11.06.2026, 08:17 Uhr
Der Anlagenachmittag des Vorsorge-Symposiums 2026 war ein Lehrstück über den realen Stand der künstlichen Intelligenz im Investmentprozess: zwischen akademischer Ernüchterung und konkreter Outperformance aus...
Elon Musks Raumfahrt- und KI-Konzern SpaceX den grössten Börsengang der Geschichte vollzogen. 555,6 Millionen Aktien wurden zu je 135 Dollar platziert, das Emissionsvolumen beträgt 75 Milliarden Dollar – mehr als doppelt so viel wie beim bisherigen Rekordhalter Saudi Aramco im Jahr 2019. Die Bewertung liegt bei 1,77 Billionen Dollar; mit vollständiger Ausübung der Greenshoe-Option durch die Konsortialbanken könnte das Volumen auf rund 86 Milliarden Dollar steigen. Für institutionelle Anleger stellen sich nun drei unmittelbare Fragen: Wie realistisch ist die Bewertung? Welche Mechanik treibt den Kurs in den nächsten Wochen? Und was bedeutet der Börsengang für die IPO-Pipeline von Anthropic und OpenAI?
Das Orderbuch schloss mit einer Nachfrage von über 250 Milliarden Dollar – mehr als das Dreifache des angebotenen Volumens. Einzelanleger platzierten Orders von über 100 Milliarden Dollar und erhalten rund 20 bis 25 Prozent der plazierten Aktien. Zu den priorisierten Grossinvestoren zählen Staatsfonds aus dem Golfraum, darunter Saudi-Arabiens Public Investment Fund sowie Fonds aus Katar und Kuwait, mit je über einer Milliarde Dollar an Anteilen. BlackRock beantragte mehr als 5 Milliarden Dollar.
Die fundamentale Spannung ist offensichtlich: SpaceX erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar bei einem Nettoverlust von 4,94 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2026 belief sich das Minus auf 4,28 Milliarden Dollar bei einem Quartalsumsatz von 4,7 Milliarden Dollar. Ein wesentlicher Kostentreiber ist das Starship-Programm, in das SpaceX bislang über 15 Milliarden Dollar investiert hat. Bei einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar entspricht das einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 92 – deutlich über dem Niveau vergleichbarer Technologiekonzerne. Morningstar bewertet SpaceX mit lediglich 780 Milliarden Dollar, rund 48 Prozent unter dem Ausgabepreis.
Goldman Sachs als Lead-Underwriter sieht das anders und prognostiziert für SpaceX eine hundertfache Steigerung der KI-Erlöse auf 322 Milliarden Dollar bis 2030. Basis dafür sind bestehende Verträge für Computing-Infrastruktur mit Anthropic und Google im Umfang von bis zu 2,17 Milliarden Dollar pro Monat sowie der geplante Aufbau von KI-Rechenzentren im Orbit. Kritiker wie der Leerverkäufer James Chanos halten dagegen: «Das Total Addressable Market für den Weltraum ist unendlich. Man kann Kolonien auf dem Mars, Fabriken auf dem Mond und Datenzentren im All konstruieren, um jede Bewertung zu rechtfertigen.»
Der verlässlichste Umsatzpfeiler bleibt derzeit Starlink. Der Satelliten-Internetdienst erzielte im ersten Quartal 3,26 Milliarden Dollar Umsatz und zählt inzwischen 10,3 Millionen Kunden in 164 Ländern. Analysten verweisen allerdings auf einen strukturellen Rückgang des durchschnittlichen Umsatzes pro Abonnent: von 99 Dollar pro Monat im Jahr 2023 auf 66 Dollar im ersten Quartal 2026 – ein Rückgang von 33 Prozent über drei Jahre, auch wenn die Abonnentenzahl im selben Zeitraum von 2,3 auf 10,3 Millionen wuchs.
Für institutionelle Portfoliomanager ist die Indexmechanik der unmittelbar relevanteste Aspekt. Nasdaq hat im Mai 2026 Fast-Entry-Regeln eingeführt, nach denen SpaceX bereits nach 15 Handelstagen in den Nasdaq-100 aufgenommen wird. Der erste kritische Termin ist damit der 7. Juli 2026, der erste Handelstag nach dem Independence-Day-Wochenende. FTSE Russell geht noch weiter und nimmt SpaceX nach nur fünf Handelstagen in den Russell 1000 und Russell 3000 auf; MSCI hat ebenfalls Fast-Track-Bestimmungen bestätigt.
Die Konsequenz ist erheblich: Analysten schätzen, dass Indexfonds, die den Nasdaq-100 abbilden, rund 22 bis 27 Milliarden Dollar an SPCX-Aktien kaufen müssen – in einem engen Zeitfenster und bei einem Streubesitz von lediglich rund 3 bis 4 Prozent. London-basierte Schätzungen des Index-Rebalancing-Spezialisten Intropic gehen davon aus, dass passive Investoren innerhalb von 15 Handelstagen rund 30 Prozent des Streubesitzes halten werden – nach den alten Regeln wären es nur 4 Prozent gewesen. Teslas Aufnahme in den S&P 500 im Dezember 2020 gilt als nächster historischer Referenzpunkt für diesen Mechanismus.
Nicht fast-tracked wird SpaceX in den S&P 500: Die Indexbetreiberin S&P lehnte am 4. Juni einen entsprechenden Antrag ab und hält an der zwölfmonatigen Wartefrist fest. Eine Aufnahme ist damit frühestens Mitte 2027 möglich.
Optionen auf SPCX werden ab Dienstag, 16. Juni, gehandelt – zwei Handelstage nach dem IPO. Damit beginnt der Aufbau eines Options-Buchs auf einen 1,77-Billionen-Dollar-Titel mit einem Float von lediglich 3 bis 5 Prozent, was strukturelle Volatilität begünstigt.
Musk kontrolliert nach dem Börsengang 84 Prozent der Stimmrechte und kann sich faktisch selbst nicht als CEO absetzen. SpaceX hat auf eine variable Preisspanne während der Roadshow verzichtet und den Ausgabepreis von 135 Dollar von Beginn an festgelegt – ein ungewöhnliches Vorgehen, das die Nachfragemacht des Unternehmens gegenüber den Investmentbanken unterstreicht. Für ESG-orientierte institutionelle Anleger, insbesondere BVG-Kassen mit entsprechenden Richtlinien, stellt die Dual-Class-Struktur einen potenziellen Ausschlussgrund dar. Senatorin Elizabeth Warren forderte die SEC auf, das IPO wegen Governance-Bedenken zu verzögern – ohne Erfolg.
Das SpaceX-Debüt ist der Startschuss für eine historische IPO-Welle. Anthropic peilt einen Börsengang im vierten Quartal 2026 an, OpenAI könnte bereits im September folgen. Die jeweiligen Bewertungen werden auf über eine Billion Dollar geschätzt; Anthropics annualisierter Umsatz liegt laut CNBC bei rund 44 Milliarden Dollar, wobei das Unternehmen im zweiten Quartal 2026 erstmals einen operativen Gewinn von rund 559 Millionen Dollar erzielen dürfte.
Gemeinsam stehen SpaceX, OpenAI und Anthropic für ein Gesamtvolumen von 3 bis 3,4 Billionen Dollar, das sich künftig in den grossen Indizes abbilden wird. Goldman Sachs prognostiziert, dass das US-IPO-Gesamtvolumen 2026 erstmals 160 Milliarden Dollar überschreiten wird – nach dem Rekordwert von 156 Milliarden Dollar im Jahr 2021. Der Eröffnungskurs von SPCX ist der erste öffentliche Marktest dieser Bewertungslogik: Ein starker Start über 150 Dollar würde die Timelines von Anthropic und OpenAI beschleunigen; ein Kursrückgang unter den Ausgabepreis würde die gesamte AI-Unicorn-Valuationspremisse neu kalibrieren.
SpaceX dürfte in institutionellen Portfolios typischerweise als Thematic- oder Satellite-Position geführt werden, nicht als Core-Holding. Der direkte Zugang erfolgt über US-Broker und Banken mit Nasdaq-Marktzugang; das direkte Währungsexposure liegt in US-Dollar. Für Schweizer Pensionskassen gelten die üblichen BVG-Schranken bezüglich Diversifikation, Risikobudget und ESG-Policy. Die Governance-Struktur – Mehrstimmrechtsaktien, vollständige CEO-Kontrolle durch Musk – dürfte für streng ESG-konforme Mandate eine materielle Hürde darstellen.
Die historische Volatilität von Gross-IPOs gibt zudem zu denken: Eine Truist-Analyse von 30 grossen Technologie-Börsengängen der vergangenen 15 Jahre zeigt, dass selbst erfolgreiche Debütanten in den ersten zwölf Monaten regelmässig erhebliche Kursrückgänge verzeichneten – bevor sie nachhaltig stiegen.