Anleihen im Umbruch: Warum «Fixed Income» nicht heisst, dass alles beim Alten bleibt

Anleihen werfen wieder hohe Renditen ab, doch Vorsicht und Selektion ist das Gebot der Stunde (Bild: Adobe Stock)
Anleihen werfen wieder hohe Renditen ab, doch Vorsicht und Selektion ist das Gebot der Stunde (Bild: Adobe Stock)

Der Anleihenmarkt ist im Umbruch. Damit gerät der wichtigste Baustein praktisch jedes institutionellen Portfolios spürbar in Bewegung. Was bis vor kurzem als Anker für Stabilität und verlässliche laufende Erträge galt, verlangt inzwischen deutlich mehr Feinarbeit. Was heisst das für institutionelle Anleger?

27.08.2026, 08:00 Uhr
Asset Management

Redaktion: asc

Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe war Mitte August kurzzeitig bis auf 5,33 Prozent gesprungen – das höchste Niveau seit 2007 und damit ein 19-Jahres-Hoch – und notiert aktuell (Stand 24. August) bei rund 5,17 Prozent. Auch die 10-jährige Bundesanleihe rentiert mit aktuell rund 3,18 bis 3,20 Prozent so hoch wie seit 2011 nicht mehr, also seit 15 Jahren; erst in der Vorwoche wurde mit 3,275 Prozent ein neues 15-Jahres-Hoch markiert. Beides sind, wie das BlackRock Investment Institute (BII) in seiner aktuellen Ausgabe der «Investment Perspectives» betont, keine Ausreisser, sondern Ausdruck veränderter makroökonomischer Grundfaktoren.

Was hinter dem Renditeanstieg steckt

Mehrere Kräfte wirken gleichzeitig auf die Anleihemärkte ein, und sie verstärken sich teilweise gegenseitig:

  • Fiskalische Dominanz. Die Verschuldung der USA nähert sich der Marke von 40 Billionen US-Dollar, allein im Juli lag das monatliche Defizit bei über 432 Milliarden US-Dollar. Marktbeobachter sprechen zunehmend von «fiscal dominance» – einem Regime, in dem fiskalische Zwänge die Preisbildung am langen Ende stärker prägen als die Geldpolitik selbst. Die OECD-Zentralregierungen haben 2025 rund 17 Billionen US-Dollar an Anleihen begeben, 2026 dürfte diese Summe auf 18 Billionen US-Dollar steigen – bei gleichzeitigem Rückzug der Zentralbanken aus ihren früheren Anleihekaufprogrammen. Mehr Angebot ohne proportional wachsende Nachfrage drückt auf die Kurse und treibt die Renditen.
  • Steigende Terminprämien. Anleger verlangen eine höhere Kompensation dafür, Kapital über Jahrzehnte zu binden. Barclays-Stratege Anshul Pradhan brachte es auf den Punkt: Nicht die einzelnen fiskalischen und inflationären Belastungsfaktoren seien neu, sondern ihre gemeinsame Wirkung sei inzwischen stark genug, um selbst günstige Konjunkturdaten zu überlagern.
  • Strukturell höhere Inflation und massive KI-Investitionen. Die Inflation bewegt sich in den USA wie in der Eurozone weiterhin oberhalb der Notenbankziele. Gleichzeitig konkurriert die Emissionstätigkeit von KI-Hyperscalern zur Finanzierung von Rechenzentren und Energieinfrastruktur zunehmend mit Staatsanleihen um Anlegerkapital – ein Faktor, den mehrere Marktbeobachter explizit als Treiber der Terminprämie nennen.
  • Geopolitik als Verstärker. Die diplomatische Pattsituation am Golf und Sorgen um eine mögliche längere Sperrung der Strasse von Hormuz halten die Ölpreise über 90 US-Dollar pro Barrel – ein zusätzlicher inflationärer Impuls, der die Zentralbanken in eine schwierigere Lage bringt.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass über 80 Prozent des globalen Anleiheuniversums laut BII inzwischen Renditen von über 4 Prozent bieten. Nach einem Jahrzehnt der Null- und Negativzinsen ist das eine fundamentale Umkehr. Doch die Autoren der «Investment Perspectives» warnen zugleich, dass höhere Renditen nicht automatisch höhere risikoadjustierte Erträge bedeuten. Denn auch die Risikolandschaft hat sich verschoben, nicht nur das Zinsniveau.

