07.07.2026, 10:40 Uhr
Anleihen sind nach der Zinswende wieder ein zentraler Baustein vieler Portfolios. Alain Barthel, Head of Sales Switzerland bei Eurizon erläutert im Interview, warum neben klassischen Fixed-Income-Anlagen insbesondere...
Die Berichtssaison trifft auf ein Kreditmarktumfeld voller Widersprüche: Die Gewinnerwartungen sind auf Mehrjahreshochs – doch die Spreads sind eng. Der Anleihenmarkt reagiert zunehmend sensibel auf geopolitische Überraschungen. Eine Standortbestimmung aus drei Perspektiven.
Noch bevor die ersten Quartalszahlen veröffentlicht wurden, hatte der Markt seine Erwartungen bereits kräftig nach oben geschraubt. Laut einer Analyse von PIMCO-Stratege Lotfi Karoui haben Analysten ihre Prognosen für das aggregierte EBITDA-Wachstum bei auf US-Dollar lautenden Investment-Grade-Unternehmensanleihen seit Ende Januar vervierfacht – von rund 5 Prozent auf über 20 Prozent per Ende Juni 2026. Gleichzeitig liegen die erwarteten EBITDA-Margen mit 24 Prozent klar über dem Zehnjahresmedian von 21 Prozent.
Auch im High-Yield-Segment sind die Schätzungen deutlich gestiegen: von knapp 4 Prozent auf über 14 Prozent EBITDA-Wachstum im laufenden Jahr. Die Margen blieben dabei stabil – was PIMCO als Beleg für die anhaltende Resilienz der US-Wirtschaft wertet, trotz Anzeichen einer zunehmend K-förmigen wirtschaftlichen Divergenz.
Das Problem: Je höher die Latte hängt, desto grösser das Enttäuschungspotenzial. Die Berichtssaison wird nun zeigen, ob dieser Optimismus fundamental gerechtfertigt ist.
Ein zentrales strukturelles Thema – sowohl für Unternehmensgewinne als auch für die Kreditvergabe – sind die Investitionen der fünf grossen KI-Hyperscaler: Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle. Laut PIMCO machten diese Unternehmen 2025 bereits rund ein Drittel der gesamten Investitionsausgaben im USD-IG-Segment aus. Bis 2027 soll dieser Anteil auf 54 Prozent steigen – bei einem Gesamtvolumen von 915 Milliarden US-Dollar.
Damit hängt der gesamte erwartete Anstieg der Unternehmensinvestitionen im USD-IG-Bereich gegenüber 2025 an eben diesen fünf Titeln. Ihr Gewinnbeitrag erscheint in der EBITDA-Betrachtung jedoch nicht direkt: Die Ausgaben werden aktiviert, nicht als Aufwand verbucht. Die Umsätze hingegen kommen den sogenannten «Pick-and-Shovel»-Anbietern des KI-Ökosystems zugute – Halbleiterherstellern, Rechenzentren, Netzwerkausrüstern. Da die Investitionspläne für 2026 weitgehend feststehen, werden Analysten bei den Hyperscaler-Ergebnissen vor allem auf die Guidance ab 2027 achten.
Am deutlichsten formuliert es Jim Cramer auf CNBC: «If the data center is the most important piece of this economy…then Nvidia is at the heart of the data center.» Nvidia, so Cramer, brauche für eine weitere Kursavance ein «perfect quarter» – die Erwartungen seien nach dem massiven Kursanstieg entsprechend hochgeschraubt.
Vor dem Hintergrund der Berichtssaison warnt DWS CIO Vincenzo Vedda in einem aktuellen Spezial vor einem strukturellen Paradox im High-Yield-Markt: Die absolute Renditeattraktion ist zurück – bei 6 bis 7 Prozent liegen die Yields deutlich über dem Niveau der Nullzinsphase. «Carry is back» ist die richtige Diagnose. Doch die Kehrseite ist, dass die Risikoaufschläge (Spreads) gegenüber Staatsanleihen inzwischen wieder auf historisch engen Niveaus notieren.
Das verändert das Risikoprofil fundamental. Früher konnten Anleger sowohl vom laufenden Ertrag als auch von einengenden Spreads profitieren. Heute liefern primär die Zinskupons den Ertrag – zusätzliche Kursgewinne aus weiter sinkenden Spreads sind bei diesem Ausgangsniveau unwahrscheinlich. Gleichzeitig ist der Puffer gegen negative Überraschungen minimal. Unerwartete Ereignisse schlagen sich im aktuellen Umfeld schneller in Kursverlusten nieder als in früheren Phasen des Kreditzyklus.
«Im aktuellen Umfeld stellt sich daher weniger die Frage, ob High Yield Erträge liefern kann, sondern wie stabil diese Erträge sind», schreibt DWS-CIO Vedda. Ausschlaggebend seien Emittenten-Qualität, Verschuldungsgrad und Refinanzierungsfähigkeit – da die Fehlertoleranz sinke, werde gezielte Selektion zum zentralen Erfolgsfaktor.
Eine Dimension, die in den Credit-Analysen von PIMCO und DWS implizit mitschwingt, benennt CNBC-Moderator Jim Cramer explizit: Es ist der Anleihenmarkt selbst, der derzeit das grösste Risiko für die gesamte Vermögenspreisdynamik darstellt.
«The bond market's wrath can smackdown any stock market no matter how robust», warnte Cramer nach dem jüngsten Renditeanstieg bei US-Treasuries. Hintergrund: Steigende Ölpreise und eskalierende Spannungen im Iran-Konflikt haben die Inflationserwartungen neu befeuert und die Wahrscheinlichkeit von Fed-Zinssenkungen gedrückt. Die zehnjährige Treasury-Rendite stieg auf Jahreshöchststände.
Für die Kreditmärkte bedeutet dies eine Doppelbelastung: Höhere risikofreie Zinsen erhöhen die Refinanzierungskosten der Emittenten – gerade derjenigen mit höherem Verschuldungsgrad, die DWS explizit als besonders anfällig einordnet. Gleichzeitig sinkt die relative Attraktivität von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, was Spreadausweitungen begünstigen kann.
Fazit: Der Kreditmarkt ist im Grunde gesund, aber in einer fragilen Spätphase. Hohe Gewinnerwartungen, enge Spreads und ein sensibles makroökonomisches Umfeld lassen wenig Spielraum für Enttäuschungen.
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Breite Marktexposure reicht nicht mehr aus. Wer in diesem Umfeld in Unternehmensanleihen investiert, braucht eine sorgfältige Emittentenauswahl, eine klare Sektordifferenzierung – und einen wachen Blick auf die Entwicklung der US-Staatsanleiherenditen als übergeordneten Taktgeber.