Wie Anleger das Leben von Menschen verbessern können

Mit der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation für Menschen, die schlechte Lebensbedingungen haben, noch zusätzlich verschärft. (Bild: Shutterstock.com/Yury Birukov)
Mit der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation für Menschen, die schlechte Lebensbedingungen haben, noch zusätzlich verschärft. (Bild: Shutterstock.com/Yury Birukov)

Die Wirtschaft hat die Pandemie überstanden. Doch wie ist Menschen zu helfen, die nun keinen Zugang zu Nahrung, Gesundheitsversorgung, Finanzdienstleistungen oder Bildung mehr haben? Impact-Experten von Vontobel erläutern Hintergründe und geben Antworten.

13.06.2021, 06:00 Uhr

Redaktion: rem

Berichte des World Food Programme der Vereinten Nationen und anderer globaler Organisationen deuten darauf hin, dass sich die Situation für Menschen, die schon vor der Pandemie unter schlechten Lebensbedingungen gelitten haben, jetzt noch erheblich verschlechtert hat. Die Menschheit sei langsam, aber sicher auf dem Weg der Besserung – so lautete die hoffnungsvolle Botschaft des vor der Pandemie veröffentlichten Bestsellers "Factfulness" des schwedischen Arztes und Statistikers Hans Rosling. Allerdings sah er ein grosses Risiko für weitere Fortschritte in den Bereichen Begrenzung des weltweiten Bevölkerungswachstums, bessere Bildungschancen und effektive Gesundheitsversorgung in einer möglichen globalen Pandemie – und genau dieser Fall ist jetzt laut den Experten von Vontobel eingetreten.

"Wie lassen sich solche Probleme angehen? Wir als Anleger können beispielsweise durch einen Fokus auf Unternehmen, die den ökologischen und sozialen Wandel vorantreiben, dazu beitragen, das Leben von Menschen zu verbessern. Vor welchen Herausforderungen stehen wir heute", fragen Pascal Dudle, Head of Listed Impact und Portfolio Manager, Matthias Fawer, Analyst ESG & Impact Assessment und Marco Lenfers, Client Portfolio Manager – und geben Antworten.

  • Mehr Menschen leiden Hunger
    Laut dem World Food Programme (WFP) hat die Pandemie das Hungerproblem in der Welt verschärft. Aufgrund der Pandemie ist laut WFP2 das Leben und die Existenzgrundlage von 265 Mio. Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bedroht, im Vergleich zu 135 Mio. Menschen vor der Gesundheitskrise. Zudem meldet die Weltbank, dass die Nahrungsmittelpreise seit Januar 2020 weltweit um 38% gestiegen sind. Sie warnt davor, dass sich eine steigende Zahl von Haushalten hinsichtlich der Qualität und Menge von Nahrungsmitteln beschränken müsste. Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam schlagen ebenfalls Alarm und fordern zum Handeln auf.
  • Bildungschancen verschlechtern sich
    Die pandemiebedingten Schulschliessungen haben die Fortschritte im Bildungsbereich um Jahre zurückgeworfen. Vor der Pandemie belief sich gemäss einem Bericht der Vereinten Nationen die geschätzte Zahl von Kindern, die bis 2030 keine Schule besuchen können, auf über 200 Mio. Online-Unterricht ist für 500 Mio. Schüler – vorwiegend in den ärmsten Ländern – keine Alternative. Aufgrund des ungleichen Fortschritts bei Impfungen ist in vielen Regionen unklar, wann die Schulen wieder geöffnet werden.
  • Kinderarbeit nimmt zu
    Die Zahl der Kinder, die als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden, ist zwischen 2000 und 2016 um rund 100 Mio. zurückgegangen – von 246 Mio. auf 152 Mio. –, aber die Pandemie und ihre Sekundäreffekte wie Schulschliessungen haben die Situation wieder verschärft. Die Zahl der Kinder, die körperliche und häufig gefährliche Arbeiten verrichten, ist in Afrika am höchsten (72 Mio.). Die meisten von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft oder als Viehhirten.
  • Gesundheitssysteme sind überlastet
    Gemäss einer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Studie hat die Pandemie Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften weltweit enorm geschädigt. Dabei hat sie die Unterschiede in der Verfügbarkeit von Gesundheitsleistungen zwischen dem "globalen Norden" und dem "globalen Süden" offengelegt. Das Magazin verwies dabei auf die unverhältnismässig hohen Infektions- und Todeszahlen bei Schwarzen und ethnischen Minderheiten in Grossbritannien und bei Afroamerikanern.
  • Ungleichheit nimmt wieder zu
    Seit 1980 hat die Einkommensungleichheit trotz einiger positiver Entwicklungen am unteren Ende der globalen Einkommenspyramide stark zugenommen, wie aus einem Bericht der Vereinten Nationen zu nachhaltiger Entwicklung hervorgeht. Zwar verzeichnete die ärmste Hälfte der Bevölkerung weltweit einen deutlichen Einkommenszuwachs, vorwiegend bedingt durch das starke Wachstum in Asien. Allerdings entspricht dieser Anstieg nur 12% des globalen Gesamtzuwachses, von dem 27% auf das reichste Prozent der Weltbevölkerung entfielen. In den USA hat sich beispielsweise die Produktivität der Arbeiter seit den 1980er Jahren verdoppelt, jedoch fliessen fast alle Gewinne Führungskräften, Unternehmern und Investoren zu.