Die Kernbotschaft von BlackRock: Selektivität statt Autopilot

Vivek Paul, Head of Portfolio Research beim BlackRock Investment Institute, bringt die praktische Konsequenz auf den Punkt: Im aktuellen Umfeld kompensierten die Renditen das eingegangene Risiko nicht immer adäquat. Für laufende Erträge sei selektive Auswahl daher wichtiger geworden als in den Jahren zuvor. Seine drei konkreten Handlungsempfehlungen:

  1. Bei Staatsanleihen die Duration reduzieren. Lange Laufzeiten tragen zwar weiterhin einen höheren Coupon, doch sie sind der Terminprämien-Dynamik am stärksten ausgesetzt. Mehrere Häuser – darunter Capital Group und Charles Schwab – kommen unabhängig voneinander zu einem ähnlichen Schluss: Kurz- bis mittelfristige Laufzeiten (2 bis 7 Jahre) bieten aktuell ein deutlich besseres Verhältnis von Rendite zu Volatilität als der lange Teil der Kurve. Eine Versteilerung der Zinskurve – kurze Renditen fallen, während lange Renditen fiskalisch bedingt hoch bleiben – gilt in mehreren Ausblicken als wahrscheinlicheres Szenario als eine Parallelverschiebung nach unten.
  2. Bei Unternehmensanleihen flexibel bleiben. Hier liegt eine der heikelsten Fragen für institutionelle Portfolios: Investment-Grade-Spreads (ICE BofA US Corporate Index) notieren aktuell bei rund 81 Basispunkten, BBB-Anleihen bei rund 100 Basispunkten – nahe historischer Tiefstwerte, vergleichbar mit dem Niveau von 1998. High-Yield-Spreads lagen zuletzt (Stand 20. August) bei rund 275 bis 281 Basispunkten und damit im günstigsten Zehntel ihrer Historie seit dem Jahr 2000 – gegenüber einem langfristigen Median von rund 450 Basispunkten. Das Verhältnis von High-Yield- zu Investment-Grade-Spreads liegt mit rund 3,5x in etwa im langjährigen Durchschnitt, was darauf hindeutet, dass die Enge marktbreit und nicht auf einzelne Qualitätssegmente beschränkt ist. Die Fundamentaldaten der Emittenten – Verschuldungsgrad, Zinsdeckung, Liquidität – sind zwar überwiegend solide, doch mehrere Analysehäuser, darunter State Street Global Advisors, warnen ausdrücklich vor Komplacenz: Die Ausfallraten bei Sub-Investment-Grade-Schuldnern liegen mit rund 4,0 Prozent in den USA und 4,6 Prozent in Europa weiterhin über dem 20-Jahres-Median. Enge Spreads bedeuten hier: begrenztes Aufwärtspotenzial, aber ein asymmetrisches Abwärtsrisiko, falls sich die Finanzierungsbedingungen eintrüben – zumal der September traditionell den stärksten Neuemissionskalender des Jahres mitbringt, was die Aufnahmefähigkeit des Marktes testen dürfte.
  3. Nicht traditionelle Ertragsquellen einbeziehen. Dazu zählt BlackRock explizit derivate-basierte Ertragsstrategien im Aktienbereich – etwa Covered-Call- oder Options-Overlay-Ansätze, die laufende Prämieneinnahmen generieren, ohne auf klassische Anleihen-Duration zurückgreifen zu müssen. Für Portfolios, die traditionell auf die Diversifikationswirkung von Staatsanleihen gesetzt haben, ist das ein relevanter Hinweis: Lange Anleihen «pausieren» zunehmend als verlässlicher Hedge gegen Aktienschwäche, weil ihre Bewegung stärker von fiskalischen und angebotsseitigen Faktoren als von Wachstumssorgen getrieben wird.

Die Ausgabe der «Investment Perspectives» geht laut BII auch auf die Rolle privater Kreditmärkte ein. Mit rückläufiger IPO- und M&A-Aktivität bleiben mehr Unternehmen länger privat, was Private Credit und Sekundärmarktstrategien eine grössere Rolle zuweist. BlackRock beobachtet zudem, dass Phasen erhöhter Volatilität – wie zuletzt 2025 – Kreditnehmer stärker an private Finanzierungsquellen heranführen, was das Segment strukturell wachsen lässt. Für institutionelle Portfolios, die zunehmend einen «Whole-Portfolio»-Ansatz verfolgen, verschwimmt damit die traditionell scharfe Trennlinie zwischen öffentlichen und privaten Anleihemärkten weiter.

Der Swiss-Blick: Pensionskassen schichten längst um

Die Entwicklung ist nicht nur ein US-amerikanisches oder globales Phänomen – sie zeigt sich auch in der Asset Allocation Schweizer Vorsorgeeinrichtungen sehr deutlich. Gemäss der 26. Ausgabe der Schweizer Pensionskassenstudie von Swisscanto machten Obligationen Ende 2025 nur noch 27,3 Prozent der Portfolios aus, während Aktien mit 34,5 Prozent so dominant sind wie nie zuvor. Noch vor zehn Jahren waren Anleihen die wichtigste Anlageklasse in Schweizer Vorsorgeportfolios – dieser Vorsprung ist inzwischen klar an die Aktienquote übergegangen. Die durchschnittliche Nettorendite von 6 Prozent im Jahr 2025 wurde laut Studie überwiegend mit Aktien erzielt; hohe Obligationenbestände wirkten sich nicht performancefördernd aus.

Das bedeutet nicht, dass Anleihen für Schweizer Institutionelle irrelevant geworden sind – im Gegenteil: Bei Renditen von über 4 Prozent im globalen Anleiheuniversum und einer im Vergleich zu den vergangenen 15 Jahren deutlich attraktiveren Ausgangslage gewinnt der Bereich laufende Erträge wieder an Bedeutung für die Erfüllung von Verpflichtungsstrukturen. Die zentrale Frage für Vorsorgeeinrichtungen dürfte daher weniger «Aktien oder Anleihen» sein als vielmehr, wie granular innerhalb des Anleihenuniversums selektiert wird – Laufzeit, Emittentenqualität, Region und Instrument.

Der Fels in der Brandung hat Risse

Anleihen bleiben der wichtigste Baustein institutioneller Portfolios – aber die Zeiten, in denen ein breit diversifiziertes Staatsanleihen-Exposure allein für Stabilität und verlässliche Erträge sorgte, sind vorerst vorbei. Die Kombination aus struktureller Fiskaldominanz, historisch engen Kreditspreads und einer veränderten Absicherungsfunktion langer Laufzeiten verlangt von institutionellen Anlegern eine deutlich aktivere Steuerung: kürzere Duration bei Staatsanleihen, selektive Kredit-Exposures statt breiter Beta-Wetten auf Unternehmensanleihen, ein Blick auf private Kreditmärkte sowie ergänzende, nicht traditionelle Ertragsquellen. BlackRocks Formel «Income restored – but stay flexible» lässt sich für Schweizer institutionelle Anleger konkret übersetzen: Die Erträge sind zurück, doch sie verlangen inzwischen ein deutlich aktiveres und selektiveres Management als in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten.

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