Die SNB, CoreWeave und das KI-Exposure passiver Anleger

Wie viele Indexanleger ist auch die SNB den Risiken aus KI-Investitionen direkt und indirekt ausgesetzt (Bild: Shutterstock)
Wie viele Indexanleger ist auch die SNB den Risiken aus KI-Investitionen direkt und indirekt ausgesetzt (Bild: Shutterstock)

Tech-Investoren schwanken zwischen Euophorie und Banken. Verkaufen, Halten, Diversifizieren? Mitten drin sitzt die Schweizerische Nationalbank (SNB). Sie hielt im Juni Aktien von CoreWeave, dem Rechenzentrumsbetreiber, der derzeit zum Symbol für die Schulden hinter dem KI-Boom geworden ist. Was heisst dies für institutionelle Anleger?

27.10.2026, 07:21 Uhr
Asset Management | Banken | Notenbanken

Redaktion: asc

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat per 30. Juni 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC US-Aktien im Wert von 191,39 Milliarden US-Dollar gemeldet. Das sind so viel wie nie zuvor. Die sogenannte 13F-Meldung umfasst Beteiligungen an über 2'300 in den USA kotierten Unternehmen.

Darunter sind auch 767'068 Aktien des Rechenzentrumbetreibers CoreWeave. Zum Kurs von 99,54 US-Dollar Ende Juni entsprach das 76,4 Millionen US-Dollar oder 0,04 Prozent des gemeldeten Portfolios. Im zweiten Quartal kamen 78'600 Aktien hinzu.

Doch seit dem Einstieg bei CoreWeave hat sich das Bild im Bereich KI-Aktien gedreht. Am Montag, 26. Oktober, fiel die CoreWeave-Aktie im frühen Handel auf 51,24 US-Dollar, den tiefsten Stand seit Mai 2025, und schloss nach einer Erholung bei 55,19 US-Dollar. Auf den Bestand von Ende Juni gerechnet sind das noch 42,3 Millionen US-Dollar, ein Minus von 44,6 Prozent oder 34,0 Millionen US-Dollar.

Ob die SNB seither Aktien gekauft oder verkauft hat, zeigt erst die Meldung zum dritten Quartal, die bis Mitte November fällig ist. Gemessen an einem Portfolio dieser Grösse ist der Verlust ein Rundungsfehler. Er kostet das gemeldete Portfolio rechnerisch 0,02 Prozentpunkte.

Ein Börsengang, ein Abstieg

Das Beispiel CoreWeave zeigt: Auch wer sehr vorsichtig und indexorientiert investiert, wie das die SNB tut, steckt derzeit im Wechselbad der Emotionen. Hier wird gewarnt, da euphorisch gejubelt.

Zurück zu CoreWeave: Diese ging im März 2025 zu 40 US-Dollar pro Aktie an die Nasdaq. Das Unternehmen vermietet Rechenleistung auf Nvidia-Chips an KI-Firmen und Hyperscaler und finanziert den Ausbau zu einem grossen Teil mit Fremdkapital. Die Finanzschulden stiegen gemäss Quartalsbericht von 7,9 Milliarden US-Dollar Ende 2024 auf 35,1 Milliarden US-Dollar Ende Juni 2026. Zählt man die Leasingverpflichtungen hinzu, sind es rund 51,6 Milliarden US-Dollar. Im September kam eine Wandelanleihe über 4,2 Milliarden US-Dollar dazu. Im Juni 2026 wurde CoreWeave in den Nasdaq 100 aufgenommen, 15 Monate nach dem Börsengang.

Im Oktober kam der Einbruch. Die Anleihe mit Fälligkeit 2031 und einem Coupon von 9,75 Prozent handelte zeitweise bei rund 79 Prozent des Nennwerts, was einer Rendite von fast 16 Prozent entspricht. Die Prämie für fünfjährige Kreditausfallversicherungen (CDS) erreichte laut Benzinga am 22. Oktober ein Rekordhoch von 1'167 Basispunkten und lag am Montagmorgen bei 1'148 Basispunkten. Vor einem Jahr waren es 421.

Wer CoreWeave-Schulden über 10 Millionen US-Dollar absichern will, zahlt damit rund 1,15 Millionen US-Dollar pro Jahr. Solche Niveaus gelten am Kreditmarkt als Zeichen von Stress. Die Aktie liegt rund 70 Prozent unter ihrem Allzeithoch. CEO Michael Intrator hielt in einer internen Mitteilung dagegen: Der Auftragsbestand decke die Schuldverpflichtungen mehr als ab. Dieser Bestand beläuft sich auf über 104 Milliarden US-Dollar.

