26.10.2026, 07:28 Uhr
Calpers und weitere grosse Pensionskassen reduzieren ihr Exposure gegenüber US-Tech-Titeln. Die Magnificent Seven verloren letzte Woche netto rund 420 Milliarden US-Dollar.
Quartalszahlen, Notenbankentscheide und die US-Zwischenwahlen fallen in wenige Tage. Neuberger rechnet bis Anfang November mit mehr Volatilität, rät aber vom Rückzug ab. Wer investiert bleibt und selektiv vorgeht, dürfte von der üblichen Jahresendstärke profitieren.
Die Rallye, die den S&P 500 von Rekord zu Rekord getragen hat, muss sich in diesen Tagen gleich dreifach bewähren. Die Unternehmen legen ihre Zahlen zum dritten Quartal vor, die Notenbanken entscheiden über die Leitzinsen, und am 3. November wählen die USA bei den Zwischenwahlen einen grossen Teil des Kongresses neu. Für Shannon Saccocia, Chief Investment Officer Wealth bei Neuberger, ist das eine Häufung, die für zusätzliche Unsicherheit sorgen kann.
Anleger hätten zuletzt oft vorschnell reagiert und erst danach nachgedacht, besonders beim Thema künstliche Intelligenz, schreibt Saccocia in ihrem aktuellen «CIO Weekly». Das halte die Stimmung länger gedrückt. Wie schnell es gehen kann, zeigte Meta: Nach der Vorlage der Quartalszahlen und der Ankündigung eines weiterhin hohen Investitionsbedarfs für KI geriet die Aktie unter heftigen Verkaufsdruck. Solche Ausverkäufe seien auch in den kommenden Wochen nicht ausgeschlossen. Neuberger rät trotzdem, investiert zu bleiben, flexibel und selektiv zu agieren und mögliche Turbulenzen auszusitzen.
Für das kommende Jahr erwarten Analysten insgesamt ein geringeres Gewinnwachstum. Damit rücken laut Neuberger weniger die Umsätze als die Margen in den Vordergrund. Die Nachfrage nach KI bleibt hoch, doch ein Massenprodukt für Konsumenten ist die Technologie noch nicht. Getragen wird sie vorerst von den Ausgaben der Unternehmen.
Genau hier sieht Saccocia ein Risiko. Die hohen Margen der KI-Ermöglicher der letzten zwei Jahre könnten unter Druck geraten: durch höhere Finanzierungskosten, Engpässe bei Energie und wichtigen Bauteilen sowie möglicherweise höhere Zölle und Steuern.
Zu viel Pessimismus hält sie dennoch für verfehlt. Vor sinkenden Margen sei schon oft gewarnt worden, und langfristig erfolgreiche Unternehmen fänden meist Wege, ihre Gewinne zu steigern. Bei den grossen Technologiekonzernen komme es darauf an, ob Kerngeschäfte wie Werbung und Cloud dank der hohen Investitionen weiter wachsen und ob am Ende weniger Fremdkapital nötig ist. Anleger sollten genau hinschauen: Gute Gesamtzahlen verdecken oft grosse Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmen. Der Markt reagiere häufig mit Verzögerung und strafe dann jene schnell ab, welche die Erwartungen verfehlen.
Steigende Zinsen und eine straffere Geldpolitik haben die Aktienmärkte dank hoher Gewinne und stabilen Wachstums bisher gut verkraftet. Daran dürfte sich nach Einschätzung von Neuberger so bald nichts ändern. Eine Zinserhöhung im Oktober erwartete das Haus nicht, weil ein Zinsschritt kurz vor den Wahlen eine straffere Gangart signalisiert hätte, als der Fed lieb sein dürfte.
Die US-Notenbank hat diese Einschätzung am Mittwoch bestätigt: Sie liess den Leitzins unverändert, allerdings bei zwei Gegenstimmen im Offenmarktausschuss. Neuberger hält es für möglich, dass Fed-Chef Kevin Warsh mit einem Zinsschritt bis Dezember wartet. Danach sei auch eine längere Pause plausibel, selbst wenn die US-Wirtschaft dank KI weiter wächst.
Auch die Europäische Zentralbank, die am Donnerstag tagt, dürfte laut Neuberger bis Dezember zuwarten. Die Geldpolitik im Euroraum reagiere allerdings stärker auf die Energiepreise, was den Zeitpunkt unsicherer macht. Saccocia mahnt zur Flexibilität: Eine mögliche Zinserhöhung im Dezember beseitige das Zinsrisiko nicht, sie verschiebe es nur. Steigen Inflation oder Energiepreise, sollten Anleger ihre Positionierung überprüfen.
Im Wahlkampf setzen die Parteien auf Polarisierung und schüren Ängste, sei es vor KI mit Blick auf Datenschutz und Arbeitsplätze, vor neuen Rechenzentren oder vor steigenden Konsumentenpreisen. Wichtiger als die Rhetorik sind für Neuberger die Folgen für das Wachstum der nächsten zwei Jahre und die Frage, ob neue Mehrheitsverhältnisse eine Haushaltskonsolidierung erschweren. Das könnte 2027 zum Thema werden, ebenso wie ein schwächerer Anstieg der Unternehmensgewinne.
Für die Zeit zwischen Wahl und Jahresende ist Saccocia deutlich zuversichtlicher. Regulierungen änderten sich selten über Nacht, und Aktien legten zum Jahresende oft zu. Solange die Technologiekonzerne nicht enttäuschen, rechnet Neuberger in den Wochen nach der Wahl mit einer anhaltend hohen Nachfrage nach Aktien. Kursschwankungen bis zum Wahltermin sollten Anleger nicht überbewerten und nicht verkaufen, sondern auf die saisonal meist positiven Wochen danach setzen.
KI hebt nicht mehr alle Technologiewerte gleichermassen. Der Markt belohnt laut Neuberger zunehmend klare Wachstumsperspektiven und einen guten Zugang zum Kapitalmarkt. Er unterscheidet stärker zwischen Unternehmen, die ihr Wachstum problemlos finanzieren können, und solchen, denen das nicht gelingt. In der Industrie zeigt sich ein ähnliches Bild: Bei höheren Kreditkosten werden Finanzstabilität und Zinssensitivität zu zentralen Kriterien.
Selektivität heisst für Saccocia auch, überkaufte Titel zu meiden. Der Gesundheitssektor sei bei vielen Anlegern sehr beliebt, Konsumgüterwerte dagegen aus der Mode. Gerade diese könnten weltweit stärker zulegen, als das Konsumklima vermuten lässt. Aussichtsreich findet Neuberger zudem Energie-, Grundstoff- und Rohstoffwerte. Bei diesen zyklischen Sektoren sei die Konjunktur oft wichtiger als die Titelauswahl, und kurz- bis mittelfristig sieht das Haus wenig, was ihnen schaden könnte.
Bis Jahresende dürfte die Volatilität immer wieder aufflackern, die Märkte könnten sich danach aber auch rasch stabilisieren. Neuberger rät deshalb davon ab, bei fallenden Kursen zu verkaufen. Besser sei es, die anschliessende Beruhigung für Käufe zu nutzen, und zwar bei finanzstarken Unternehmen mit soliden Margen, die auch den Herausforderungen des neuen Jahres gewachsen sind.