25.06.2026, 08:27 Uhr
Die Botschafter der EU-Mitgliedstaaten haben am 24. Juni 2026 den sogenannten General Approach des Rates zur Reform der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) verabschiedet. Damit ist die offizielle...
Die Kombination aus Liquiditätsproblemen in Evergreen-Fonds und einem aggressiven Short-Seller-Angriff hat den Zuger Privatmarkt-Giganten in die schwerste Vertrauenskrise seit Jahren geführt. Was hat die offensive Kommunikation der vergangenen Tage ausgelöst?
Zunächst ein Rückblick. Es war eine ausserordentliche Kommunikation, die an den Märkten wenig Gutes verhiess: Partners Group, der Zuger Privatmarkt-Spezialist mit 185 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen, musste Mitte Jahr eingestehen, dass in seinem Flaggschiff-Evergreen-Fonds die Rücknahmen ausser Kontrolle geraten waren. Das Unternehmen kündigte an, Rücknahmelimiten von 5 Prozent in offenen Evergreen-Fahrzeugen durchzusetzen, sobald Rückgabeanfragen diese Schwelle überschreiten.
Der Auslöser: Für den Global Value SICAV, einen 19-jährigen offenen Flaggschiff-Fonds speziell für wohlhabende Privatkundinnen und institutionelle Vermögensverwalter, stiegen die Rücknahmeanfragen im zweiten Quartal auf geschätzte 9,8 Prozent – was den obligatorischen 5-Prozent-Gate auslöste.
CEO David Layton wählte in der Folge den Weg der offensiven Transparenz. «Liquiditätsmechanismen sind dazu da, langfristig orientierte Investoren zu schützen und sicherzustellen, dass Renditen weiterhin durch die Qualität der zugrundeliegenden Privatmarktanlagen getrieben werden – und nicht durch kurzfristige Flowdynamiken», erklärte Layton. Er betonte das «erhebliche Aufwärtspotenzial» der Portfoliounternehmen und verwies darauf, dass die Hauptfonds seit ihrer Auflage das Fünffache des Anfangskapitals zurückgegeben hätten.
In einem «komplexen» Marktumfeld setze das Unternehmen gezielt auf erhöhte Transparenz gegenüber Investoren – ein Ansatz, der sich bereits in früheren Krisen bewährt habe, so Layton.
Operativ präsentierte das Management ein gemischtes Bild: Im ersten Quartal 2026 sammelte Partners Group 8,3 Milliarden Dollar an Neugeldern ein, primär von institutionellen Investoren, die mehr als 80 Prozent der Zuflüsse ausmachten. Auch das Private-Wealth-Geschäft entwickelte sich stabil: Evergreen-Strategien verzeichneten Zusagen von 2,5 Milliarden Dollar sowie Nettozuflüsse von 0,8 Milliarden Dollar. An den Jahreszielen – Neugeldzuflüsse von 26 bis 32 Milliarden Dollar – hält das Unternehmen fest.
Was die Kommunikation von Layton de facto eingestand, ist ein klassisches strukturelles Dilemma der Private-Markets-Branche: Illiquide Privatmarktanlagen treffen auf Kunden, die plötzlich Geld abziehen wollen. Der Kernkonflikt ist klar. Evergreen-Fonds galten lange als ideales Vehikel, um dem Retailmarkt Zugang zu Private Equity zu verschaffen – mit regelmässigen Rückgabefenstern als scheinbar komfortabler Kompromisslösung. Dass dieser Kompromiss in Stressphasen nicht hält, zeigt sich jetzt deutlich.
Für die zweite Jahreshälfte rechnet Partners Group damit, dass höhere Abflüsse im Evergreen-Bereich das Nettowachstum der verwalteten Vermögen um 1 bis 2 Prozent bremsen könnten. Ein ähnlicher Effekt wird auch für das Geschäftsjahr 2027 erwartet.
Die Liquiditätsprobleme kamen zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt – mitten in einer Short-Seller-Attacke, die an der Substanz des Unternehmens rüttelte. Der US-Leerverkäufer Grizzly Research hatte am 29. April 2026 einen Bericht veröffentlicht, der behauptet, die Evergreen-Fonds des Unternehmens seien falsch bewertet – bis zu 40 Prozent der Investitionen könnten erheblich danebenliegen. Ein konsultierter Professor sprach sogar von einer «schlimmer als Wirecard»-Situation.
