01.04.2026, 14:09 Uhr
Alfonso Gómez übernimmt ab Ende April die Führung der HSBC Swiss Private Bank. Der erfahrene Wealth-Management-Spezialist wechselt nach zwölf Jahren an der Spitze von BBVA Switzerland auf den Chefsessel eines der...
Der Financial Stability Board fordert eine deutlich strengere Aufsicht über den 2 Billionen Dollar schweren Direktkreditmarkt. Ein 400-Millionen-Dollar-Verlust bei HSBC liefert Regulatoren just in dieser Woche das konkrete Fallbeispiel zur abstrakten Warnung – und auch Schweizer Stimmen mahnen zur Vorsicht.
Die Diskussion über den Private-Credit-Sektor verschiebt sich von einer Debatte über sektorspezifische Liquiditätsrisiken hin zu einer Grundsatzfrage über Systemrelevanz und regulatorischen Handlungsbedarf. Auslöser ist ein am 6. Mai veröffentlichter Bericht des Financial Stability Board (FSB), der den Markt für direkte Unternehmenskredite explizit zu einer wachsenden Gefahr für die globale Finanzstabilität erklärt. Der FSB, dessen Sekretariat bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel angesiedelt ist, schätzt das weltweite Volumen auf 1,5 bis 2 Billionen Dollar per Ende 2024 und konstatiert, dass dieses Segment in einem längeren wirtschaftlichen Abschwung noch nie vollständig getestet wurde.
FSB-Generalsekretär John Schindler verwies in der Begründung auf die zunehmende Verflechtung zwischen Asset Managern, Banken, Versicherern und Private-Equity-Gesellschaften, die das Private-Credit-Ökosystem heute präge. Die Behörde formuliert drei Hauptkritikpunkte: intransparente Verflechtungen entlang der Wertschöpfungskette, eine zunehmende Bewertungsopazität durch private Ratings von teils unbekannten Anbietern sowie Ausfallsignale wie die Zunahme von Payment-in-Kind-Konstruktionen, bei denen Zinszahlungen nicht in bar, sondern in Form zusätzlicher Schulden geleistet werden.
Das Timing des FSB-Berichts ist alles andere als zufällig. Wenige Stunden zuvor hatte HSBC, Europas grösste Bank, einen unerwarteten Verlust von 400 Millionen Dollar gemeldet, der mit einem Betrugsfall im britischen Private-Credit-Segment zusammenhängt. CFO Pam Kaur bestätigte gegenüber Reuters, dass es sich um ein «fraud-related, secondary, securitisation exposure» mit einem britischen Finanzsponsor handle. HSBC hatte Mittel an einen Private-Equity-Sponsor verliehen, der wiederum über eine sekundäre Verbriefung in private Kreditportfolios mit Hypotheken und Konsumentenkrediten exponiert war.
Die Marktreaktion folgte umgehend: Die Aktie verlor in London rund fünf Prozent, die Bank verfehlte den Konsens-Gewinnausblick und musste die Kreditrückstellungen spürbar anheben. Für Aufsichtsbehörden illustriert der Fall die intransparente und indirekte Natur von Bankengagements im Private-Credit-Markt – genau jene Verflechtungen, die der FSB in seinem Bericht als Hauptrisikofaktor identifiziert hat.
Bereits seit Anfang April mehren sich die Indikatoren für eine zunehmende Belastung im Sektor. Laut Daten von JPMorgan sind die Risikoprämien für Kredite an Business Development Companies seit Jahresbeginn um 0,34 Prozentpunkte und gegenüber Anfang 2025 um 0,83 Prozentpunkte gestiegen. Die Ausfallraten haben sich von 3 bis 4 Prozent zu Jahresbeginn auf 8 bis 9 Prozent erhöht – die UBS prognostiziert für die zweite Jahreshälfte 2026 einen weiteren Anstieg auf bis zu 15 Prozent.
Auf der Liquiditätsseite stehen Investoren zunehmend vor verschlossenen Türen. Im laufenden Quartal konnten lediglich rund zwei Drittel der beantragten Rücknahmen von 13 Milliarden Dollar tatsächlich vollzogen werden; mehr als 4,6 Milliarden Dollar stecken hinter Rücknahmelimiten fest. Sowohl Blackstone als auch Apollo haben ihre Rücknahmebeschränkungen aktiviert und Rücknahmefenster auf 7 Prozent erweitert. Parallel dazu sind erstmals standardisierte Credit Default Swaps auf den Private-Credit-Sektor lanciert worden – ein Indiz dafür, dass die Wall Street beginnt, sich gezielt gegen Ausfälle in diesem Markt abzusichern. JPMorgan hat zudem damit begonnen, Kreditpositionen mit Technologie- und Software-Exposure systematisch nach unten zu korrigieren.
CNBC hatte am 2. Mai bereits berichtet, dass Credit Manager angesichts erhöhter Ausfallraten zunehmend auf kreative Finanzierungskonstrukte zurückgreifen – «financial alchemy», wie es im Markt genannt wird –, um das wachsende «Peak Anxiety»-Narrativ abzufedern.
Goldman-Sachs-Analysten prognostizieren, dass der Retail-Private-Credit-Sektor in den kommenden zwei Jahren zwischen 45 und 70 Milliarden Dollar an Vermögenswerten verlieren könnte. Das Segment war zuvor explosiv gewachsen: von 34 Milliarden Dollar Ende 2021 auf 222 Milliarden Dollar Ende 2025. Politisch läuft die Entwicklung in entgegengesetzter Richtung zu den Marktsignalen: Die Trump-Administration versucht über eine Executive Order, 401(k)-Sparpläne für alternative Anlagen zu öffnen – ein Vorstoss, der den regulatorischen Druck zusätzlich verkomplizieren dürfte.
Dem strukturellen Klumpenrisiko widmet der FSB einen eigenen Abschnitt: Fünf grosse Asset Manager kontrollieren rund ein Drittel aller Kreditzusagen im gesamten Private-Credit-Markt. Das macht das System anfällig für systemische Schocks, sollte einer dieser Akteure in Schwierigkeiten geraten.
Auch aus der Schweiz mehren sich kritische Töne. Steffen Meister, Verwaltungsratspräsident der Zuger Partners Group, hat öffentlich vor deutlich höheren Ausfallraten am Private-Credit-Markt gewarnt – eine Aussage, die Gewicht hat: Partners Group zählt zu den weltweit grössten Akteuren im Segment und verschafft der Debatte damit eine direkte Schweizer Dimension.
Die Kombination aus konkretem Betrugsfall, regulatorischer Eskalation und einer Häufung struktureller Stresssignale macht die laufende Woche zur bisher bedeutsamsten des Jahres für das Private-Credit-Narrativ. Ob aus der FSB-Warnung tatsächlich eine schärfere Aufsicht erwächst, ist offen – die Tonalität des Berichts und das Timing rund um den HSBC-Fall lassen jedoch wenig Zweifel daran, dass die regulatorische Front sich nun aufstellt.