte Conti einen Luxemburger Alternative Investment Fund für Schweizer Anlageberater, der seit Ende 2023 komplett on-chain operiert. 27 Investoren nutzen USDC-Stablecoins für Einzahlungen, sämtliche Management- und Performance-Gebühren sowie Ein- und Austrittsgebühren werden automatisch on-chain abgewickelt. Das Ergebnis: Effizienzgewinne von über 90% bei der Transaktionsabwicklung.
«Stablecoins bewegen Geld besser – sie sind effizienter, rund um die Uhr verfügbar und global transparent», so Conti. Das Transaktionsvolumen von Stablecoins habe im vergangenen Jahr bereits jenes von Visa und Mastercard zusammen übertroffen. Mit der MiCA-Regulierung in Europa und dem Genius Act in den USA werde der regulatorische Rahmen zunehmend klarer.
Kim Beuttler, Digital Products and Solutions Manager bei DWS, lieferte eine nüchterne Bestandsaufnahme aus Sicht eines globalen Vermögensverwalters. Die DWS hat vor zwei Jahren ein dediziertes Digital-Asset-Team aufgebaut und arbeitet unter anderem am Stablecoin-Joint-Venture Allunity.
«Die Effizienzgewinne sind im ersten Schritt relativ gering», räumt Beuttler ein. «Von Kostensenkungen können wir noch nicht sprechen. Dafür müsste die gesamte Wertschöpfungskette auf der Blockchain stattfinden.»
Beuttler verortet die Branche in einer Übergangsphase: Die Marktkapitalisierung tokenisierter Assets auf öffentlichen Blockchains liegt weltweit bei etwa 30 bis 40 Milliarden Dollar – weit entfernt von der «tokenisierten Ökonomie», die manche prognostizieren. Bei Stablecoins sehe es mit über 300 Milliarden Dollar bereits anders aus. Das Haupthindernis sei das «Kaltstart-Problem»: «Jeder wartet auf jeden. Als Asset Manager bin ich auf Service Provider angewiesen, die Token-ready sind. Die Service Provider wiederum warten auf Nachfrage von Emittenten und Investoren.»
Dennoch sieht Beuttler konkrete Anwendungsfälle, besonders für tokenisierte Geldmarktfonds. Da Stablecoins unter der europäischen MiCA-Regulierung keine Zinsen ausschütten dürfen, könnten Anleger zwischen Stablecoins und renditetragenden tokenisierten Geldmarktfonds wechseln – alles innerhalb des Blockchain-Ökosystems.
McKinsey schätzt das tokenisierte Gesamtmarktvolumen bis 2030 auf 2 Billionen Dollar, wobei Investmentfonds und ETFs den grössten Anteil ausmachen dürften.
Carlo Mondani verwies auf zwei bedeutende Ankündigungen aus den USA vom Dezember 2025: Der DTCC – der US-Zentralverwahrer mit über 100 Billionen Dollar an Assets, mehr als 25 Mal das Schweizer Gesamtvolumen – hat beschlossen, sein gesamtes Angebot zu tokenisieren. Gleichzeitig plant Nasdaq die Ausweitung der Handelszeiten auf 23,5 Stunden täglich bis 2035. «Die Botschaft ist klar», so Mondani. «Sie wollen nicht um der Tokenisierung willen tokenisieren, sondern diese Assets unter einem komplett neuen Tech-Stack leicht zugänglich machen – zum Nutzen der Finanzindustrie.»
Besonders relevant für die Stablecoin-Welt: Der DTCC verwahrt auch einen grossen Teil der US-Staatsanleihen, die als Unterlegung für Stablecoins dienen. Wenn diese Assets auf der Blockchain verfügbar und atomar abwickelbar werden, könnten Stablecoin-Emittenten im Bedarfsfall direkt am Markt verkaufen und innerhalb von Sekunden Liquidität erhalten – ein erheblicher Risikopuffer.
Evolution heute, Revolution morgen
Das 25. Basler Fondsforum zeigte eine Branche im Umbruch. Die technologischen Grundlagen sind gelegt, die regulatorischen Rahmenbedingungen – zumindest in der Schweiz – stimmen. Doch wie Olivier Monti mit seiner Spotify-Analogie verdeutlichte: Die Musikindustrie versuchte zunächst auch nur, CDs durch MP3-Downloads zu ersetzen – dasselbe Produkt im neuen Format. Der eigentliche Durchbruch kam erst mit einem völlig neuen Geschäftsmodell. Stellt sich die Frage nach der Regulierung – auch im Hinblick auf die starke Konkurrenz aus den USA, die in den vergangenen Monaten sichtbar geworden ist. Die Schweiz hat sich mit dem DLT-Gesetz von 2021 einen Vorsprung erarbeitet. Doch während Pictet, SDX und andere Pioniere die Möglichkeiten ausloten, hinkt Europa insgesamt hinterher.