Die konkreten Vorwürfe im Detail: Grizzly behauptete, dass eine verstaatlichte russische Tochtergesellschaft innerhalb eines Fonds zur höheren Bewertung der entsprechenden Anlage beitrage, dass mehrere Vermögenswerte von Partners Group überhöhte Bewertungsmultiplikatoren aufweisen würden, und dass das Engagement im Softwarebereich unterschätzt worden sei.
Partners Group wies die Vorwürfe scharf zurück. Der Hedgefonds-Bericht sei «leichtfertig, diffamierend und in hohem Masse irreführend». Die Firma betont, dass ihre Bewertungen von unabhängigen Dritten geprüft würden, und verweist auf konkrete Realisierungen: So seien 90 Prozent der Beteiligung am deutschen Pharmaunternehmen Stada im ersten Quartal über dem zuletzt veröffentlichten Bewertungspreis verkauft worden.
Unabhängige Analysten bezeichneten die Vorwürfe von Grizzly Research zwar als konstruiert und irreführend, da der Leerverkäufer offenbar Portfoliounternehmen verwechsle und veraltete Bewertungsdaten zitiere. Zudem stütze sich Grizzly auf einen Fonds, der nur 3 Prozent der gesamten Private-Credit-Vermögen verwalte. Dennoch liess sich der Vertrauensschaden an den Märkten nicht vollständig neutralisieren.
Die Ankündigung des Rücknahmestopps schickte die Partners-Group-Aktie auf ein Rekordhoch an Tagesverlusten von 17 Prozent in Zürich und zog damit auch Wall-Street-Giganten und europäische Mitbewerber in einen brutalen Neubewertungsprozess der Privatmarktqualität.
In Stockholm verlor EQT über 6 Prozent, während CVC Capital Partners aus Amsterdam und Bridgepoint Group aus London um 5,8 bzw. 4 Prozent fielen.
Am Folgetag notierte die Aktie bei 778,80 Euro und lag damit zwar 2,74 Prozent im Plus – seit Jahresanfang aber verbleibt ein Minus von fast 29 Prozent. Die Erholung wirkt daher eher wie eine technische Gegenbewegung als wie Entwarnung.
Hinter der akuten Krise stehen mehrere strukturelle Faktoren, die sich im Laufe des Jahres 2026 überlagert haben:
Erstens der Übergriff der Liquiditätskrise aus Private Credit auf Private Equity. CEO Layton anerkannte, dass die Retailpanik, die zuerst im Private-Credit-Markt ausgebrochen war, nun die Kapitalstruktur in Richtung Eigenkapital überschritten hat. Da Gläubiger in einem Insolvenzfall gegenüber Aktionären vorrangig behandelt werden, ist Private Equity im Stressfall fundamental stärker exponiert.
Zweitens das KI-induzierte Software-Bewertungsproblem: Die Unsicherheit darüber, wie wertvoll Software-Investments in einer Welt generativer KI künftig noch sein werden, hat Partners Group besonders getroffen – und wurde durch den Grizzly-Bericht gezielt als Angriffsfläche genutzt.
Drittens das strukturelle Wachstumsmodell selbst: Partners Group hat erkannt, dass unter normalen Bedingungen 5 bis 10 Prozent der über 150 Portfoliounternehmen mit operativen Schwierigkeiten rechnen müssen. Das Management kündigte an, in «sozial exponierten» Bereichen künftig selektiver zu investieren.
Zwei Schlüsseldaten stehen bevor: Am 15. Juli 2026 publiziert Partners Group ein AuM-Update per 30. Juni 2026, das zeigen wird, ob die Wachstumsdynamik intakt geblieben ist. Am 1. September folgt der formale Halbjahresbericht – der eigentliche Stresstest, bei dem Investoren überprüfen werden, ob die Bewertungsvorwürfe von Grizzly durch verifizierte Drittprüfungen endgültig entkräftet werden können.
Mitgründer Alfred Gantner hat sich derweil erstmals öffentlich geäussert und betont, weiterhin ein grosses Aktienpaket zu halten und zuletzt sogar Aktien zugekauft zu haben. Am Freitagabend nach dem Kurseinbruch wurden Management-Käufe im Umfang von über 20 Millionen Franken bekannt. Ein starkes Signal – aber ob es ausreicht, um das Vertrauen der Privatinvestoren zurückzugewinnen, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen.