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Anpfiff in Mexiko-Stadt: Wie Lateinamerikas Finanzmärkte den Iran-Schock überstehen

Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ist ein profitables Geschäft. Aber wie sieht es mit den Finanzmärkten in Südamerika aus? (Bild: Adobe Stock / Montage: IT)
Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ist ein profitables Geschäft. Aber wie sieht es mit den Finanzmärkten in Südamerika aus? (Bild: Adobe Stock / Montage: IT)

Nicht nur die Fussballwelt richtet den Blick auf Lateinamerika. Auch die Anleger schauen sich den Subkontinent genauer an. Die Finanzmärkte der Region haben den Iran-Krieg deutlich robuster verkraftet als das globale Umfeld – nach einem Höhenflug bis April bremste eine Re-Eskalation des Kriegs zuletzt aber die Rally. Brasilien bleibt relativer Gewinner, Mexiko der Wackelkandidat zwischen Rohstoff-Dividende, Handelspolitik und Dollar.

10.06.2026, 18:38 Uhr
Asset Management | Finanzplätze

Redaktion: asc

Während Mexiko-Stadt, die USA und Kanada bis zum 19. Juli rund 104 Spiele austragen, sind die wirtschaftlichen Nebeneffekte für den Gastgeber im Süden beträchtlich: Allein Mexiko rechnet mit rund fünf Millionen Touristinnen und Touristen – ein willkommener Mikro-Rückenwind in einem Jahr, das geopolitisch alles andere als ruhig verlief.

Denn parallel zum Countdown auf den Anpfiff läuft seit dem 28. Februar der Krieg zwischen Iran und der von den USA und Israel angeführten Koalition. Die faktische Blockade der Strasse von Hormus – durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels fliesst – schickte einen Energiepreisschock um den Globus, der bis heute nachwirkt. Brent kletterte von rund 80 Dollar Anfang März auf zeitweise über 110 Dollar je Fass, im physischen Markt war Dated Brent kurzzeitig sogar über 140 Dollar gehandelt. Die Hoffnung auf eine Waffenruhe drückte den Preis im Mai um fast ein Fünftel zurück – der schlimmste Monatsverlust für Öl seit der Pandemie. Doch Anfang Juni sorgten erneute Angriffe für einen kurzen Wiederanstieg, bevor Iran und Israel ihre Schläge nach einem US-Appell pausierten. Brent notiert aktuell bei rund 91 bis 94 Dollar, die Strasse von Hormus bleibt unter einer Doppelblockade von Washington und Teheran weitgehend geschlossen, die Waffenruhe bleibt brüchig.

Drei Schockkanäle – und eine überraschende Reaktion

Lateinamerika ist über drei Kanäle exponiert: den Energiepreisschock, einen zwischenzeitlich festeren Dollar und globale Risk-off-Bewegungen bei Schwellenländer-Aktien und -Anleihen. Die Theorie sagt, dass High-Beta-Märkte wie Lateinamerika in solchen Phasen überproportional leiden.

Die Realität fiel über weite Strecken anders aus. Anders als entwickelte Märkte – wo vor allem Staatsanleihen unter Druck gerieten – hat sich die Region entkoppelt, in Teilen sogar positiv. Bis Mitte April führte Brasiliens Leitindex Bovespa mit rund 23 Prozent Plus die Region an, gefolgt von Argentiniens Merval (rund 23 Prozent in Pesos), Kolumbiens COLCAP (+11,7 Prozent), Mexikos IPC (+10,5 Prozent) und Chiles IPSA (+3,6 Prozent). Der US-Sender CNBC brachte es auf den Punkt: Trumps Aussenpolitik entgleise den Bullenlauf der lateinamerikanischen Börsen nicht.

Der Grund liegt in einem Zusammenspiel: Die «Sell America»-Rotation des Jahres 2025 – getrieben von Sorgen um Handelspolitik und Fed-Unabhängigkeit – hatte bereits Kapital in Schwellenländer gelenkt. Der Iran-Krieg machte den Ölpreis zum dominierenden Markttreiber, und davon profitieren rohstoffreiche Exporteure relativ. Die «Rohstoff-Dividende» überwog die kurzfristigen Belastungen.

Die jüngste Re-Eskalation Ende Mai zeigt allerdings die Grenzen dieser Resilienz: Eine zweiwöchige Verkaufswelle hat einen Teil der Gewinne wieder abgetragen. Die Region tritt zur Heim-WM damit nicht auf Rekordhoch an, sondern nach einem deutlichen Rücksetzer – und stabilisiert sich gerade erst.

Brasilien: der relative Gewinner – mit Dämpfer

Brasilien ist der Profiteur des Regimes. Höhere Öl-, Eisenerz- und Agrarpreise stützen die Schwergewichte Petrobras und Vale und verbessern die Terms of Trade. Der Bovespa markierte am 14. April mit rund 199'355 Punkten intraday ein Rekordhoch und übersprang damit auch das inflationsbereinigte Hoch von 2008. JPMorgan verweist auf Brasiliens hohes Beta gegenüber steigenden Rohstoffpreisen, Morgan Stanley hält brasilianische Aktien als Kernposition in seinem Lateinamerika-Portfolio – mit Petrobras als grösster Einzelposition.

Die Kehrseite zeigte sich zuletzt: Mit der Kriegs-Re-Eskalation Anfang Juni fiel der Index in einer zweiwöchigen Korrektur auf rund 169'800 Punkte zurück (Schluss 9. Juni) und sitzt nun «deeply oversold» direkt auf einer langfristigen Unterstützung bei etwa 166'000 Punkten. Gegenläufig wirken weiterhin Inflations- und Zinsrisiken: Die Zentralbank hielt den Leitzins lange restriktiv bei 14,75 bis 15 Prozent. Ob der Markt nach oben dreht, hängt nun stark von der globalen Stimmung – und damit am Ölpreis und an der Belastbarkeit der Waffenruhe.

Mexiko: Gastgeber mit Gegenwind aus drei Richtungen

Der WM-Gastgeber zeigt das komplexeste Bild. Mexikos IPC erreichte am 12. Februar mit 72'111 Punkten ein Allzeithoch, testete dann die Marke von 70'000 Punkten und fiel im Zuge der jüngsten Dollarstärke zurück: Am 5. Juni schloss der Index bei rund 66'141 Zählern (−1,86 Prozent), wobei der Indexrückgang die Währungsbewegung übertraf – ein Zeichen für Risk-off in den Schwergewichten, nicht bloss ein Wechselkurseffekt. Der Peso notiert bei rund 17,5 je Dollar.

Mexikos Verwundbarkeit ist weniger der Ölpreis selbst – das Land exportiert Rohöl, importiert aber Treibstoffe – als die Handelspolitik. Über allem schwebt die formelle USMCA-Überprüfung am 1. Juli. Mexiko ist inzwischen grösster Einzelhandelspartner der USA (15,5 Prozent der gesamten US-Handelsflüsse in den ersten zehn Monaten 2025), was dem Land im Review reale Verhandlungsmacht gibt. Eine Ratifizierung könnte den IPC laut Marktbeobachtern Richtung 75'000 Punkte treiben, ein Bruch die Spanne von 67'000 bis 68'000 wieder öffnen. Strukturell bleibt der Fall intakt: Das Nearshoring-Narrativ trägt, Mexiko zog bis ins dritte Quartal 2025 rekordhohe 40,9 Milliarden Dollar an Direktinvestitionen an, die Banxico senkte den Leitzins auf 6,75 Prozent mit weiterem Spielraum. Die WM-Tourismuswelle liefert zusätzlichen kurzfristigen Schub – das Finanzministerium nennt das Turnier explizit als BIP-Katalysator.

Chile, Peru, Kolumbien, Argentinien: differenziert statt pauschal

Die klassische Lehrbuch-Einteilung – Energieimporteure als Verlierer, Exporteure als Gewinner – greift 2026 nur bedingt. Chile gilt als energieintensiv und importabhängig; der IPSA hinkte mit rund 3,6 Prozent Plus der Region hinterher, gebremst durch die Anfälligkeit des Peso für importierte Energiepreis-Inflation nach der Hormus-Blockade. Peru und Kolumbien standen dank Metall- und Öl-Support klarer im Plus. Argentinien bleibt der volatilste Markt: Die Reformagenda von Präsident Milei, ein schwacher Peso und politische Risiken machen ihn anfällig, doch das Schiefergas-Becken Vaca Muerta erscheint im Kriegsumfeld als attraktiveres Investment denn je.

Die geopolitische Schicht ist real: Washington fuhr 2026 eine aggressive Regionalpolitik – von einer Operation gegen Venezuelas Führung über eine Ölblockade gegen Kuba bis zu Drohungen gegenüber Kolumbien und Mexiko. Bemerkenswert: Venezolanische Staatsanleihen legten nach der US-Aktion gegen Maduro deutlich zu. Die Märkte zeigten sich von alledem über weite Strecken unbeeindruckt.

Anleihen: Schwellenländer resilienter als entwickelte Märkte

Der bemerkenswerteste Befund betrifft die Bondmärkte. Während globale Staatsanleihen – auch klassische sichere Häfen wie Bundesanleihen und US-Treasuries – Kursverluste verzeichneten und die Renditen stiegen, erwiesen sich Schwellenländer-Anleihen nach der ersten Schockwelle als robust. Der Vermögensverwalter VanEck hält fest, dass im März die entwickelten Märkte die eigentlichen Verlierer waren und EM-Bonds lediglich Kollateralschaden – ein Muster, das an den Tarif-Ausverkauf von 2025 erinnert, dem eine Erholung folgte.

Die Spread-Ausweitung bei hartwährungsbasierten EM-Staatsanleihen blieb laut State Street Global Advisors weitgehend technisch und innerhalb historischer Mittelwerte. Mehrere Häuser positionieren sich gezielt: VanEck rotierte aus dem Golf in lateinamerikanische und afrikanische Rohstoffexporteure; PineBridge sieht bei lateinamerikanischen Unternehmensanleihen – Versorger, Metalle und Bergbau – relativen Wert gegenüber gleich gerateten Pendants weltweit. EM-Bonds bieten dabei ein Renditepolster von rund 7 bis 9 Prozent.

Was Investoren jetzt beobachten

Die grossen Häuser ordnen den Iran-Konflikt als bedeutende, aber nicht allein marktbestimmende Risikoquelle ein. Entscheidend bleiben Dauer und Energiepreis-Entwicklung. Der IWF nahm im April keine grösseren Korrekturen an seiner Wachstumsprognose für die Region vor, warnt aber, dass Netto-Energieimporteure – Zentralamerika und die Karibik – bei anhaltendem Krieg am stärksten leiden, während Exporteure wie Brasilien und Venezuela profitieren könnten. Goldman Sachs senkte seine Brent-Prognose für 2026 in Richtung 60 Dollar – allerdings unter der Annahme einer Deeskalation.

Drei Variablen prägen das zweite Halbjahr: die Belastbarkeit der Waffenruhe und die Frage, wann sich die Strasse von Hormus tatsächlich öffnet; der USMCA-Review am 1. Juli als Schlüsselrisiko für Mexiko; und die Frage, ob die Rohstoff-Dividende anhält, wenn der Ölpreis normalisiert.

Für die Region gilt damit, was sich auch im Estadio Azteca erweisen muss: Wer nach einem Rückschlag die Nerven behält, kann das Momentum zurückgewinnen. Lateinamerikas Märkte haben sich im Iran-Schock bislang erstaunlich behauptet – zum WM-Anpfiff stehen sie nach dem Rücksetzer wieder in der Stabilisierung.

Nicole Fenner, Investment Specialist Active Multi Asset Investments, UBS Asset Management

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