Die Analysten sind uneins. UBS hat die Abdeckung im September mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 120 US-Dollar aufgenommen. Analyst Karl Keirstead argumentierte, die Kreditwürdigkeit von CoreWeave hänge vor allem an den Kunden, und diese seien solide. Das Marktforschungsinstitut Gartner warnt dagegen, die Umsätze mit KI würden nicht ausreichen, um auf allen geplanten Investitionen profitable Renditen zu erzielen.

Die Kette hinter der Beteiligung

Wem also soll man glauben? Keirsteads Argument führt zum eigentlichen Punkt. CoreWeave ist kein isoliertes Unternehmen, sondern ein Knoten in einem Netz aus Lieferanten, Kunden, Investoren und Kreditgebern. Und die grössten Teile dieses Netzes sind kotiert.

  • Nvidia liefert die Chips, ist Aktionär und Garant zugleich. Im Januar 2026 investierte der Chipkonzern weitere 2 Milliarden US-Dollar in CoreWeave, zu 87,20 US-Dollar pro Aktie. Zum Kurs vom 26. Oktober ist diese Tranche rechnerisch noch rund 1,27 Milliarden US-Dollar wert. Zudem hat sich Nvidia verpflichtet, bis April 2032 nicht verkaufte Rechenkapazität von CoreWeave abzunehmen. Der Anfangswert dieser Abnahmegarantie lag bei 6,3 Milliarden US-Dollar.
  • Microsoft war der grösste Kunde. 2025 entfielen laut Geschäftsbericht rund 67 Prozent des CoreWeave-Umsatzes auf den Softwarekonzern. Im zweiten Quartal 2026 kam der grösste Kunde noch auf 36 Prozent, der zweitgrösste auf 26 Prozent. Namen nennt der Quartalsbericht nicht.
  • Meta hat mit CoreWeave Verträge über bis zu 14,2 Milliarden US-Dollar bis 2031 und weitere bis zu 21 Milliarden US-Dollar bis 2032 abgeschlossen. Am 26. Oktober kündigte der Konzern an, bis zu 95 Milliarden US-Dollar an Eigenkapital aufzunehmen, um den KI-Ausbau zu finanzieren: zunächst 22,5 Milliarden in Stammaktien und 12,5 Milliarden in Vorzugsaktien, ab 2027 bis zu 60 Milliarden über stimmrechtslose C-Aktien. Nvidia, AMD und Broadcom signalisierten unverbindlich Interesse, zusammen bis zu 5 Milliarden US-Dollar davon zu zeichnen. Die Chiplieferanten würden damit Aktionäre ihres Kunden, der mit dem Geld ihre Chips kauft.
  • Banken wie Morgan Stanley, J.P. Morgan und Goldman Sachs haben den Börsengang begleitet und Kreditfinanzierungen arrangiert. Vermögensverwalter wie Blackstone, BlackRock und Carlyle stehen auf der Gläubigerseite.

Auch nicht kotierte Kunden wie OpenAI, mit Verträgen über bis zu 22,4 Milliarden US-Dollar, und Anthropic gehören zum Netz. Sie sind ihrerseits eng mit Microsoft, Nvidia, Amazon und Alphabet verflochten. Anthropic hat bekanntlich diese Woche den Börsenprospekt eingereicht. Kommt der Mega-Börsengang zustande, wird ein weiterer Teil dieses Netzes kotiert und landet früher oder später in den Indizes.

Was das für das SNB-Portfolio bedeutet

Legt man diese Verbindungen über das SNB-Portfolio, ändert sich die Grössenordnung. Und hier wird es spannend, denn diese Situtation kennen derzeit viele Index-Anleger auch. Bei der SNB machen Nvidia, Microsoft und Meta Ende Juni zusammen 23,9 Milliarden US-Dollar oder 12,5 Prozent des gemeldeten US-Portfolios aus. Das ist gut dreihundertmal so viel wie die direkte CoreWeave-Position. Doch es ist nicht nur das reine Tech-Exposure, dass hier offensichtlich wird: Auch Banken und Vermögensverwalter, die bei diesen Firmen – nicht nur bei CoreWeave – auf der Finanzierungsseite sind, sind Teil des SNB-Portfolios.

