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Neuberger sieht einen Käufermarkt: Anleger bestimmen wieder die Preise

Jeff Blazek ist Co-Chief Investment Officer Multi-Asset Strategies bei Neuberger (Bild: Neuberger)
Jeff Blazek ist Co-Chief Investment Officer Multi-Asset Strategies bei Neuberger (Bild: Neuberger)

Die Aktienindizes notieren nahe ihren Rekordhochs. Jeff Blazek, Co-Chief Investment Officer Multi-Asset Strategies bei Neuberger, sieht den Markt trotzdem in einer anderen Phase: Weil immer mehr Aktien und Anleihen auf den Markt kommen, haben die Käufer das Sagen. Sein Haus hat deshalb die Aktienübergewichtung aufgehoben, die es seit mehreren Jahren hielt.

16.10.2026, 08:12 Uhr
Aktien | Anlagestrategie | Obligationen

Redaktion: asc

Wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, bestimmen die Käufer den Preis. Diese alte Regel aus der Volkswirtschaft wendet Blazek in seinem aktuellen «CIO Weekly» auf die Kapitalmärkte an. Das wirkt zunächst widersprüchlich. Die grossen Indizes liegen nur knapp unter ihren Allzeithochs, und es ist viel Geld vorhanden: In den USA liegen 7.9 Billionen US-Dollar in Geldmarktfonds. Rekordkurse und viel Liquidität führen meist eher zu Übertreibungen als zu disziplinierten Anlageentscheiden.

Blazek beobachtet hinter den Indexständen aber etwas anderes. Die Anleger verlangen niedrigere Kurs-Gewinn-Verhältnisse und höhere Gewinnrenditen, statt einfach dem Wachstum hinterherzulaufen. Weil Geldmarktanlagen solide Renditen abwerfen, müssen sie ihr Geld nicht schnell umschichten. Sie können warten.

Rekordindizes, aber eine schmale Marktbreite

Für Neuberger bestätigt das den eigenen Ausblick. Das Asset Allocation Committee hat im laufenden Quartal die Aktienübergewichtung beendet und sich neutral positioniert. Die Betafaktoren, die die Kurse in den vergangenen Jahren getrieben haben, verlieren an Gewicht. Gestiegene Zinsen haben zum Rückgang der Bewertungen beigetragen. Sie treffen aber nicht alle Titel gleich.

Wie ungleich der Markt läuft, zeigen die Zahlen. 56 Prozent der Aktien im Russell 2000 notieren mindestens 20 Prozent unter ihrem Jahreshoch, im S&P 500 sind es 39 Prozent. Hohe Indexstände schützen einzelne Titel also nicht vor kräftigen Verlusten. Für Anleger bedeutet das mehr Auswahl, sowohl bei den Bewertungen als auch bei den Perspektiven der Unternehmen.

Unter Druck sieht Blazek vor allem zwei Gruppen:

  • Zinssensitive Unternehmen, die sich refinanzieren müssen oder variabel verzinste Schulden tragen und die höheren Kreditkosten direkt spüren.
  • Anbieter für Haushalte mit mittleren und tieferen Einkommen, deren Kundschaft unter höheren Lebenshaltungs- und Kreditkosten leidet.

Profitieren dürften Unternehmen, deren Eigenkapitalrendite deutlich über den inzwischen höheren Kapitalkosten liegt. Bei günstigen Aktien rät Blazek, genau hinzuschauen: Manche sind aus gutem Grund tief bewertet, andere könnten echte Kaufgelegenheiten sein. Im Juli war das noch anders. Damals bestimmte die Markttechnik das Geschehen, KI-Werte schwankten stark, und hoch verschuldete Unternehmen sowie Konsumgüteraktien legten zu. Heute bilden die Kurse laut Blazek die Realität meist angemessen ab.

Anleihen: Bonität entscheidet

Am Anleihenmarkt sieht Blazek dasselbe Muster. Emittenten mit hohem Finanzierungsbedarf oder fraglicher Schuldendienstfähigkeit müssen höhere Renditen und Spreads bieten.

  • Investment Grade: Unternehmen mit hoher Verschuldung oder grossen Übernahmen mussten zuletzt deutlich breitere Spreads hinnehmen.
  • High Yield: Die Spreads von Titeln mit einem Rating von CCC oder tiefer sind auf 998 Basispunkte über US-Staatsanleihen gestiegen. So hoch lagen sie seit März 2023 nicht mehr.
  • Staatsanleihen: Auch Staaten geraten unter Beobachtung, wenn Zweifel an ihren Finanzen aufkommen. Blazek nennt zuerst Frankreich und Italien, schliesst aber weitere Länder nicht aus.

Seine Folgerung: Die Anleger arbeiten disziplinierter, prüfen jeden Titel und jeden Sektor und bewerten Risiken konsequent.

Voll investiert, aber selektiver

Neuberger hat die Aktienquote gesenkt und setzt auf Qualitätstitel und US-Large-Caps. Die Übergewichtung von Chipherstellern wurde aufgegeben, und auch bei Small Caps und Schwellenländeraktien hat das Haus abgebaut. In beiden Segmenten investiert es weiterhin gezielt in Unternehmen, die rentabler und weniger verschuldet sind als der Indexdurchschnitt.

Bei den Zinsen hält Blazek die Erwartungen des Marktes für überzogen, vor allem in den USA und möglicherweise auch in Europa. Der eher schwache US-Arbeitsmarktbericht der vergangenen Woche hat die Leitzinserwartungen bereits etwas gedämpft. Die Inflation sinke zwar langsamer, als die Notenbanken es sich wünschen, aber sie sinke. Den bisherigen Renditeanstieg hält er gemessen an Wachstum und Risiken für angemessen. Unter Druck stünden vor allem einzelne Kreditemittenten und schwächere Staatsanleihen.

Pessimistisch gegenüber Risikoanlagen ist Neuberger nach eigener Aussage nicht. Weil der Geldmarkt ordentliche Erträge liefert, könnten Anleger warten, bis sie überzeugende Titel finden. «Der Markt belohnt eine sorgfältige Titelauswahl», schreibt Blazek. «Das ist der Vorteil eines Käufermarktes.»

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