Wirkungsbereiche mit sozialen Aspekten

"Dies sind einige der Probleme, vor denen wir heute stehen. Nun sind wir ja der Überzeugung, dass Anleger das Leben von Menschen verbessern können. Wie können wir dies glaubhaft untermauern? Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Impact-Anleger genau nachvollziehen wollen, welche ökologischen und sozialen Vorteile ihre Anlagen bringen", so die Experten.

Sie verweisen auf das "Global Impact Equities"-Produkt von Vontobel, das zum Teil auf ihrer langjährigen Clean-Tech-Strategie basiere, aber den Schwerpunkt stärker auf sozialen Wandel lege. "Wir erklären die Anlagebegründung für Global Impact Equities mit 'Wirkungsbereichen': Das sind unserer Meinung nach diejenigen vielversprechenden Bereiche, in denen innovative Unternehmen etwas bewirken können, indem sie durch gewinnorientierte Tätigkeiten zum Gemeinwohl beitragen. Zur Abbildung und Messung des Fortschritts haben wir für jeden dieser Wirkungsbereiche Bewertungs-indikatoren (Key Performance Indicators, KPIs) festgelegt."

  • Nachhaltige Nahrungsmittel und Landwirtschaft
    Obwohl es ausreichend Nahrung gibt, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren, leiden immer noch Millionen von Menschen unter Hunger. Eine widerstandsfähige Landwirtschaft, ein einfacher Zugang zu Technologie und Märkten sowie die Verringerung von Nahrungsmittelabfällen könnten die Lösung sein. Für Nahrungsmittelsicherheit bei gleichzeitiger Reduzierung von ökologischen und sozialen Nachteilen braucht es eine ökologische und faire Landwirtschaft, effiziente Bewässerung und Düngung, sichere und hygienische Verpackung sowie eine effiziente Logistik. Indikatoren zur Messung der von Unternehmen erzielten Fortschritte sind beispielsweise die Menge an vermiedenen Nahrungsmittelabfällen oder der Schutz der Artenvielfalt.
  • Gesundheit und Wohlergehen
    Eine Gesundheitsversorgung für alle setzt den Zugang zu sicheren und wirksamen Medikamenten und Impfstoffen voraus. Dies beinhaltet die Unterstützung von Forschung und Entwicklung sowie die Verbesserung der Sanitärinfrastruktur. Innovative Gesundheitstechnologien und Automatisierung können die Kosten senken. KPIs zur Fortschrittsmessung umfassen eine Kennzahl, die den Zugang zu Gesundheitsversorgung und sanitären Einrichtungen erfasst.
  • Chancengleichheit
    Die Alphabetisierungsrate ist dramatisch gestiegen. Allerdings bestehen weiterhin grosse Unterschiede: Kinder aus den ärmsten Haushalten und solche aus ländlichen Gegenden in Entwicklungsländern haben schlechtere Aussichten, eine Schule zu besuchen. Eine inklusive, gute Ausbildung ist eines der wirksamsten Mittel, um die Chancen von Kindern zu verbessern. Durch Bildung sind Menschen in der Lage, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben sowie gesünder und länger zu leben. "Zu den KPIs, die wir zur Fortschrittsmessung einsetzen, gehören Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Finanzdienstleistungen für Minderheiten und Angehörige einkommensschwacher Familien", erläutern die Experten weiter.
  • Nachhaltiger Konsum
    Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger nachhaltiger Entwicklung erfordert die Verbesserung unserer Umweltbilanz. Ein möglicher Ansatz hierfür ist ihrer Ansicht nach die Anpassung unseres Konsumverhaltens. Dieser Wandel habe ja bereits begonnen: Konsumenten entscheiden sich zunehmend für umweltfreundliche Marken und unterstützen die Idee der Kreislaufwirtschaft. Unternehmen mit guten Referenzen im Bereich Nachhaltigkeit würden letztendlich von diesem Trend hin zu Umweltfreundlichkeit und sozialer Verantwortung in der Produktion oder bei der Gewinnung von Rohstoffen profitieren. Die entsprechenden KPIs zur Fortschrittsmessung umfassen Massnahmen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und der Umweltbilanz von Lieferketten.

Marktchancen – Finanzierung aus dem privaten Sektor erforderlich

"Es werden enorme Anstrengungen erforderlich sein, um diese globalen Ziele zu erreichen. Wir erwarten aber auch verstärkt Marktchancen in den Bereichen Nahrungsmittel und Landwirtschaft oder Gesundheit sowie die Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Erreichung dieser ambitionierten Ziele wird Kapital aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor erfordern, da die öffentliche Hand die Kosten nicht alleine tragen kann", betonen die Experten.

Wie immer würden innovative Unternehmen im Zentrum dieses ökologischen und sozialen Wandels stehen. Ihr Anlageprozess umfasst eine Bewertung, ob die Aktivitäten des jeweiligen Unternehmens ihren Wirkungsbereichen entsprechen, ob sie zumindest eines der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs, siehe unten) unterstützen und wie sie zu den von ihnen gemessenen Bewertungsindikatoren beitragen.

"Wir denken daher, dass wir durch die Auswahl der 'richtigen' Unternehmen einen bescheidenen Beitrag zu einer besseren Welt leisten können. Dies ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagen die ESG- und Impact-Experten von Vontobel abschliessend.

Die UN-Sustainable Development Goals

Quelle: United Nations
Quelle: United Nations
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