Das heisst nicht, dass ein Ausfall von CoreWeave diese Konzerne ernsthaft gefährden würde. Für Nvidia oder Microsoft wäre er verkraftbar. Es heisst aber, dass sich das KI-Risiko eines Portfolios nicht an der Grösse einzelner Spezialwerte ablesen lässt. Es steckt in der Bewertung der grössten Positionen. Die Kursreaktion im Oktober hat gezeigt, wie eng die Titel zusammenhängen: Als die CoreWeave-Anleihen unter Druck kamen, verlor der Philadelphia-Halbleiterindex innert sechs Handelstagen 11,6 Prozent. Es ist also dieser Netzwerk-Effekt, den vielen Beobachtern Bauchschmerzen verursacht.

Eine Auswertung von investrends.ch auf Basis der 13F-Meldung der SNB zeigt die Gewichte. Zwanzig ausgewählte KI-, Technologie- und Softwarewerte, von Nvidia bis Atlassian, machten Ende Juni 63,7 Milliarden US-Dollar oder 33,3 Prozent des gemeldeten US-Portfolios aus. Auf die acht grössten Positionen, Nvidia, Apple, Microsoft, Alphabet (beide Aktienklassen), Amazon, Broadcom und Meta, entfielen allein 30,1 Prozent.

Unternehmen Wert 30. Juni 2026 Gewicht im US-Portfolio Kursveränderung bis 26. Oktober
Nvidia 13,03 Milliarden US-Dollar 6,8 Prozent +8,0 Prozent
Apple 11,98 Milliarden US-Dollar 6,3 Prozent +18,9 Prozent
Alphabet (A und C) 10,47 Milliarden US-Dollar 5,5 Prozent −11,2 Prozent
Microsoft 7,42 Milliarden US-Dollar 3,9 Prozent +42,8 Prozent
Amazon 6,51 Milliarden US-Dollar 3,4 Prozent +4,5 Prozent
Broadcom 4,79 Milliarden US-Dollar 2,5 Prozent −12,9 Prozent
Meta 3,49 Milliarden US-Dollar 1,8 Prozent +11,9 Prozent
AMD 2,67 Milliarden US-Dollar 1,4 Prozent −8,5 Prozent
Palantir 0,72 Milliarden US-Dollar 0,4 Prozent +70,4 Prozent
Oracle 0,71 Milliarden US-Dollar 0,4 Prozent −14,0 Prozent
CoreWeave 0,08 Milliarden US-Dollar 0,04 Prozent −44,6 Prozent

Quelle: 13F-Meldung der SNB per 30. Juni 2026; Schlusskurse vom 26. Oktober 2026; Berechnung investrends.ch. Modellwerte bei unveränderten Stückzahlen.

Wichtig auch aus Sicht der hiesigen Politik: Unter dem Strich ist die Bilanz für die SNB bisher positiv. Bei unveränderten Beständen sind die zwanzig Titel seit Ende Juni um 9,3 Prozent oder 5,9 Milliarden US-Dollar auf 69,7 Milliarden US-Dollar gestiegen. Microsoft und Apple haben die Verluste bei Alphabet, Broadcom und CoreWeave mehr als ausgeglichen. Im ersten Halbjahr 2026 verbuchte die SNB auf ihren Aktien Kursgewinne von 22,9 Milliarden Franken. Doch wie fragil diese Bilanz ist, zeigen die nächsten Tage, wenn die Tech-Unternehmen die Quartalsresultate offenlegen.

Passiv heisst: das Marktrisiko halten

Die SNB kommentiert einzelne Anlagen nicht. Auf Anfrage von investrends.ch verweist sie auf ihren Ansatz: Sie verfolge mit ihren Aktienanlagen «einen möglichst marktneutralen, passiven Investitionsansatz, indem sie die einzelnen Aktienmärkte in ihrer Gesamtheit abbildet». Sie nehme «grundsätzlich keine Titelselektion vor» und verzichte auf eine Über- oder Untergewichtung einzelner Sektoren. Damit werde sichergestellt, «dass das Portfolio den unterschiedlichen Risiken ungefähr im selben Mass ausgesetzt ist, wie die Gesamtheit der global kotierten Unternehmen und dass sich strukturelle Veränderungen der globalen Wirtschaft auch im Portfolio der SNB widerspiegeln».

Die Zahlen passen dazu. Die Gewichte der grössten Positionen liegen nahe an jenen der breiten US-Indizes. Im zweiten Quartal reduzierte die SNB die Stückzahlen bei den meisten grossen Tech-Titeln um 3 bis 9 Prozent, bei CoreWeave stieg der Bestand um gut 11 Prozent. Das ist kein Widerspruch. In einem passiven Portfolio folgt der Bestand dem Indexgewicht. Ein Titel, dessen Börsenwert oder frei handelbarer Anteil wächst, bekommt automatisch mehr Gewicht.

