18.09.2026, 05:57 Uhr
Die vergangene Woche markiert einen Wendepunkt in der globalen Geldpolitik: Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen haben Fed, Bank of Japan und EZB im selben Monat gleichzeitig die Zinsen angehoben. Was als...
Vor der geldpolitischen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) am Donnerstag, 24. September, deutet die Datenlage klar auf ein Stillhalten beim Leitzins von 0,00 Prozent hin. Ökonomen von UBS, Raiffeisen und Nomura rechnen mehrheitlich mit keiner Änderung. Dennoch hat sich der geldpolitische Diskurs verschoben.
Der Zinserhöhungszyklus ist nicht mehr nur ein fernes Risiko, sondern eine reale Grösse in den Markterwartungen. Laut UBS haben die Märkte ihre Erwartungen deutlich nach oben revidiert: Ende August war bis Juni 2027 eine Erhöhung um rund 25 Basispunkte eingepreist, Mitte September bereits rund 60 Basispunkte. Beim Timing gehen die Prognosen der Institute auseinander: UBS sieht den ersten Zinsschritt weiterhin erst im Juni 2027, während BAK Economics bereits im Dezember 2026 mit einer ersten Erhöhung rechnet.
Schauen wir uns die Zahlen an: Die Schweizer Jahresteuerung kletterte im August von 0,4 auf 0,8 Prozent – der höchste Stand seit knapp zwei Jahren, aber weiterhin deutlich innerhalb des SNB-Zielbands von 0 bis 2 Prozent. Die Kerninflation blieb mit rund 0,4 Prozent sehr niedrig, was gegen ein überhastetes Handeln spricht. Getrieben wurde der jüngste Anstieg vor allem von höheren Wohnkosten sowie steigenden Benzin-, Diesel- und Heizölpreisen.
Die Bundesökonomen erwarten trotz des Anstiegs für 2026 und 2027 im Schnitt weiterhin nur 0,6 Prozent Inflation – unter der Annahme rückläufiger Erdölpreise an den Terminmärkten. Die Risiken sind jedoch asymmetrischer geworden: Ein länger andauernder Konflikt im Mittleren Osten, höhere Öl- und Gaspreise sowie ein schwächerer Franken könnten die importierte Inflation zusätzlich anheizen. Für sich allein reicht ein Wert von 0,8 Prozent nicht für eine Zinserhöhung. Würde die Teuerung jedoch nachhaltig Richtung 1 Prozent oder darüber steigen, zugleich die Kerninflation anziehen und der Franken schwach bleiben, wäre eine geldpolitische Normalisierung eher zu begründen.
Die SNB trifft auf eine spürbar robustere Wirtschaft als noch im Sommer erwartet. Die Expertengruppe des Bundes hat ihre BIP-Prognose für 2026 von 0,9 auf 1,7 Prozent nahezu verdoppelt; für 2027 rechnet sie weiterhin mit 1,6 Prozent Wachstum. Ein Blick auf die Details relativiert die Stärke allerdings: Im zweiten Quartal legte das sporteventbereinigte BIP um aussergewöhnlich hohe 1,5 Prozent zu, wovon fast die Hälfte auf die volatile chemisch-pharmazeutische Industrie entfiel. Für das zweite Halbjahr erwartet der Bund deshalb eine Normalisierung der Dynamik. Positiv wirken ein günstigeres internationales Umfeld, stärkere Exporte und die jüngste Frankenabwertung, während die Binnennachfrage nur moderat wachsen dürfte. Die Arbeitslosenquote wird für 2026 auf 3,1 Prozent und für 2027 auf 3,0 Prozent geschätzt – kein Überhitzungssignal, aber auch kein Hinweis auf eine Abschwächung.
Damit entfällt ein klassisches Argument für eine anhaltende Nullzinsphase: Die Konjunktur benötigt derzeit offenbar keine zusätzliche monetäre Stützung. Umgekehrt sieht die SNB noch keinen binnenwirtschaftlichen Überhitzungsdruck, der einen sofortigen restriktiven Schritt erzwingen würde.
Ein Zinsschritt der SNB wäre vor allem ein Signal: Die Nationalbank will verhindern, dass steigende Energiepreise, ein weicherer Franken und eine solide Nachfrage sich in dauerhaft höherer Inflation, Lohnforderungen oder breiterem Preisdruck niederschlagen. Konkret würde dies SARON-Hypotheken relativ rasch verteuern, während sich die Wirkung auf Festhypotheken über Kapitalmarktzinsen und Erwartungen indirekter entfaltet. Auch für Pensionskassen, Anleihenmärkte und zinssensitive Branchen wie Immobilien und Bau wäre ein Kurswechsel spürbar.
Für eine Wende ist es zu früh: Die SNB dürfte am Donnerstag noch abwarten. Der geldpolitische Diskurs hat sich aber verschoben. Aus der Frage nach weiteren Zinssenkungen wird damit zunehmend die Frage, wann die SNB mit einer vorsichtigen Normalisierung beginnt. Für die Kommunikation nach dem Entscheid dürften deshalb weniger der unveränderte Leitzins selbst als drei Punkte entscheidend sein: die neue Inflationsprognose der SNB, die Einschätzung zum Franken sowie die Frage, ob das Direktorium die höheren Energiepreise als temporären oder als breiteren Inflationsimpuls einstuft.