Klimanotstand – der Zustand unseres Planeten

Rick Stathers, Senior GRI Analyst, Climate Specialist
Rick Stathers, Senior GRI Analyst, Climate Specialist

Im sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change – IPCC) werden die jüngsten wissenschaftlichen Studien zum Klimasystem zusammengefasst. Klimaexperte Rick Stathers von Aviva Investors hat sich genauer angeschaut, welche Belege vorliegen und welche Folgen die Erkenntnisse für Anleger haben.

04.10.2021, 10:37 Uhr

Autor: Rick Stathers, Senior GRI Analyst, Climate Specialist

Milliarden von Menschen bevölkern unseren Planeten, verbrauchen Brennstoffe, greifen zur Schaffung landwirtschaftlich genutzter Böden in die Natur ein – und haben damit die Welt verändert. Wie schwerwiegend sind die daraus resultierenden Folgen für die Atmosphäre und das Klima?

Mit dieser komplexen Frage haben sich 234 Wissenschaftler aus aller Welt im Rahmen gemeinsamer Bemühungen des Weltklimarats befasst. Der IPCC ist ein Organ der Vereinten Nationen zur Beurteilung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel, um politischen Entscheidungsträgern weltweit objektive Informationen an die Hand zu geben.

Die jüngste Zusammenfassung des IPCC ist eine klare Mahnung, dass uns die Zeit davonläuft. Der Einfluss des Menschen führt zur Erwärmung des Planeten: Jedes der letzten vier Jahrzehnte war jeweils wärmer als jedes vorangegangene, und unser Handeln wird Konsequenzen haben. Dem Bericht zufolge wird eine Begrenzung der Erderwärmung auf etwa 1,5 °C oder auch nur 2 °C nicht mehr möglich sein, wenn die Treibhausgasemissionen nicht sofort rapide und umfangreich reduziert werden.

Wir haben also den Punkt erreicht, an dem wir die Kontrolle über die künftige Entwicklung unseres Planeten Erde zu verlieren drohen. In unserem Gespräch mit Rick Stathers, Klimaexperte bei Aviva Investors, haben wir ihn um eine Bewertung der Schlussfolgerungen der Wissenschaftsgemeinde gebeten. Er führt uns die für Investoren und andere Interessengruppen wichtige Hauptbotschaft des Berichts noch einmal unmissverständlich vor Augen.

"Wir müssen Emissionen drastisch zurückfahren, und zwar jetzt. Investoren müssen den Druck auf Unternehmen, Regierungen und sich selbst erhöhen und den gesamten Anlageprozess auf das Ziel von 1,5 °C ausrichten. Subventionen für fossile Brennstoffe müssen beendet werden und es muss ein globaler CO2-Preis auf einem Niveau eingeführt werden, der den entscheidenden Anreiz für den Umstieg von CO2-intensiven Brennstoffen auf solche mit niedrigem oder gar keinem CO2-Ausstoss schafft. Politiker müssen Führungsstärke zeigen und den Bedürfnissen künftiger Generationen mehr Aufmerksamkeit schenken als den Vertretern der traditionellen Öl- und Gaskonzerne“, so sein Fazit.

Der Sechste IPCC-Sachstandsbericht umfasst Tausende von Seiten. Welche neuen Erkenntnisse gibt es?

Ziel dieses Berichts ist die Synthese aller Erkenntnisse aus den wissenschaftlichen Studien, die seit der letzten Zusammenfassung im Jahr 2013 veröffentlicht wurden.

Einer der dabei hervorgehobenen Faktoren ist das vergleichsweise moderate CO2-Budget – nur 500 Gigatonnen –, das noch zur Verfügung steht, um eine 50-prozentige Chance auf eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C über vorindustriellem Niveau zu erreichen.

In einigen früheren Szenarien war man davon ausgegangen, dass das vorgesehene CO2-Budget eine 67-prozentige Chance auf das Erreichen des 1,5 Grad-Ziels bietet. Dies bedeutet, dass wir es im Vergleich zu unseren Annahmen der letzten fünf Jahre mit einem grösseren Budget und einer geringeren Chance auf Erreichen des Temperaturziels zu tun haben.

Warum lenkt man unsere Aufmerksamkeit in diese Richtung? Wir sind nun mit Sicherheit an dem Punkt, an dem wir uns mit Optionen beschäftigen sollten, die eine höhere und nicht eine geringere Erfolgswahrscheinlichkeit bieten.

Vielleicht müssen wir uns inzwischen eingestehen, dass wir hoffen müssen. Die Lage ist kritisch (siehe Abbildung), aber wir haben immer noch eine Chance, die Auswirkungen menschlichen Handelns auf das Klima abzumildern.

Klimanotstand: Leben in Gefahr

Quelle: IPCC, 1990-2021
Quelle: IPCC, 1990-2021

Wissenschaftler scheinen sich gegenüber früheren Berichten inzwischen sicherer zu sein, was die Bewertung der Anfälligkeit des Klimasystems für Treibhausgasemissionen anbelangt. Frühere Modelle zur Vorhersage der Auswirkungen doppelt so hoher Treibhausgasemissionen gegenüber vorindustriellem Niveau ergaben recht unterschiedliche Ergebnisse. Inzwischen fallen diese jedoch recht einheitlich aus: Verdoppelt man die Emissionen gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf 520 ppm (parts per million, Anteile pro Million), ist mit einer Erderwärmung von rund 3 °C zu rechnen. (Laut IPCC-Bericht liegt die momentane atmosphärische CO2-Konzentration bei rund 410 ppm.)¹ Die potenziellen Resultate weichen weniger voneinander ab.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass zusätzliche Reaktionen des Ökosystems auf die Erderwärmung nicht vollständig in Klimamodellen berücksichtigt werden. Dazu zählen CO2-Flüsse aus Feuchtgebieten, Rückkopplungseffekte durch Flächenbrände und zusätzliche Hitze, verursacht durch beim Auftauen von Permafrostböden freigesetztes Methan. Wir wissen nicht viel über die vollständigen Auswirkungen auf das Klima, die sich aus diesen Veränderungen auf Ebene des Ökosystems ergeben.

In dem Bericht wird auch auf das Risiko von Kipppunkten (tipping points) sowie die steigende Wahrscheinlichkeit von Low Likelihood/High Impact-Ereignissen (Kombination aus geringer Wahrscheinlichkeit und erheblichen Auswirkungen) hingewiesen. Abrupte Veränderungen oder die Möglichkeit, dass alle Dominosteine in die gleiche Richtung fallen, sind nicht auszuschliessen und hätten möglicherweise verheerende Folgen.

Früheren Berichten zufolge hat sich das Amazonasgebiet, das bislang eine CO2-Senke war, aufgrund von Abholzung in eine Kohlenstoffdioxidquelle verwandelt, was die Risiken einer Austrocknung des Ökosystems erhöht. Hier kann das ganze System recht schnell kippen, da die Verdunstung aus den Bäumen Regen erzeugt. Eine Beschleunigung der Abholzung hätte wahrscheinlich auch eine schnellere Umwandlung in eine Savanne zur Folge.

Die Verdunstung erzeugt zudem atmosphärische Flüsse, die für den Transport von Regen rund um den Globus verantwortlich sind. Kommt es hier zu Veränderungen, könnte dies massive Auswirkungen auf das Wettergeschehen und die Landwirtschaft auf der ganzen Welt haben.

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Quellen
1. ‘Climate change 2021: The physical science basis’, IPCC Sixth Assessment Report, August 7, 2021

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