Für eine Zentralbank hat dieser Ansatz gute Gründe. Wer keine Titel auswählt, setzt keine Signale an den Märkten und muss keine Anlageentscheide gegenüber Unternehmen begründen. Die Kehrseite ist ebenso klar: Wenn sich der Weltmarkt auf wenige Konzerne und einen einzigen Investitionszyklus konzentriert, konzentriert sich auch das Portfolio. Die Diversifikation über 2'300 Titel ist formal breit, wirtschaftlich hängt ein grosser Teil am selben Thema.

Jeder Indexanleger hält dieselbe Kette

Die SNB ist dabei kein Sonderfall. Sie ist ein besonders sichtbarer Indexanleger. Der MSCI World gewichtete die USA per Ende September mit 72,9 Prozent und den Sektor Informationstechnologie mit 31,8 Prozent. Die zehn grössten Titel kamen zusammen auf 27,9 Prozent, angeführt von Nvidia mit 5,8 Prozent. Im S&P 500 lag das Gewicht der zehn grössten Titel im Juni bei über 37 Prozent. Laut Goldman Sachs war es auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase rund 27 Prozent.

Wer einen ETF auf den Nasdaq 100 hält, besitzt seit Juni auch CoreWeave direkt. Wer einen MSCI-World-ETF hält, ist über Nvidia, Microsoft und Meta indirekt mit dem Geschäftsmodell verbunden. Bei Schweizer Pensionskassen zeigt sich dasselbe Muster. Laut dem Pensionskassen-Jahrbuch 2025 von PPCMetrics entfielen Ende 2024 durchschnittlich 2,7 Prozent der Aktienanlagen auf Nvidia, 2,5 Prozent auf Microsoft und 2,2 Prozent auf Apple. Luzius Neubert von PPCMetrics warnte damals, eine starke Abweichung von den Marktgewichten berge ihrerseits das Risiko einer Underperformance, «die kaum zu rechtfertigen wäre».

Wo das Exposure sonst noch steckt

Hinzu kommt eine Ebene, die in keiner Aktienmeldung erscheint. Die KI-Infrastruktur wird zunehmend über Anleihen, Private Credit und Infrastrukturfonds finanziert. Rick Rieder, der CIO von BlackRock, spricht gegenüber Bloomberg von dieser einzigartigen («exciting») Situation im Bereich Fixed Income. Sicher ist: Das Geschäft mit Anleihen, mit privaten Schuldpapieren hat dank des KI-Booms ganz neue Dimensionen erreicht, die sogar den Schweizer Franken beeinflussen, da sich einige der grossen Tech-Konzerne derzeit gerne in Franken verschulden.

Wer CoreWeaves Schulden hält, lässt sich aus öffentlichen Quellen nur teilweise nachvollziehen. Genannt werden grosse internationale Kreditfonds und Banken. Ein konkreter Schweizer Gläubiger lässt sich bisher nicht belegen.

Das bedeutet nicht, dass es keine Schweizer Exponierung gibt. Ein Investor kann über einen Kreditfonds, einen Infrastrukturfonds oder ein Anleihenmandat beteiligt sein, ohne in einem Kreditkonsortium aufzutauchen. Für die SNB gilt die gleiche Einschränkung: Die 13F-Meldung erfasst nur in den USA kotierte Aktien. Ob und in welchem Umfang die Nationalbank Anleihen von KI-Konzernen hält, lässt sich daraus nicht ablesen.

Fazit

Die CoreWeave-Position der SNB ist klein. Sie ist kein Fehler der Anlagepolitik, sondern ihre logische Folge der Anlagestrategie, die sehr indexnahe ist. Lehrreich ist sie trotzdem, weil sie zeigt, wie weit das KI-Exposure über die einzelne Beteiligung hinausreicht. Eine passive Anlegerin hält nicht nur einzelne Spezialwerte, sondern das ganze Netz dahinter: Chiphersteller, Hyperscaler, Banken. Das gilt für die Nationalbank genauso wie für die Pensionskasse mit Indexmandat und den Privatanleger mit Welt-ETF. Marktneutral heisst nicht risikoneutral. Es heisst, das Risiko des Marktes zu tragen, wie es gerade ist. Und dieser Markt setzt im Moment zu einem grossen Teil auf KI.

Private Kredite eröffnen institutionellen Anlegern neue Ertragschancen und eine Diversifikation des Portfolios (Bild: Swiss Life AM)

Private Credit mit Schweizer Fokus – eine neue Renditequelle für Pensionskassen

Attraktive Renditen mit klassischen Schweizer Obligationen sind rar...

Advertorial lesen
Werbung
Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung